Tim Holland: »Ich glaube an Literatur als soziale Praxis«

Reihe »auxlese« • Der Autor, Literaturvermittler und Verleger Tim Holland zu Gast in auxliteras literarischem Questionnare. Der Lyriker leitet beim Brechtfestival Augsburg 2024 die Schreibwerkstatt für Jugendliche »Schweiß fließt, wenn Muskeln weinen«.

auxlese: #06 mit TIM HOLLAND
Autor und Literaturvermittler
Mitbetreiter des Verlags hochroth München

Kurzvita:
Geboren 1987 in Tübingen, studierte nach einer Ausbildung zum Buchhändler am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er ist Autor und Literaturvermittler und betreibt seit 2017 zusammen mit Tristan Marquardt und Hannes Munzinger den Verlag hochroth München. Texte von Tim Holland wurden ins Chinesische (Mandarin), Englische, Französische, Rumänische und Ungarische übersetzt. Zuletzt gab er mit Lukas Dubro die SF-Anthologie Kollaps und Hope Porn – 13 Zukunftsaussichten heraus (Maro Verlag 2022).

Für sein Arbeiten erhielt er unter anderem ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg (2013), das Stipendium des Deutschen Preises für Nature Writing (2020), ein Recherchestipendium der Stadt Berlin (2021) und den ver.di-Literaturpreis Berlin-Brandenburg 2022 für Lyrik. 2023 war Tim Holland als Stadtschreiber in Hausach und Gelsenkirchen.

Instagram: _timholland

»Schweiß fließt, wenn Muskeln weinen« – Schreibwerkstatt beim Brechtfestival für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren trainiert die Kunst der Poesie.
Kostenlose Anmeldung bis 20. Februar unter schreibwerkstatt@brechtfestival.de
Termine: Fr, 23.2.2024, 16 – 18 UhrSa, 24.2.2024, 12 – 17 UhrSo 25.2.2024, 12 – 17 Uhr
Ort: Festivalzentrale des Brechtfestival 2024, Brechts Kraftklub. Langenmantelstr. 10. 86153 Augsburg
Mehr Infos www.brechtfestival.de


Herr Holland, welchen Autor würden Sie gerne einmal persönlich kennenlernen? Und wenn Sie ihn/sie zu sich zum Dinner einladen, was würden Sie ihm/ihr kochen?
Ich würde gerne für Octavia Butler Kässpätzle machen.

Was ist das kostbarste oder teuerste Buch, das Sie besitzen?
Welches Buch mein teuerstes ist, kann ich überhaupt nicht sagen. Aber ich besitze viele mir sehr kostbare Bücher. Die kostbaren Bücher sind die, in denen ich etwas finde, was mich selbst zum Denken anregt. Wenn sie im Regal fehlen, vermisse ich sie.

Welches Buch lesen Sie zur Zeit?
Ich bin gerade in einer Schreibphase. Das heißt, ich lese kreuz und quer und vor allem Bücher wieder, in denen ich etwas markiert hatte. Unter anderem: Citizen von Claudia Rankine, Exposure von Olivia Sudjic, Zukunft denken von David Christian

Welches Buch ist vollkommen zerfleddert, kaputt und längst in neuer Auflage erhältlich, und Sie werfen es trotzdem nicht weg?
Ich habe im Bücherregal nachgeschaut, ich finde alle meine Bücher sehen ganz passabel aus.

Haben Sie einen Lieblingsverlag oder gibt es einen Verlag, von dem Sie denken, dass er ein bemerkenswertes Portfolio hat?
Da gibt es sehr viele! Als ich nach dem Abitur meine Ausbildung als Buchhändler angefangen haben, ging eine Welt auf. Und klar, mein Herz schlägt für die unabhängigen Verlage, die Literatur jenseits des Mainstreams sichtbar machen. Besonders viel Herzblut fließt natürlich in den eigenen Verlag, den Tristan Marquardt, Hannes Munzinger und ich seit 2017 machen: hochroth München

Welche Literaturveranstaltung, der Sie beiwohnten, war bisher die denkwürdigste, seltsamste oder eindrücklichste?
Es gibt so viele schöne, beglückende, anregende Veranstaltungen. Aber ich glaube, ich bin auf eine gewisse Art »stolz«, Margret Atwood im Gespräch mit Claudia Rankine 2022 beim internationalen literaturfestival berlin gesehen zu haben. Eigentlich verweigere ich, von etwas anderem Fan zu sein als von Sportmannschaften. Aber da erwische ich mich wohl als Fan.

