Die Trägerin des Augsburger Kunstförderpreises 2024 in der Sparte Literatur zu Gast bei auxliteras literarischem Questionnaire »auxlese«. Gabi Dunkel ist Mitglied des »Theter«-Ensembles und 21 Jahre alt.
auxlese: #09 mit GABI DUNKEL
Augsburger Kunstförderpreis 2024 in der Sparte Literatur

– Kurzvita
GABI DUNKEL
(Gabriele Eva Kliegl, lebt seit 2004 in Augsburg).
»Bücher und Filme begleiten mein Leben, seit ich denken kann, ich habe schon immer gemalt und geschrieben oder erzählt, ich kann mich nicht erinnern, dass es je anders gewesen wäre«, sagt Gabi Dunkel. Durch die Schule entdeckte sie auch ihre Leidenschaft fürs Theater und seit 2021 ist sie Mitglied im theter-Ensemble, wo sie schon unter einigen Regisseur/innen als Regieassistenz, Autorin und Schauspielerin arbeitete. 2022 schloss Dunkel die Mittlere Reife ab. Mit die Willküre hat sie mit zwei anderen Theter-Mitgliedern ihr erstes Theaterstück geschrieben.
Seit der Schulzeit schreibt Gabi Dunkel an einem durch eine Hausaufgabe angeregten Buch: Tagebuch eines Regenschirms, für das sie 2024 den Augsburger Kunstförderpreis in der Sparte Literatur gewonnen hat. Der Roman behandelt die Themen Familie, Kindheit, Religion, Euthanasie und Schoa; Protagonistin ist ein namenloses Mädchen mit einem halben Ohr, das in sich gekehrt am liebsten über seine Mitmenschen nachdenkt, begleitet von ihrem besten Freund, den eine Entwicklungsstörung plagt, unter den Augen seiner Mutter, des Hausmädchens und der kühlen eigenen Mutter, als nachrangiger Bestandteil einer Großfamilie.
In ihrer Freizeit beschäftigt sich Gabi Dunkel mit dem Judentum, der Geschichte des Holocausts, amerikanischer, deutscher und englischer Geschichte, Jugendliteratur und Pädagogik. Dunkel hofft, dass sie den Roman Tagebuch eines Regenschirms innerhalb der nächsten zwei Jahre fertigstellt.
► Instagram: @gabi.dunkel
► Liebe Gabi Dunkel, welchen Autor würden Sie gerne einmal persönlich kennenlernen? Und wenn Sie ihn/sie zu sich zum Dinner einladen, was würden Sie ihm/ihr kochen?
Vor ein paar Monaten ist Paul Auster gestorben, das hat mich sehr traurig gemacht, denn ihn hätte ich ehrlich gerne kennengelernt. Ich bin mir sicher, dass er Steaks mochte, ich wäre mit ihm Steaks essen im Azsteakas hier in Augsburg gegangen, danach ein Verdauungsspaziergang über den Rathausplatz und viele Zigaretten rauchen, aber das geht ja jetzt nicht mehr. Also würde ich John Irving zu einem Essen einladen, wo wir um Auster trauern können, ich würde ihm Grillparzertorte machen und ein Brathähnchen. Die Grillparzertorte bezieht sich auf mein Lieblingsbuch von ihm und Brathähnchen ist das einzige Festmahl, das ich braten kann.
► Was ist das kostbarste oder teuerste Buch, das Sie besitzen?
Am meisten hänge ich an einem, von der Urgroßmutter angefangenen, selbst geschriebenen Kochbuch, das sind die wahren Schätze, die Erinnerungen der Familie, ebenso die alten Fotoalben mit den affektierten schwarz-weiß Fotos, es ist so interessant, einen, vor 50 Jahren gestorbenen, Großonkel zu sehen, der genauso dasteht und guckt, wie es meine kleine Schwester tut.
Ansonsten haben wir auch viele, bestimmt antiquarisch wertvolle Bücher daheim, eine limitierte Auflage von Klassikern der russischen Literatur, oder einen medizinischen Ratgeber von 1920, wo noch Lobotomie empfohlen wird. Dieser Art haben wir vieles im Haus. Ich liebe diese Bücher, aber es wäre mit einiger Anstrengung trotzdem möglich sie wiederzubeschaffen. Nicht aber besagtes Kochbuch oder den einen alten, sehr kitschigen Gedichtband, wo die Widmung von meinem Uropa an meine Uroma zur Hochzeit drinstand, schön geschwungene Schrift, sehr romantisch, das sind mir dann doch die wertvollsten Bücher. Auch wenn die Gedichte schwulstig ist. Es sind Sachen, die niemals ersetzt werden können, von niemandem. Solche Bücher sind mir sehr teuer, weil sie eine Welt zum Leben erwecken, die es nicht mehr gibt, die wir aber niemals vergessen dürfen.
