»Man hat nur Worte.« • Franziska Gänsler

Die Schriftstellerin Franziska Gänsler zu Gast bei auxliteras literarischem Questionaire »auxlese«. Die gebürtige Augsburgerin, die heute in Neusäß wohnt, erhielt 2023 den Bayerischen Kunstförderpreis. Im März ist ihr zweiter Roman »Wie Inseln im Licht« erschienen.

auxlese: #07 mit FRANZISKA GÄNSLER
Schriftstellerin
Bayerischer Kunstförderpreis 2023
Kunstförderpreis der Stadt Augsburg 2023

Franziska Gänsler liest am Dienstag, 23. April, in Augsburg (City Club, 19.30 Uhr ► Tickets für 10 Euro bei der Schlosserschen Buchhandlung Augsburg, E-Mail annastrasse@schlossersche.de), und am Sonntag, 21. April, in Bobingen (Unteres Schlößchen, 18 Uhr) aus ihrem neuen, zweiten Roman Wie Inseln im Licht (Kein und Aber).

Die gebürtige Augsburgerin lebte eine Zeitlang in Wien, nun wohnt sie wieder in Neusäß. 2023 erhielt sie den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg und den Bayerischen Kunstförderpreis.

Kurzvita:
Hat in Berlin, Wien und Augsburg Kunst und Anglistik studiert. 2020 war sie Finalistin des 28. Open Mike. Ihr Debütroman Ewig Sommer, erschien 2022 bei Kein und Aber. Er wurde ins Französische übersetzt, für diverse Preise nominiert und 2023 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur sowie dem Kunstförderpreis der Stadt Augsburg ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman Wie Inseln im Licht erschien im März 2024, ebenso bei Kein und Aber.

Instagram: @franziska.gaensler



Liebe Franziska Gänsler, welche Autorin, welchen Autor würden Sie gerne einmal persönlich kennenlernen? Und wenn Sie sie bzw. ihn zu sich zum Dinner einladen, was würden Sie ihr/ihm kochen?
Lucia Berlin. Ich würde mit ihr im Sommer ins Parkhäusl gehen, weil da ist es schön und entspannt und ich denke, da könnten wir uns ganz gut unterhalten.

Was ist das kostbarste oder teuerste Buch, das Sie besitzen?
Ich habe gar keine teuren Bücher, kostbar sind mir aber einige, vor allem irgendwie die Gedichtbände, die ich habe, weil ich die immer wieder zur Hand nehme.

Welches Buch lesen Sie zur Zeit?
The Guest von Emma Cline. (Finde ich sehr gut)

Welches Buch ist vollkommen zerfleddert, kaputt und längst in neuer Auflage erhältlich, und Sie werfen es trotzdem nicht weg?
Meine Ausgabe von Manual for Cleaning Women von Lucia Berlin wurde schon viel verliehen und immer wieder gelesen, aber richtig zerfleddert oder so ist sie nicht. Ich mag es aber an sich, wenn man Büchern ansieht, dass sie viel mitgeschleppt wurden.

Haben Sie einen Lieblingsverlag oder gibt es einen Verlag, von dem Sie denken, dass er ein bemerkenswertes Portfolio hat?
Natürlich Kein und Aber. 😉 (Ich meine das als Witz, tatsächlich aber ernst. Ich finde K&A hat ein tolles und sehr queeres Programm, und ich bin immer wieder begeistert davon, was die so rausbringen. Sven Pfizenmaier z.B. oder Calla Henkel auf Deutsch.) Sonst mag ich den Aki Verlag gern, die verlegen tolle Leute und haben wunderschöne Cover.



Welche Literaturveranstaltung, der Sie beiwohnten, war bisher die denkwürdigste, seltsamste oder eindrücklichste?
Kürzlich war ich in der Villa Oppenheim in Berlin, da hatten Lara Sielmann und Yael Inokai das Kollektiv Daughters and Sons of Gastarbeiters eingeladen, das war ein guter Abend. Ansonsten fällt mir noch Deborah Levys Lesung im Literaturhaus Berlin ein, ich fand sie sehr charmant und klug und ich mag ihre Bücher und sie hat mir eines für meine Mutter zum Geburtstag signiert.