Foto: Cordula Giese

Was ist Ihre Definition von Literatur?

Wenn ich Workshops gebe, spreche ich viel darüber, was Texte können. Ich spreche dann davon, dass für mich Schreiben wie ein Nachdenken auf dem Papier ist. Beim Schreiben suche ich nach dem richtigen Wort, ich nötige mich, Dinge zu benennen, die mir sonst vielleicht noch nicht klar sind, Ängste und Hoffnungen können gleichermaßen ausgesprochen und reflektiert werden. Der geschriebene Text fordert Genauigkeit und zeigt Kausalitäten oder auch Lücken im Denken auf. Ich bin also im Dialog mit mir selbst.

Beim Schreiben denke ich nicht so viel ans Publikum. Anders als Literaturvermittler und Verleger, weil ich an Literatur als soziale Praxis glaube, dass sie ein Raum ist, der erst gemeinsam entsteht. Literatur ist ein Kommunikationsraum (und vielleicht auch -anlass), in dem wir einander über unsere Erfahrungen und Weltwahrnehmungen berichten können, wir uns nah sein oder streiten können. Wobei die ästhetische Gestaltung eine weitere Kommunikations- und Erfahrungsebene herstellt.

Bei welchem Buch ist es Ihnen etwas peinlich, es gelesen und für gut befunden zu haben?
Mir fällt keines ein. Bücher, die ich gut finde, sind mir wahrscheinlich nicht peinlich.

Welche/n Nicht-Literaten/in würden Sie gerne einmal als Gesprächsteilnehmer beim Literarischen Quartett oder als Jury-Mitglied des Bachmann-Preises sehen?
Da gibt es natürlich einige Möglichkeiten, ich schätze sehr den Blick von jenseits der eingetragenen Kreise. Da ich seit über zehn Jahren Schreibworkshops mit Kindern und Jugendlichen mache, weiß ich, wie früh viele schon gut über Literatur sprechen können, zum Beispiel darüber, was sie bewegt, wo der Text Spaß gemacht hat, was toll klingt, was unstimmig ist, was nervt. Die könnten das!

Mit welchem Autor, welcher Autorin möchten Sie auf keinen Fall im Aufzug stecken bleiben?
Ich möchte gar nicht im Aufzug stecken bleiben.

Welches Buch besitzen Sie mehrmals?
Das sind tatsächlich einige. Ich bin sehr impulsiv beim Buchkauf. Manchmal passiert es mir, dass ich denke, oh, das ist interessant, das brauche ich unbedingt, und zu Hause stelle ich fest, dass das Buch schon lange auf einem Bücherstapel darauf wartet, gelesen zu werden. Und dann gibt es die Momente, wo ich Bücher nicht wiederfinde, Freund:innen beschuldige, sie mir nicht zurückgegeben zu haben und mir ein neues Exemplar kaufe, nur um das alte später im Regal wiederzufinden.

Von welchem Autor haben Sie die meisten Bücher im Regal?
Das weiß ich nicht. Und ich denke, die Antwort wäre auch nicht besonders aussagekräftig für meine Zuneigung. Es gibt Autor:innen mit sehr schmalem Werken, die mir wichtig sind. Ich lese zum Beispiel sehr gerne Peter Adolphsen, aber es ist nicht viel von ihm übersetzt.

Gibt es Werke, die Sie in Fremdsprache gelesen haben (und warum)?
Ich lese gerne englische Bücher im Original. Sofern es Übersetzungen gibt, manchmal auch parallel oder ein zweites Mal auf Deutsch. Weitere Fremdsprachen kann ich leider nicht.