► Welches Buch lesen Sie zur Zeit?
Ich habe mich an Dostojewskis Schuld und Sühne herangewagt, weil ich bisher immer so viele amerikanische Autoren gelesen habe, ist es auch einmal an der Zeit, sich sich auf die andere Seite des Ozeans zu wagen, und mit Krieg und Frieden kam ich nicht weit. Gerade in diesen Zeiten ist es bestimmt keine schlechte Idee, Dostojewski oder Tolstoi zu lesen, es bewahrt einem den Glauben an die Menschheit, an alle Menschen, auch die, von denen wir zur Zeit so entsetzt sind.
► Welches Buch ist vollkommen zerfleddert, kaputt und längst in neuer Auflage erhältlich, und Sie werfen es trotzdem nicht weg?
Alle meine Harry Potter Bücher, da sind manche sogar in der Mitte durchgebrochen, ich hatte sie früher immer in meinem Schulranzen dabei. Dann noch Es von Stephen King, ist sogar eine ziemlich hässliche Ausgabe, aber so zerlesen, dass ich mich nicht davon trennen kann, es waren schöne Zeiten in denen ich dieses Buch gelesen habe. Und 4321 von Paul Auster, dem Buch haben die Zeit und mein Schulranzen auch übel mitgespielt.

Foto: Gabi Dunkel
► Haben Sie einen Lieblingsverlag oder gibt es einen Verlag, von dem Sie denken, dass er ein bemerkenswertes Portfolio hat?
Ich habe mich damit ehrlich gesagt nie beschäftigt, von welchem Verlag welches Buch kommt, aber es gefällt mir, dass Coppenrath inzwischen so viele, liebevoll gestaltete, Klassiker wie die von Jane Austen oder den Brontës herausgebracht hat. Ich denke, dass auf diese Weise junge Leser wieder mehr Lust bekommen könnten, die Klassiker zu lesen, in meiner Generation ist es inzwischen total cool, das alles zu lesen, als ich ein Teenager war, war das noch ganz anders.
► Welche Literaturveranstaltung, der Sie beiwohnten, war bisher die denkwürdigste, seltsamste oder eindrücklichste?

Im Pangäa war ich einmal bei einer Lesung junger Augsburger Schreiberlinge. Wir saßen da in diesem kleinen Raum, es war ziemlich eng, manche von uns saßen auf dem Boden oder auf Kissen und, auf der Wendeltreppe saßen diejenigen, die ihre Texte vorgelesen haben. Das hat mir sehr gefallen, kein Buffet mit Frischkäse und Lachshäppchen, keine langen Stoffkleider und Stuhlreihen. Einfach wir und die Literatur. Das war eine sehr schöne Atmosphäre und hat mich beeindruckt, dieser Mangel Steifheit, wie man sie oft bei kulturellen Veranstaltungen findet, und doch nahmen sich alle gegenseitig ernst und waren respektvoll.
► Bei welchem Buch ist es Ihnen etwas peinlich, es gelesen und für gut befunden zu haben?
Eigentlich bei keinem einzigen, alle Bücher, die ich gelesen habe, ob gut oder schlecht, haben sich auf mein Schreiben ausgewirkt, und dafür bin ich dankbar. Und alle Bücher, die ich gerne gelesen habe, nehme ich noch immer gerne in die Hand, besonders Patricia Schröders, Astrid Lindgrens oder Christine Nöstlingers Kinder- und Jugendliteratur, Strizz, Asterix, Lucky Luke usw. ich lese sie immer noch gerne, peinlich ist mir da nichts. Ich hasse Menschen, die sich ab einem gewissen Alter nur noch mit Reclam-Heften vor die Tür wagen.
Aber ich will nicht heucheln, ich würde nicht vor all meinen Freunden erwähnen, dass ich gerne Siri die Montagsfee gelesen habe, ich wollte es als Kind nur haben, weil ein hässliches, gelbes Blumenarmband, das nach zwei Minuten kaputt ging, mit enthalten war. Danach musste mein Vater es mir so gut wie jeden Abend vorlesen, weil ich es irgendwie doch toll fand. Damit werde ich bis heute daheim aufgezogen…
► Welche/n Nicht-Literaten/in würden Sie gerne einmal als Gesprächsteilnehmer beim Literarischen Quartett oder als Jury-Mitglied des Bachmann-Preises sehen?
