»Die Zauberformel, mit der du die zartesten Wege deiner Gedankengänge ablaufen kannst« • Shida Bazyar

Die Autorin Shida Bazyar zu Gast bei auxliteras literarischem Questionaire »auxlese«. Die Trägerin u.a. des Ulla-Hahn-Autorenpreises und des Ernst-Toller-Preises ist am Mittwoch, 24. Juli, zu Gast bei der »Langen Nacht der Augsburger Gespräche zu Literatur, Theater und Engagement«.

auxlese: #08 mit SHIDA BAZYAR
Autorin

© Karolina Chyzewska

Shida Bazyar ist am Mittwoch, 24. Juli (20 Uhr), als Gesprächsteilnehmerin bei der Langen Nacht der Augsburger Gespräche zu Literatur, Theater und Engagement zu Gast: Im Rahmen des Kulturprogramms zum Augsburger Hohen Friedensfests 2024 diskutieren und lesen im Sensemble Theater Schriftsteller’innen, Theaterschaffende und Musiker’innen – heuer zum Thema »Demokratie heute: Chancen, Risiken, Reflexionen«. Shida Bazyar ist Verfasserin des Gastbeitrags Es ist nicht höflich, es ist Demokratie im Programmheft (Seiten 8 und 9) des Kulturprogramms zum Friedensfest 2024.

TICKETS gibt es beim auxlitera-Ticketpartner Eventim und beim Sensemble Theater, Restkarten an der Abendkasse.


Kurzvita:

Geboren 1988 in Hermeskeil, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und war, neben dem Schreiben, viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihr Debütroman 📘 Nachts ist es leise in Teheran ► Anzeige erschien 2016 bei Kiepenheuer & Witsch und wurde mehrfach übersetzt und u. a. mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis sowie dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. 2021 folgte der Roman 📘 Drei Kameradinnen ► Anzeige , der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand. 2023 wurde ihr Werk mit dem Ernst-Toller-Preis geehrt.

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Instagram: @shida.baz


Liebe Shida Bazyar, welche Autorin, welchen Autor würden Sie gerne einmal persönlich kennenlernen? Und wenn Sie sie bzw. ihn zu sich zum Dinner einladen, was würden Sie ihr/ihm kochen?
Erich Kästner. Ich sehe uns aber nicht so richtig was essen. Ich würde ihm vielleicht eher einen Kaffee aufsetzen und Zigaretten drehen?

Was ist das kostbarste oder teuerste Buch, das Sie besitzen?
Vermutlich die Gesamtausgabe von Ernst Tollers Werk – sie war allerdings ein Geschenk bzw Teil des Ernst-Toller-Preises, deswegen bin ich über den genauen Wert nicht so richtig im Bilde.

Welches Buch lesen Sie zur Zeit?
Ich komme nicht zurück von Rasha Khayat. Ich habe mich schon seit Monaten auf dieses Buch gefreut!

Welches Buch ist vollkommen zerfleddert, kaputt und längst in neuer Auflage erhältlich, und Sie werfen es trotzdem nicht weg?
Die kleine Raupe Nimmersatt von Eric Carle. Das war eines der frühen Geschenke, die ich in meiner Kindheit von H. bekommen habe. Wer H. ist, das kann man in der Anthologie anders bleiben – Briefe der Hoffnung in verhärteten Zeiten (Rowohlt) nachlesen.

Haben Sie einen Lieblingsverlag oder gibt es einen Verlag, von dem Sie denken, dass er ein bemerkenswertes Portfolio hat?
Ich glaube, die Welt wäre um einiges schlechter, wenn es den Verbrecher Verlag nicht gäbe.

Welche Literaturveranstaltung, der Sie beiwohnten, war bisher die denkwürdigste, seltsamste oder eindrücklichste?
Ein Festival, das es nicht mehr gibt: Wir sind hier, das nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau von Selma Wels und Benno von Lange kuratiert und im Literaturhaus Frankfurt veranstaltet wurde. Das Festival gab es nur zwei Mal. Aber zwei Mal hat es geschafft, dass ich in Trauer und Wut durch Literatur und Gespräche das Gefühl von Schutz gefunden habe.

Bei welchem Buch ist es Ihnen etwas peinlich, es gelesen und für gut befunden zu haben?
Ich habe mir abgewöhnt, mich für Dinge zu schämen. Das kostet nur unnötig viel Energie. Ich ärgere mich vielleicht höchstens darüber, mit zwölf Jahren das Buch Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken von Allan und Barbara Pease gelesen zu haben. Überzeugen konnte es mich zwar schon damals nicht, aber ich habe eine Weile gebraucht, um den Quatsch wieder aus dem Kopf zu kriegen.