Wo, wann, wie oft und wie lesen Sie? Haben Sie eine bestimmte Eigenart beim Lesen?
Ich lese Science-Fiction-Romane oft auf dem Handy, überall, wo ich bin; Gedichtbände (physisch) in der Bahn, im Wartezimmer beim Arzt oder zu Hause im Bett; Textreader oder Manuskripte auf dem Laptop am Schreibtisch oder auf dem Sofa.

DER SCHNELL-CHECK mit Tim Holland:

Marcel Reich-Ranicki, Thea Dorn oder Denis Scheck?
Keiner der drei!

Goethe, Schiller oder Hölderlin?
– Alle drei!

• Comic oder Graphic Novel?
– Beides!

• Buch, E-Reader oder Hörbuch?
– Im Zweifelsfalle Buch.

Welches Buch sollte jede/r gelesen haben?
Ich würde sagen, jede:r muss für sich wahrscheinlich etwas anderes gelesen haben.

Mein Lieblingsgedicht:
Das ist schwer zu beantworten und wechselt auch über die Jahre und mit den Entdeckungen von bisher mir unbekannten Autor:innen. Aber das Alphabet von Inger Christensen ist sicherlich eines meiner all-time-favorite-Gedichte.

Welche literarische Figur würden Sie gerne heiraten?
Keine. Ich lebe literarisch polyamor.

Bei welchem Krimi-Autor (oder welchem Ermittler in der Krimi-Literatur) wären Sie gerne das fiktive Mordopfer?
Wenn ich Blut sah, fiel ich früher häufiger in Ohnmacht, heute wird mir immer noch sehr schlecht. Blutrünstige Romane oder Filme kann ich nicht genießen. Wenn es sich einrichten lässt: Ich hätte gerne einen sanften Tod.

Welche literarische Verfilmung / Vertonung / Bühneninszenierung / literarisch-musikalische Begegnung halten Sie für gelungen und hat Sie begeistert?
Mich interessieren vor allem Verfilmungen von fantastischer Literatur. Gerade wenn über Welten und Wesen geschrieben wurde, die wir (noch) nicht kennen, freue ich mich auf die Visualisierung. Aber ich mochte auch die Serie The Handmaid‘s Tale, die auf dem Roman von Margaret Atwood beruht.

Mit Ihrer Begeisterung für welche/n Autor(in) fühlen Sie sich alleine?
Das Tolle am Internet ist doch, dass wir nie mehr allein sind. Man findet für die abwegigsten Begeisterungen Gleichgesinnte. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass Octavia Butler auch in Deutschland einem noch breiteren Publikum zugänglich wird.

Welchen Autor werden Sie wohl nie verstehen?
»Verstehen« ist eine Kategorie, die ich in der Literaturvermittlung immer versuche zu umgehen. Was kann man den schon an einem Gedicht oder Roman verstehen? Der Dichter T.S. Eliot, der wenig Italienisch »verstand«, schrieb mal angesichts Dantes Inferno, »genuine poetry can communicate before it is understood«. Daran glaube ich. Literatur vermittelt sich auf sehr vielen Wegen. Der intelligible Zugang ist ein möglicher, Berührung ist ein anderer. Gerade bei Gedichten, wo Lautlichkeit und Performance stärker wirken können, »verstehe« ich auf Anhieb nicht immer alles, bin aber angezogen, berührt oder abgestoßen.


Vom Wuchern aus nachdernacht / theorie des waldes (reihe staben • Gutleut Verlag) von Tim Holland

Falls Sie Germanistik oder Literatur studiert haben: Was war das Thema Ihrer Abschlussarbeit?

»Ich habe unter anderem Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut studiert. Meine Abschlussarbeit war eine poetische Textfläche, ähnlich einem analogen, ausfaltbaren Stadtplan. Lesend konnte man sich in unterschiedliche Richtungen bewegen. Die Arbeit hieß ›nach der nacht‹«


Welches Buch haben Sie immer wieder abgebrochen, es sich aber fest vorgenommen, es endlich ganz zu lesen?
Die Bibel.