Ich hätte gerne gewusst, wie sich Reich-Ranicki mit Klaus Kinski gemessen hätte, das wäre ein lustiger Abend geworden und irgendwas sagt mir, dass es den beiden sogar Spaß gemacht hätte.
Und als Jury-Mitglied für den Bachmann-Preis … meine alte Grundschullehrerin Frau Trier, die kannte eine Menge guter Bücher!
► Mit welchem Autor, welcher Autorin möchten Sie auf keinen Fall im Aufzug stecken bleiben?
Max Frisch, ich bin mir sicher, er hatte Mundgeruch. Ich bliebe lieber mit Homo Faber im Aufzug stecken.
► Welches Buch besitzen Sie mehrmals?
In der Zeit, wo ich ständig Garp und wie er die Welt sah gelesen habe, war wohl eine Massenexekution dieses Buches am Laufen, oder es war einfach Zufall, dass ich es in jeder zweiten Grabbelkiste meiner Straße zum Verschenken gefunden hatte. Jetzt besitze ich es viermal auf Deutsch und einmal auf Englisch.
► Von welchem Autor haben Sie die meisten Bücher im Regal?
Ich denke wir haben mindestens 30 Bibeln bei uns daheim, natürlich nicht immer die gleiche Ausgabe, alle sind verschieden. Mein Großonkel war Pfarrer, nach seinem Tod ging vieles aus der Pfarrbibliothek zu uns, ebenso die Bibeln aus anderen Haushalten von Familien und Freunden, die mit der Zeit aufgelöst wurden. Wer der Autor dieser Bücher ist, darüber lässt sich ja gerne streiten. Und mein Opa klaute bei jedem Kirchenbesuch in Italien, Frankreich oder der lateinischen Schweiz ein Gesangsbuch aus »wissenschaftlichen« Gründen, ich weiß nicht, wie viele es im Laufe seines Lebens geworden sind, meine Oma hat sie versteckt, kann sein, dass es mehr sind als wir Bibeln haben.
► Gibt es Werke, die Sie in Fremdsprache gelesen haben (und warum)?
Leider noch nicht, dafür fehlte mir immer die Geduld, obwohl mir schon welche in Originalsprache geschenkt wurden. Aber demnächst wird der Fänger im Roggen auf Englisch gelesen, ich denke, das schulde ich ihm.

► Wo, wann, wie oft und wie lesen Sie? Haben Sie eine bestimmte Eigenart beim Lesen?
Seit ich nicht mehr zur Schule gehe, fällt es mir sehr schwer zu lesen, ich habe zwölf Jahre heimlich im Unterricht, oder im Pausenhof/Mensa/Aula gelesen. Die Folge: Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn es ruhig ist. Seit ich nicht mehr zur Schule gehe, muss ich auf Straßenbahnen, McDonalds, Kentucky Fried Chicken oder andere Orte zurückgreifen, wo keine wirkliche Leseatmosphäre herrscht. Ich habe es schon als Kind nicht geschafft, in Büchereien zu lesen, mein Sessel Henriette [◄ Bild], den ich einer Freundin für dreißig Euro abgekauft habe, ist noch das Äußerste, worin ich zuhause lesen kann.
Früher habe ich dabei immer Chips gegessen und am liebsten immer Ginger Ale getrunken, oder dabei gekocht, gerade Persepolis von Marjane Satrapi hat mir immer Lust auf Spaghetti gemacht. Auch sonst esse und koche ich einfach gerne beim Lesen, das sieht man den Büchern leider irgendwann an…
► Welches Buch sollte jede/r gelesen haben?
Kommt drauf an, was damit erreicht werden soll, wenn es darum geht, genügend Schönheit für ein ganzes Leben mitzubekommen, dann empfehle ich die Asche meiner Mutter von Frank McCourt.
Wenn es darum geht, dass man nur ein Buch lesen, aber unter Intellektuellen eine gute Figur machen will, dann empfehle ich Paul Austers 4321. Das enthält so gut wie alles, worüber jeder ein bisschen was gelesen haben sollte: Sex, Politik, die Weltkriege, das Judentum in Amerika, die Gesellschaft in Amerika, Demonstrationen, Feminismus, Antisemitismus, Judaistik, der Vietnamkrieg, Prostitution, Jugend, Familie, Sport, Religion, Journalismus, Homosexualität, Tod, Schriftstellerei, New York, Filme, Liebe und allerhand Literatur. Wenn man dieses Buch aufmerksam gelesen hat, ist man gebildet genug für einen Abend unter Intellektuellen, ohne sich auch nur im Geringsten zu blamieren. Ich spreche aus Erfahrung, dieses Buch trägt mich durch den Alltag, seit ich 16 Jahre alt bin.