Bei welchem Buch ist es Ihnen etwas peinlich, es gelesen und für gut befunden zu haben?
Ich glaube mir ist es eher anders herum peinlich. Wenn mir z.B. einfällt, wie ich als Schülerin Elfriede Jelinek kritisiert habe, einfach, weil ichs noch nicht besser wusste.

Welche/n Augsburger Nicht-Literaten/in würden Sie gerne einmal als Gesprächsteilnehmer beim Literarischen Quartett oder als Jury-Mitglied des Bachmann-Preises sehen?
Meine Schwester. Sie ist witzig und sie liest gern und sie wäre ziemlich schonungslos, schätze ich.

Mit welchem Autor, welcher Autorin möchten Sie auf keinen Fall im Aufzug stecken bleiben?
Michel Houellebecq.

Welches Buch besitzen Sie mehrmals?
Keines.

Von welchem Autor / welcher Autorin haben Sie die meisten Bücher im Regal?
Eileen Myles.

Gibt es Werke, die Sie in Fremdsprache gelesen haben (und warum)?
Ich lese englische Texte fast immer im Original, manchmal lese ich aber dann die Übersetzung auch noch, aus Neugier. Ich finde es spannend, wie Übersetzer:innen es schaffen, den Ton oder Witz einer anderen Person zu übertragen. Extrem gut gelungen fand ich z.B. Milena Adams Übersetzung von Eileen Myles’ Zur Zeit, erschienen bei Matthes und Seitz.

Wo, wann, wie oft und wie lesen Sie? Haben Sie eine bestimmte Eigenart beim Lesen?
Ich lese oft und gern im Zug, am allerliebsten aber in der Früh im Bett mit meinem ersten Kaffee. Leider passiert das aber selten, weil ich mein Kind in die Schule bringe und dann arbeite.

Welches Buch sollte jede/r gelesen haben?
Dschinns von Fatma Aydemir..

Was ist Ihre Definition von Literatur?

Für mich ist Literatur eine Form von Unterhaltung, die mit viel reduzierteren Mitteln arbeitet als z.B. audiovisuelle Medien das tun können. Man hat nur Worte. Dadurch sind Texte immer auf eine Art subjektiv, keiner weiß, was genau eine andere Person sieht, wenn sie die selbe Geschichte liest.

Mein Lieblingsgedicht:
Ich lese relativ viel Lyrik, irgendwie beruhigt und berührt mich das anders als Prosa. Ich empfehle deshalb hier kein einzelnes Gedicht, sondern die Bücher Rabbit von Sophie Robinson und Hard Damage von Aria Aber. Gerade lese ich auch viel Louise Glück, die mag ich auch sehr.

Welche literarische Verfilmung / Vertonung / Bühneninszenierung / literarisch-musikalische Begegnung halten Sie für gelungen und hat Sie begeistert?
Viele, gerade fällt mir vor allem die Verfilmung von Patricia Highsmiths Der talentierte Mr Ripley mit Matt Damon ein, vielleicht weil es hier gerade so kalt ist und ich gern in Italien wär.

Mit Ihrer Begeisterung für welche/n Autor(in) fühlen Sie sich alleine?
Manchmal bin ich in Runden, in denen ich das Gefühl habe, dass nur ein sehr überholter Kanon als Literatur wahrgenommen wird. Das nervt mich, weil sich wenig so gut eignet, andere Lebensrealitäten kennen zu lernen, wie ein guter Roman und um dieser Genervtheit entgegenzuwirken hier eine kurze, subjektive Empfehlungsliste:

1. Die Ladenhüterin von Sayaka Murata
2. Der Tod des Vivek Oji von Akwaeke Emezi
3. Das Archiv der Träume von Carmen Maria Machado


DER SCHNELL-CHECK mit Franziska Gänsler:

Marcel Reich-Ranicki, Thea Dorn oder Denis Scheck?