Welche/n Nicht-Literaten/in würden Sie gerne einmal als Gesprächsteilnehmer beim Literarischen Quartett oder als Jury-Mitglied des Bachmann-Preises sehen?
Eloy von Caught in the act

Mit welchem Autor, welcher Autorin möchten Sie auf keinen Fall im Aufzug stecken bleiben?
Monika Maron.

Welches Buch besitzen Sie mehrmals?
Little Women von Louisa May Alcott.

Von welchem Autor / welcher Autorin haben Sie die meisten Bücher im Regal?
Klaus Kordon.

Gibt es Werke, die Sie in Fremdsprache gelesen haben (und warum)?
Nein.

Wo, wann, wie oft und wie lesen Sie? Haben Sie eine bestimmte Eigenart beim Lesen?
Ich lese fast immer und egal, an welchem Ort und in welcher Situation. Das Glück als Autor*in ist ja, dass wir das Lesen immer als Teil unserer Arbeitszeit verbuchen können. Und, dass wir so häufig im Zug sitzen.

Welches Buch sollte jede/r gelesen haben?
James von Percival Everett. Und dann danach (weil das »davor« vielleicht stattgefunden hat, aber zu lange her ist) Die Abenteuer des Huckleberry Finn von Mark Twain. Und dann vielleicht nochmal Everett.

Shida Bazyar 2016 auf dem Erlanger Poetenfest • Foto: Amrei-Marie | CC BY-SA 4.0 | Wikipedia.org

Was ist Ihre Definition von Literatur?

»Literatur ist die Zauberformel, mit der du die zartesten Wege deiner Gedankengänge ablaufen kannst. Sie ist die Mixtur, um die spannendsten Menschen kennenzulernen, sie zu verstehen, dich in sie zu verwandeln.

Sie macht dich schlauer und das ist noch nicht einmal das Wichtigste an ihr. Sie macht dich sensibler, egal, wie sensibel du vorher schon warst. Sie bereitet dich auf das Leben vor, auch, wenn es fraglich bleibt, was du mit dem echten Leben eigentlich anfangen willst, wenn du doch viele tausend andere Leben leben kannst, die sich zwischen zwei Buchdeckeln abspielen und dir jeder Zeit zur Verfügung stehen, ganz ohne Bedingungen, ganz ohne Erwartungen an dich.«

– Shida Bazyar

Mein Lieblingsgedicht:
Primaner in Uniform von Erich Kästner.

Welche literarische Figur würden Sie gerne heiraten?
Josephine March.

Bei welchem Krimi-Autor (oder welchem Ermittler in der Krimi-Literatur) wären Sie gerne das fiktive Mordopfer?
Da kenne ich mich wirklich überhaupt nicht aus. Vor der Frage aber gruselt es mich.

Welche literarische Verfilmung / Vertonung / Bühneninszenierung / literarisch-musikalische Begegnung halten Sie für gelungen und hat Sie begeistert?
Zuletzt die Verfilmung von Niemand ist bei den Kälbern. Der Roman von Alina Herbing ist ja sowieso schon großartig, was auch an der starken Sprache und den dichten Beschreibungen liegt. Ich war überrascht, dass der Film es schafft, einiges davon zu übersetzen, obwohl ihm ja das grundlegende Werkzeug gar nicht zur Verfügung steht.

Mit Ihrer Begeisterung für welche/n Autor(in) fühlen Sie sich alleine?
Gerd Fuchs.


DER SCHNELL-CHECK mit Shida Bazyar:

Marcel Reich-Ranicki, Thea Dorn oder Denis Scheck?
Alle drei zusammen und dazu Popcorn.

Goethe, Schiller oder Hölderlin?
keiner

• Comic oder Graphic Novel?
– Graphic Novel

• Buch, E-Reader oder Hörbuch?
– Buch


Welchen Autor werden Sie wohl nie verstehen?
Günter Grass.

Welches Buch haben Sie immer wieder abgebrochen, es sich aber fest vorgenommen, es endlich ganz zu lesen?
Die Buddenbrooks.

Welchen Klassiker lieben Sie?
Antigone von Sophokles.