► Was ist Ihr Lieblingsgedicht?
In Flanders Fields
In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.
We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.
Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields
– John McCrae (1872 – 1918), Entstehungsjahr 1915
► Welche literarische Figur würden Sie gerne heiraten?
Holden Caulfield, wir stehen uns sehr nah. Aber betrügen würde ich ihn mit Phileas Fogg und jeden Tag würde ich aus dem Fenster sehen und bereuen, dass ich die Weasley-Zwillinge habe laufen lassen. Beide.
► Bei welchem Krimi-Autor (oder welchem Ermittler in der Krimi-Literatur) wären Sie gerne das fiktive Mordopfer?
Natürlich bei Agatha Christie, diese Morde sind so ausgeklügelt, kompliziert und unwahrscheinlich, ich würde mich sehr geschmeichelt fühlen, würde sich jemand so viel Mühe mit mir geben. Außerdem wollte ich schon immer mit dem Orient-Express fahren.
► Welche literarische Verfilmung / Vertonung / Bühneninszenierung / literarisch-musikalische Begegnung halten Sie für gelungen und hat Sie begeistert?
Nun, ich weiß nicht, ob das wirklich die Verfilmung eines literarischen Werkes ist, aber lassen wir einen Fünfer mal gerade sein, denn Ingmar Bergmanns Trollflöjten ist mein absoluter und tiefster Lieblingsfilm. Es war der erste Film, den ich in meinem Leben gesehen habe: Die Darsteller, die Figuren, die Musik, die Kostüme, die Gesichter, die Geräusche, all das ist in mich eingegraben. Ich sehe oder höre ihn, wenn ich traurig bin, wenn ich fröhlich bin, er passt zu jeder Stimmung und jede Minute darin steht für eine besondere Zeit in meinem Leben, jedes Jahr entdecke ich diesen Film neu, seit 19 Jahren. Ich denke, niemand hat Mozart und Schikaneder je so gut verstanden wie Ingmar Bergmann und seine Schauspieler/innen. Die Zauberflöte ist ein Teil von mir, in allen Sprachen.

► Was ist Ihre Definition von Literatur?
Das ist so schwer zu beantworten, ich habe nie versucht, Literatur zu definieren, ich habe auch nie diese gewisse Ehrfurcht vor Büchern gehabt, das war mir immer fremd, meine Bücher werden nicht gut behandelt, die waren zum Lesen da, nicht zum Anbeten, ich habe reingekritzelt, gefleddert, gerissen, ich habe sie eben sehr geliebt.
Ich habe nie über Bücher als solche nachgedacht, ich habe einfach nur schon immer gerne gelesen. Einerseits, um einer Welt zu entfliehen, die immer ein Stück weit zu kompliziert für mich war, andererseits auch einfach, weil Bücher immer da waren bei uns, sie waren so normal wie Mittagessen und Zähneputzen und sie haben mein ganzes bisheriges Leben begleitet, alle Geschichten.
Als ich klein war, da war es diese kurze, wunderbare Zeit vor dem nervigen Schlafengehen, in denen mein Vater mir immer vorgelesen hatte, mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn durch Sankt Petersburg zu wandern und mich vor Tante Polly zu verstecken, mich vor Long John Silver zu fürchten oder bei Frau Mahlzahn zur Schule zu gehen, das war einfach meine sehr frühe Kindheit.
Dann die Grundschule, in der ich mit niemandem etwas gemein hatte, bis das erste Gregs Tagebuch in der Schulbibliothek zu bekommen war, jede Woche hatte ein anderer in der Klasse es ausgeliehen, und alle anderen standen um seinen Tisch herum, um mitlesen zu können, am Anfang hatte es keiner von uns im Kinderzimmer stehen, unsere Eltern konnten sich damit nicht anfreunden. Das erste Mädchen in meiner Klasse, das ihr eigenes Gregs Tagebuch mitbrachte, war eine Heldin und wurde beneidet wie ein Jahr später das andere Kind, das seinen Nintendo mit in die Schule gebracht hatte. Ich hatte nie einen Nintendo, aber von da an waren Weihnachten und Geburtstag mit Gregs Tagebüchern bepflastert. So ist es bis heute.