Welchen Klassiker lieben Sie?
Ich kann mich noch gut erinnern, welche Entdeckung Woyzeck und Leonce und Lena von Büchner für mich als Jugendlicher waren. Die Verweigerung von Melvilles Bartleby hat mich postpubertär ebenso begeistert. Ágota Kristófs Das große Heft gehört für mich ganz sicherlich zum Kanon der Gegenwartsliteratur. Das hat mich sehr getroffen und liebe ich. Zu den von mir geschätzten Klassikern der SciFi-Literatur gehören Ursula K. LeGuin (Left Hand Of Darkness!) oder eben wieder Octavia Butler (Parable Of The Sowers).

Gibt es ein Gedicht, ein literarisches Zitat oder eine literarische Szene, das/die Sie auswendig können und das/die Ihnen im Alltag immer wieder mal durch den Kopf geht?
Nein. Ich kann nicht mal meine eigenen Gedichte auswendig, da fange ich mit denen der anderen gar nicht erst an.

Bei welchem Maler oder Musiker hätten Sie es spannend gefunden, wenn er Schriftsteller geworden wäre?
Ich nehme an, dass Künstler:innen anderer Disziplinen aus gutem Grund in ihrer Praxis geblieben sind, und würde das Schreiben niemanden abverlangen wollen. Ich würde mich auch weigern, öffentlich zu singen.

Welche Person, die kein*e Schriftsteller*in ist, sollte einmal ein Buch oder einen Gedichtband schreiben? Wie sollte der Titel des Werks sein?
Pardon, aber wer kein Buch schreiben will, soll keins schreiben. Es gibt sowieso zu viel Text auf der Welt.

Was würden Sie Bert Brecht fragen, wenn er heute an Ihrer Haustüre klingelt?
Zum Beispiel wie er da vor meine Haustür kommt. Aber im Ernst, mich würde schon interessieren, wie ein Brecht über die Gegenwart schreiben würde.

Was vermissen Sie bei sich in der Region (bitte angeben, wo – oder generell in D) als Literatur- und Buchfreund?
Deutschlandweit: Eine noch stärkere Förderung der Produktion von Autor:innen, gerade auch jenseits der bekannten Formate. Die explizite Förderung von Lyrik in all ihren Facetten, von gesprochenem Wort bis hin zu digitalen Formen ist zum Beispiel überschaubar, ebenso die Förderung von Kooperationsprojekten mit anderen Künsten. Und dringend notwendig: Verlagsförderung, die den wirtschaftlichen Druck auf Buchprojekte verringert.

– Fragen & Konzeption: Martin Schmidt • auxlitera

WEITERLESEN ► Die bisherigen Gäste bei auxlese:

Kathrin Thenhausen, Nachwuchspreisträgerin des Schwäbischen Literaturpreises 2023
Dr. Klaus Metzger, Landrat des Landkreises Aichach-Friedberg und promovierter Germanist
BrechtBot, als Bertolt Brecht zu Gast in Form der künstlichen Intelligenz GPT-3
Michael Lichtwarck-Aschoff, Träger des Schwäbischen Literaturpreises – 3. Preis 2022
Matthias Ferber, Augsburger-Kunstförderpreis-Juror in der Sparte Literatur, Autor und Herausgeber

WEITERLESEN Gäste in unserer Fragebogen-Reihe Speak & Spell – Über Sprache, Sprechen, Worte:

Takuro Okada, Vermittler japanischer Kultur und Cellist
Julian Warner, künstlerischer Leiter des Brechtfestivals 2023|24|25
Dr. Andreas Mäckler, Biograf, Gründer des Biographiezentrums, Kursleiter für biografisches Schreiben
Dr. Gregor Gysi, Politiker, Autor, Jurist
Dr. Yasemin Uçan, Trägerin des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2022


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