Kathrin Thenhausen: »Im Atem wird aus Sätzen Geschichte«

Reihe »auxlese« • Kathrin Thenhausen, Nachwuchspreisträgerin des Schwäbischen Literaturpreises 2023 zu Gast in auxliteras literarischem Questionnaire.

auxlese: #05 mit KATHRIN THENHAUSEN
Nachwuchspreis des Schwäbischen Literaturpreises 2023
Finalistin Open Mike 2023

Kurzvita:
Geboren 2000 in München, 2019 Abitur, seitdem Studentin der Informatik in Potsdam sowie Uppsala, Schweden. Liebt das Schreiben. Preisträgerin unter anderem des Treffens junger Autoren 2021, des Literaturbewerbs zeilen-lauf 2022, Nachwuchspreis Schwäbischer Literaturpreis 2023, Finalistin des Open Mike 2023 und Veröffentlichung in einigen Anthologien.

Liebt das Schreiben (braucht es), Wandern und Wälder, und dass alles noch passieren kann.

Instagram: kath_512


Liebe Kathrin Thenhausen, welche Autorin, welchen Autor würden Sie gerne einmal persönlich kennenlernen? Und wenn Sie sie bzw. ihn zu sich zum Dinner einladen, was würden Sie ihr/ihm kochen?
Annie Ernaux, ich bewundere ihre Lebenserfahrung, in welcher Sprache sie davon erzählt. Ich würde etwas Simples kochen, vielleicht eine Kürbissuppe und ganz gewiss einen Tee.

Was ist das kostbarste oder teuerste Buch, das Sie besitzen?
Am teuersten vermutlich Fachliteratur zur Informatik, mir am kostbarsten vermutlich mein Notizbuch und ein Lyrikband.

Welches Buch lesen Sie zur Zeit?
Förr eller senare exploderar jag von John Green, Die dunkle Seite des Mondes von Martin Suther, Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte von Axel Hacke und immer wieder Nachthimmel mit Austrittswunden. Gedichte von Vuong Ocean.

Welches Buch ist vollkommen zerfleddert, kaputt und längst in neuer Auflage erhältlich, und Sie werfen es trotzdem nicht weg?
Das müssten ein paar Gedichtbände sein, die ich immer mitnehme, ein Vokabelheft, mehrere Bücher in Taschengröße vom Fischerverlag, darunter The Opposite of Loneliness von Marina Keegan (praktische Größe, aber letztendlich traue ich es mir nicht oft, es zu lesen, aus Angst, es könnte zu schnell leer werden).

Dürfen wir Sie nach einem Foto von Ihrem Bücherschrank fragen?

Danke für das Foto! 🙂 Haben Sie einen Lieblingsverlag oder gibt es einen Verlag, von dem Sie denken, dass er ein bemerkenswertes Portfolio hat?
Schwierig, generell suche ich mir die Bücher eher nach Autor, Inhalt, Lust und Laune aus; wenn ich mein Regal betrachte, ist wohl Diogenes und Dumont am auffälligsten.

Welche Literaturveranstaltung, der Sie beiwohnten, war bisher die denkwürdigste, seltsamste oder eindrücklichste?
Das Finale des Zeilenlauf-Wettbewerbs 2022 in Wien war für mich eine der schönsten Lesungen, es war eine der ersten Veranstaltungen, bei der meine Eltern dabei gewesen sind und daher für mich eine der schönsten. Nebenan war ein Casino, ich habe mich ein wenig gefühlt wie in einer Filmkulisse. Die Denkwürdigste war zweifellos eine Spoken-WordPerformance, mit einer riesigen Pfütze auf dem Boden (Kunst!), stilledurchzogenem Geschrei in mehreren Sprachen (Kunst!!) und Tangotanz zu Gedichten.

Bei welchem Buch ist es Ihnen etwas peinlich, es gelesen und für gut befunden zu haben?
Nach sehr langem Überlegen: ohne einen Titel parat zu haben, Bücher, die ich nachts und nach anstrengenden Tagen lese, ohne literarischen Anspruch, aber mit ausnahmslos gutem Ende. Dennoch würde ich sagen, dass »peinlich« hier der falsche Begriff ist, ich nenne es lieber »wohlfühlend«.

Was ist Ihre Definition von Literatur?

Wie schön, dass ich die selbe Frage kürzlich erst gestellt bekommen habe. Meine Antwort war folgende: Atem nennt man einen Raum, der sich ausdehnt und zusammenzieht, da ist, weg ist, immer wieder, leise, schreit, zur Ruhe kommen lässt, auf-/umwühlend. Dort wird aus Sätzen Geschichte, Stummem eine Stimme, Chaos im Kopf Ordnung oder mindestens Sinn. Ich denke, für mich ist Literatur der Ein- und der Ausgang dieses Zimmers, das manchmal der Höhle gleicht, die ich als Kind noch mit Büchern tapezierte.