Ebenso die Nächte, in denen ich heimlich aufblieb, mit Pettersson und Findus, der Katze mit Hut oder Momo. Oder diese zwei Jahre von 14 bis 16 Jahren, in denen ich ohne Freunde oder soziale Kompetenzen in eine neue Schule kam und zu überfordert war, um mich anzuschließen, ich verbrachte einfach zwei Jahre in Hogwarts, ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht erinnern im Nachhinein, ob es in meiner Zeit auf dieser Schule etwas anderes gegeben hatte als Harry Potter.
Dann zeigte mir meine Schwester Das Parfum, dieses Buch tötete die kindliche Leserin in mir, und ich wollte unbedingt mehr davon. Das fand ich in Stephen King, der mein Schreiben auf die Probe stellte, mit Stephen King begann ich diese komischen Fanfictions, die ich damals schrieb, dramaturgisch zu hinterfragen und auszuklamüsern, er weckte in mir die Liebe für die amerikanischen Autoren und brach damit eine Welle los: Paul Auster und John Irving, die in mir endlich den Schalter umlegten, auch mal Klassiker zu lesen, die ich bis dato gemieden hatte, weil ich fand, dass alle Menschen, die mal einen Klassiker gelesen hatten, eingebildet wären, dafür bin ich den beiden sehr dankbar, so war dann Wuthering Heights meine Welt, als ich ins Internat kam und mal wieder keine Freunde finden wollte.
Homo Faber brachte mich dann dazu, mein Buch »Tagebuch eines Regenschirms« zu schreiben, für das ich nun diesen Preis (den »Augsburger Kunstförderpreis 2024« im Genre Literatur – Anm. d. Red.) bekommen habe, ein wunderbares Buch. Dann kamen die anderen Brontë-Schwestern an die Reihe, die mir aber nicht halb so nahe standen wie Emily. Und wenn der lesende Teil des Gehirns ein Schwert ist, das pro Seite ein Stück weit mehr geschliffen wird, dann war er nach Wuthering Heights sehr scharf, denn danach fiel es mir einfach nicht mehr schwer, so alte Bücher zu lesen wie vielen anderen in meinem Alter, das hat mich damals in einer sehr schwierigen Zeit massiv geharnischt, ich hatte nicht gemerkt, wie sich die Welt um mich herum verändert hat in meiner Jugend, mit all dem was uns passiert ist vor Corona, nur das Buch in meiner Hand hat sich verändert, ich habe mich verändert und meine Art zu schreiben und das, was ich schrieb, veränderte sich.
Ich habe keine Definition von Literatur, sie ist einfach von frühester Kindheit an mein gelber Ziegelsteinweg und ich gehe so gerne darauf spazieren.
► Mit Ihrer Begeisterung für welche/n Autor(in) fühlen Sie sich alleine?
Oskar Maria Graf, ich kenne leider niemanden in meiner Generation, der ein Buch von ihm gelesen hätte.
► Welchen Autor werden Sie wohl nie verstehen?
Ich bin zu jung für Resignation.
► Welches Buch haben Sie immer wieder abgebrochen, es sich aber fest vorgenommen, es endlich ganz zu lesen?
Die Blechtrommel, ich will, seit ich 17 bin, die Erste in meiner Familie sein, die dieses gottverdammte Buch bis zum Ende schafft.
Ich bin auf Seite 130… seit zwei Jahren… aber ich gebe nicht auf!
► Welchen Klassiker lieben Sie?
Tom Sawyer und Huckleberry Finn, zwei der ersten Bücher, die ich überhaupt kennengelernt habe, mein Vater hat sie mir als kleines Kind immer vorgelesen. Ich bin mit den beiden aufgewachsen, sie sind wie Brüder.
► Gibt es ein Gedicht, ein literarisches Zitat oder eine literarische Szene, das/die Sie auswendig können und das/die Ihnen im Alltag immer wieder mal durch den Kopf geht?
Auf Flanderns Feldern von Lieutnant Colones John Mc Crae. Ist auch gleichzeitig mein Lieblingsgedicht (siehe oben – Anm. d. Red.). Ich habe es als kleines Kind durch den Film Was haben wir gelernt, Charlie Brown? kennengelernt, seit 17 Jahren hallt es regelmäßig in mir wieder, und immer wenn diese Felder und die Mohnblumen mich öfters als einmal pro Woche heimsuchen, dann weiß ich, dass es mir nicht gut geht und dass ich aufpassen muss.