Goethe, Schiller oder Hölderlin?
Goethe

• Comic oder Graphic Novel?
– Beides, aber selten

• Buch, E-Reader oder Hörbuch?
– Buch und E-Reader


Welchen Autor werden Sie wohl nie verstehen?


Welches Buch haben Sie immer wieder abgebrochen, es sich aber fest vorgenommen, es endlich ganz zu lesen?

Oh da gibt es viele, weil ich leicht abbreche und vermutlich lese ich keines davon jemals zu Ende, weil irgendwie gibt es immer wieder andere Bücher, die mich verlocken.

Welchen Klassiker lieben Sie?
Jane Eyre.

Gibt es ein Gedicht, ein literarisches Zitat oder eine literarische Szene, das/die Sie auswendig können und das/die Ihnen im Alltag immer wieder mal durch den Kopf geht?

Da gibt es mehrere, z.B.

At the end of my suffering there was a door.
(Das ist die erste Zeile von The Wild Iris von Louise Glück.)

Oder

In the street of money in the city of money in the country of money,
our great country of money, we (forgive us)
lived happily during the war.

(Von Ilya Kaminsky)


Bei welchem Maler / welcher Malerin oder welchem Musiker / welcher Musikerin hätten Sie es spannend gefunden, wenn er/sie Schriftsteller/in geworden wäre?
Frank Ocean. Vielleicht kommt das ja noch.



Welchen Autor, welche Autorin aus Augsburg und Region schätzen Sie?
Ich freue mich sehr auf den Roman Mimikry von Ann Esswein, der bald erscheint und an einer fiktiven Version des Königsplatzes spielt (wenn ich das richtig verstanden habe).

Welche/r Augsburg/in, der/die kein Schriftsteller/in ist, sollte einmal ein Buch oder einen Gedichtsband schreiben? Wie sollte der Titel des Werks sein?
Ich würde sehr gern die Lebensgeschichten meiner Großeltern nachlesen, aber leider haben sie die nicht aufgeschrieben und sind schon tot.

Was vermissen Sie in Augsburg als Literatur- und Buchfreundin?
Ich bin erst vor einem guten Jahr aus Wien nach Augsburg zurückgezogen und entdecke eigentlich eher Sachen, als dass ich etwas aktiv vermisse. Ich gehe z.B. sehr gern in die Stadtbücherei und bin immer wieder begeistert, was ich da alles finde, z.B. zuletzt The Chronology of Water von Lidia Yuknavitch.



– Fragen und Konzeption: Martin Schmidt • auxlitera

WEITERLESEN

Interview mit Franziska Gänsler zu ihrem Buch Ewig Sommer
Kunstförderpreis der Stadt Augsburg 2023 für Franziska Gänsler


WEITERLESEN ► Die bisherigen Gäste bei auxlese:

Tim Holland, Autor und Literaturvermittler, Mitbetreiter des Verlags hochroth München
Kathrin Thenhausen, Nachwuchspreisträgerin des Schwäbischen Literaturpreises 2023
Dr. Klaus Metzger, Landrat des Landkreises Aichach-Friedberg und promovierter Germanist
BrechtBot, als Bertolt Brecht zu Gast in Form der künstlichen Intelligenz GPT-3
Michael Lichtwarck-Aschoff, Träger des Schwäbischen Literaturpreises – 3. Preis 2022
Matthias Ferber, Augsburger-Kunstförderpreis-Juror in der Sparte Literatur, Autor und Herausgeber

WEITERLESEN Gäste in unserer Fragebogen-Reihe Speak & Spell – Über Sprache, Sprechen, Worte:

Diedrich Diederichsen, Autor, Hochschullehrer, Poptheoretiker
Takuro Okada, Vermittler japanischer Kultur und Cellist
Julian Warner, künstlerischer Leiter des Brechtfestivals 2023|24|25
Dr. Andreas Mäckler, Biograf, Gründer des Biographiezentrums, Kursleiter für biografisches Schreiben
Dr. Gregor Gysi, Politiker, Autor, Jurist
Dr. Yasemin Uçan, Trägerin des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2022


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