Ergänzen würde ich jetzt noch: Literatur ist für mich die Möglichkeit, mir selbst nahe zu kommen, ich glaube sehr an ihre »therapeutische«Wirkung, beim Schreiben komme ich zur Ruhe. Das zu behalten, ist mir das Wichtigste, die Möglichkeit in die Wörter zu entfliehen, gleich ob ich lese oder selbst schreibe, dort mit mir selbst im Reinen zu sein.

Welche/n Augsburger Nicht-Literaten/in würden Sie gerne einmal als Gesprächsteilnehmer beim Literarischen Quartett oder als Jury-Mitglied des Bachmann-Preises sehen?
Den Gärtner, der sich überlegt, wie man städtische Grünflächen, insbesondere Kreisel bepflanzt, an denen man sich im Frühjahr erfreut. Die ältere Bibliothekarin, die in ihrem Leben unzählige Bücher in den Händen gehalten hat. Der Nachtwärter einer Jugendherberge und der eines historischen Museums, zwischen dem alltäglichen Besucher und dessen Vergangenheit stehend. Gemeinsam haben all diese Personen wohl einen anderen, mehr dem Leben zugewandten Blick auf Literatur und vielleicht eher eine Antwort darauf (oder zumindest eine andere), welche Bedeutung Geschichten und Gedichte für den Alltag haben.

Mit welchem Autor, welcher Autorin möchten Sie auf keinen Fall im Aufzug stecken bleiben?
Ich denke, man kann mit jedem Menschen ein interessantes Gespräch führen, solange die Umstände passen. Daher würde ich ungern mit einem Autor oder einer Autorin im Fahrstuhl stecken, der/die in Eile ist oder gerade lieber alleine wäre.

Welches Buch besitzen Sie mehrmals?
Vermutlich Schullektüreen, Geschenktes, oder Bücher in verschiedenen Sprachen.

Von welchem Autor haben Sie die meisten Bücher im Regal?
In meinem letzten Schuljahr hatte ich ein Faible für Goethe, für meine Verwandten war dies ein willkommenes Weihnachtsgeschenk. Ich muss jedoch leider gestehen, nicht jedes Buch bereits gelesen zu haben.

Gibt es Werke, die Sie in Fremdsprache gelesen haben (und warum)?
Ich lese mich gerade durch die schwedische Kinderbuchliteratur, Astrid Lindgren, ansonsten gezwungenermaßen gerade auch viel in der englischen Sprache. In der Schulzeit war ich verliebt in die lateinische Sprache, der Übersetzung von Klassikern in Zusammenhang mit ihrer Interpretation. Das Schöne an einer fremden Sprache ist die Wichtigkeit der einzelnen Worte, deren individuelle Bedeutung man in der eigenen Sprache doch oft übergeht.

Wo, wann, wie oft und wie lesen Sie? Haben Sie eine bestimmte Eigenart beim Lesen?
Am liebsten abends, liegend und eingekuschelt. Ich habe eine unendlich lange Lichterkette durch mein Zimmer gespannt, gerade hell genug, um die Seiten noch zu sehen. Ansonsten gerne in Zügen, im Fenster fremde Landschaften.
Ich würde gerne mehr tagsüber lesen, in Cafés, wenn es warm genug ist, draußen; kämpfe hier gerade und immer wieder mit einem gewissen Leistungsdruck, es ist ein Auf und Ab. Hier in Schweden hilft die Fika jedoch sehr, eine Teepause, die mir als Ruheraum dient. Vielleicht beantworte ich die Frage daher so: wenn ich Ruhe brauche, wenn ich Ruhe habe, und so oft wie möglich dazwischen.

Welches Buch sollte jede/r gelesen haben?
Momo von Michael Ende.

Mein Lieblingsgedicht:
Gibt es nicht. Tagelang habe ich über diese Frage nachgedacht, ich liebe Lyrik, ich liebe Gedichte, aber auf ein Lieblingsgedicht kam ich einfach nicht. Stattdessen habe ich mir daher eine Begründung ausgedacht, die meine Lieblingsgedichtslosigkeit womöglich erklärt.
Beinahe täglich lese ich irgendwo ein Gedicht, in einem aufgeschlagenen Buch auf dem Zimmerboden, vielleicht in der Zeitung oder mein Handy zeigt mir eines. Ich lasse mich kurz berühren, denke über die Worte nach oder genieße einfach nur den Klang und ihr Zusammenspiel. Das Gedicht passt vielleicht genau zu meiner Stimmung oder der Situation, in der ich mich gerade befinde, dann denke ich »Wie wahr, wie schön!« und in diesem kurzen Moment wird es zu meinem Lieblingsgedicht. Aber im nächsten Moment bin ich verändert und um-begeistert von anderer Lyrik.
Natürlich habe ich auch Gedichte, die ich länger mit mir trage, immer wieder, aber mich auch davon für eines zu entscheiden, gelingt mir nicht.