Gibt es ein Gedicht, ein literarisches Zitat oder eine literarische Szene, das/die Sie auswendig können und das/die Ihnen im Alltag immer wieder mal durch den Kopf geht?
In Elisa Asevas Über Stunden las ich neulich ihre Worte: »ist vielleicht auch einfach so, dass sich für uns, die unterwegs zur welt kamen, im unterwegssein auch am ehesten ein zuhause finden lässt« und fühlte mich sehr ertappt. Seitdem muss ich viel daran denken.

Bei welchem Maler / welcher Malerin oder welchem Musiker / welcher Musikerin hätten Sie es spannend gefunden, wenn er/sie Schriftsteller/in geworden wäre?
Frida Kahlo. Vermutlich würden ihre heutigen Texte von der Kommerzialisierung ihres Werkes handeln, aber das ist mir eigentlich gar nicht so wichtig. Viel mehr wüsste ich gerne, wie ihre Kreativität und ihr Mut sich in Schrift gelesen hätte.

Welche Person, die kein*e Schriftsteller*in ist, sollte einmal ein Buch oder einen Gedichtsband schreiben? Wie sollte der Titel des Werks sein?
Gott. Arbeitstitel: So hatte ich mir das ursprünglich eigentlich gedacht.

Was würden Sie Bert Brecht fragen, wenn er heute an Ihrer Haustüre klingelt?
Ob ich ihm einen Kaffee aufsetzen und eine Zigarette drehen darf. Kästner ist ja schon da.

Gibt es etwas, das Sie in der Literaturszene aktuell sehr vermissen?
Was ich mir definitiv wünschen würde: mehr von jenen Literatukritiker*innen, die sich in aktuellen Herrschaftsdiskursen auskennen und die überhaupt die Kompetenzen haben, um deren literarische Umsetzungen analysieren und bewerten zu können. Und vielleicht ein bisschen weniger Texte von Kritiker*innen, die uns ihre (literarisch ja eher irrelevanten) Befindlichkeiten als Rezensionen unterjubeln. Kompetenzen innerhalb aktueller Diskurse sollten keine Ausnahmeerscheinungen von Einzelpersonen mehr sein, sondern Standard. Sonst hängen wir der Gegenwart weiter um Jahrzehnte hinterher.

Ihre Eltern stammen aus dem Iran, Sie selbst sind in Rheinland-Pfalz geboren. Welche iranische Dichterin / Schriftstellerin, welchen iranischen Dichter / Schriftsteller sollte man gelesen haben?Die Geschichten von Sahmad Behrangi. Hier trifft magischer Realismus auf Kinderwelten, hier werden Ungerechtigkeiten zum Thema, ohne irgendjemanden zu schonen. Behrangi war Lehrer und hat die grausamen Realitäten seiner Schüler*innen in den Fokus seiner Geschichten gerückt. Die Texte verzichten oft auf Happy Ends, sie bieten keine Hoffnung, wo es sie nicht geben kann. Aber es ist gerade diese Ehrlichkeit, die etwas sehr Tröstendes hat, denn die wird einem als Kind ja selten zuteil.

– Fragen und Konzeption: Martyn Schmidt • auxlitera


WEITERLESEN ► Die bisherigen Gäste bei auxlese:

Franziska Gänsler, Schriftstellerin, Trägerin des Bayerischen Kunstförderpreises 2023 und des Kunstförderpreis der Stadt Augsburg 2023
Tim Holland, Autor und Literaturvermittler, Mitbetreiter des Verlags hochroth München
Kathrin Thenhausen, Nachwuchspreisträgerin des Schwäbischen Literaturpreises 2023
Dr. Klaus Metzger, Landrat des Landkreises Aichach-Friedberg und promovierter Germanist
BrechtBot, als Bertolt Brecht zu Gast in Form der künstlichen Intelligenz GPT-3
Michael Lichtwarck-Aschoff, Träger des Schwäbischen Literaturpreises – 3. Preis 2022
Matthias Ferber, Augsburger-Kunstförderpreis-Juror in der Sparte Literatur, Autor und Herausgeber

WEITERLESEN Gäste in unserer Fragebogen-Reihe Speak & Spell – Über Sprache, Sprechen, Worte:

Diedrich Diederichsen, Autor, Hochschullehrer, Poptheoretiker
Takuro Okada, Vermittler japanischer Kultur und Cellist
Julian Warner, künstlerischer Leiter des Brechtfestivals 2023|24|25
Dr. Andreas Mäckler, Biograf, Gründer des Biographiezentrums, Kursleiter für biografisches Schreiben
Dr. Gregor Gysi, Politiker, Autor, Jurist
Dr. Yasemin Uçan, Trägerin des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2022


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