DER SCHNELL-CHECK mit Gabi Dunkel:
• Marcel Reich-Ranicki, Thea Dorn oder Denis Scheck?
– Ranicki!
• Goethe, Schiller oder Hölderlin?
– Ja gut, Goethe, wenn’s sein muss.
• Comic oder Graphic Novel?
– Beides! Aber bei engerer Wahl Graphic Novel.
• Buch, E-Reader oder Hörbuch?
– Buch!

► Bei welchem Maler oder Musiker hätten Sie es spannend gefunden, wenn er/sie Schriftsteller geworden wäre?
Malerei und Musik setzen für mich da fort, wo Literatur einfach nicht mehr weiter kann, die Sprache der Sprachlosen quasi. Artemisia Gentileschi hatte allen Grund dazu, den Rest ihres Lebens sprachlos zu sein, und ihre Bilder haben ihren Schmerz und ihre Wut auf ewig in einen Spiegel gesperrt. Ich hätte sie aber trotzdem gerne reden hören.
► Welche Person, die kein/e Schriftsteller/in ist, sollte einmal ein Buch oder einen Gedichtsband schreiben? Wie sollte der Titel des Werks sein?
Greta Thunberg, aber erst in 25 Jahren, wenn sie begreift, dass sie genauso überfahren worden ist, wie die ganze Generation Z insgesamt, weil wir einander wenigstens etwas zu sagen haben. Wie das Buch heißen soll, hängt davon ab, wie es so in 25 Jahren aussieht auf der Erde, bis dahin wäre mein persönlicher Arbeitstitel dafür Vor 25 Jahren.
► Was würden Sie Bert Brecht fragen, wenn er heute an Ihrer Haustüre klingelt?
Brauchen wir wirklich jedes Jahr ein Brechtfestival?
► Was vermissen Sie in Augsburg als Literatur- und Buchfreund?
Ich finde es schade, dass immer mehr kleine Buchläden wegen der großen Ketten verschwinden. Nicht nur hier in Augsburg. Der/die Buchhändler/in und seine/ihre persönliche Attitüde und Geschmack sind immer das Herz eines kleinen Buchladens und macht deswegen jeden Buchladen für sich einzigartig. Große Buchläden wie Thalia und Hugendubel jedoch sind einer wie der andere, das heißt nicht, dass jemand dort schlechte Arbeit macht oder dass ich nicht gerne hinginge, es ist nur eben nicht dasselbe wie zum Beispiel der Taschenbuchladen. Ich wünschte, es gäbe sehr viel mehr kleine Buchläden in der Stadt, versteckt in den Gassen der Altstadt, verwunschen und verschroben.
– Fragen und Konzeption: Martyn Schmidt • auxlitera
WEITERLESEN ► Die bisherigen Gäste bei auxlese:
• Shida Bazyar, Autorin, Trägerin u.a. des Ulla-Hahn-Autorenpreises und des Ernst-Toller-Preises
• Franziska Gänsler, Schriftstellerin, Trägerin des Bayerischen Kunstförderpreises 2023 und des Kunstförderpreis der Stadt Augsburg 2023
• Tim Holland, Autor und Literaturvermittler, Mitbetreiber des Verlags hochroth München
• Kathrin Thenhausen, Nachwuchspreisträgerin des Schwäbischen Literaturpreises 2023
• Dr. Klaus Metzger, Landrat des Landkreises Aichach-Friedberg und promovierter Germanist
• BrechtBot, als Bertolt Brecht zu Gast in Form der künstlichen Intelligenz GPT-3
• Michael Lichtwarck-Aschoff, Träger des Schwäbischen Literaturpreises – 3. Preis 2022
• Matthias Ferber, Augsburger-Kunstförderpreis-Juror in der Sparte Literatur, Autor und Herausgeber
WEITERLESEN ► Gäste in unserer Fragebogen-Reihe Speak & Spell – Über Sprache, Sprechen, Worte:
• Diedrich Diederichsen, Autor, Hochschullehrer, Poptheoretiker
• Takuro Okada, Vermittler japanischer Kultur und Cellist
• Julian Warner, künstlerischer Leiter des Brechtfestivals 2023|24|25
• Dr. Andreas Mäckler, Biograf, Gründer des Biographiezentrums, Kursleiter für biografisches Schreiben
• Dr. Gregor Gysi, Politiker, Autor, Jurist
• Dr. Yasemin Uçan, Trägerin des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2022
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