Welche literarische Figur würden Sie gerne heiraten?
Diese Figur muss ich mir noch erschreiben. Sie hätte in jedem Fall Charakterzüge von dem Kleinen Prinzen, Peter Pan, Kinderbuchfiguren, die ich um ihren Mut und ihre Heiterkeit bewundere, aber auch die Einfühlsamkeit eher belletristischer Figuren.

Bei welchem Krimi-Autor (oder welchem Ermittler in der Krimi-Literatur) wären Sie gerne das fiktive Mordopfer?
Meine Kriminalerfahrung beschränkt sich im Wesentlichen auf einen sehr regelmäßigen Konsum der Rosenheim-Cops, wobei ich hier nur ungern das Mordopfer wäre. Ganz allgemein würde ich auch nicht so gerne ermordet werden und wenn ich denn schon sterben muss, dann vielleicht eher in einer dramatischen Geschichte mit versöhnlichem Ende, wie es eher in Jugendbüchern der Fall ist, beispielsweise John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter.

DER SCHNELL-CHECK mit Kathrin Thenhauser:

Marcel Reich-Ranicki, Thea Dorn oder Denis Scheck?


Goethe, Schiller oder Hölderlin?
Goethe

• Comic oder Graphic Novel?
– Comic

• Buch, E-Reader oder Hörbuch?
– Buch

Welche literarische Verfilmung / Vertonung / Bühneninszenierung / literarisch-musikalische Begegnung halten Sie für gelungen und hat Sie begeistert?
Happening von Annie Ernaux, aufgeführt 2023 im Berliner Ensemble, so intensiv, dass ich zu manchem Zeitpunkt gerne die Vorstellung verlassen hätte. Weiterhin habe ich kürzlich erst einen alten »Tagebucheintrag« aus der zweiten Klasse gelesen, wie begeistert war ich damals von einer Aufführung des Dschungelbuchs!

Mit Ihrer Begeisterung für welche/n Autor(in) fühlen Sie sich alleine?
Mein Umfeld ist nicht zu literarisch interessiert, und die meisten der Autoren, die ich über kurz oder lang bewundere, verlaufen, ohne dass ich viel über sie gesprochen hätte. Meine Begeisterung ist oft sprunghaft, verdichtet und verlebt sich, sehr oft alleine, ohne sich jedoch einsam zu fühlen.

Welchen Autor werden Sie wohl nie verstehen?
Wohl den, von dem ich am meisten lese, und wer das sein wird, das weiß ich nicht. »Je mehr ich weiß, um so mehr weiß ich, dass ich nicht(s) weiß.« (Aristoteles). Baue ich mir aus den Büchern ein Bild, so wird sich darin nie ganz der Autor zeigen, und je mehr ich versuche dessen Umrisse zusammen zu setzen, desto mehr Details werden auftauchen, deren Platz sich mir nicht zeigt.
Ganz sicher wird die eigene Person einer dieser Menschen sein, den man zu begreifen versucht.

Welches Buch haben Sie immer wieder abgebrochen, es sich aber fest vorgenommen, es endlich ganz zu lesen?
In meinem Regal stehen mehrere Bücher Richard David Prechts, die ich wirklich, wirklich gerne lesen möchte…

Welchen Klassiker lieben Sie?
Kinderbücher: Die Fünf Freunde von Enid Blyton sowie Die unendliche Geschichte von Michael Ende finde ich ganz wunderbar.

Gibt es ein Gedicht, ein literarisches Zitat oder eine literarische Szene, das/die Sie auswendig können und das/die Ihnen im Alltag immer wieder mal durch den Kopf geht?

Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

― Mascha Kaléko

Der Wert von Unausgesprochenem, der eigenen Person, die manchmal nur in der Stille ihren Ausdruck finden kann.

Bei welchem Maler oder Musiker hätten Sie es spannend gefunden, wenn er Schriftsteller geworden wäre?
Jean-Jacques Sempé, dessen unerschütterliche Heiterkeit, seine Kraft, gerade aus den dunklen Themen Freude ziehen zu können, ich bewundere.
Andererseits wäre es schade gewesen, hätte dies doch den Verlust eines großartigen Malers bedeutet.
Manchmal, wenn ich im Wald spazieren gehe, Frühjahrs die Farbenvielfalt genieße oder im Winter dicht verschneite Landschaften, denke ich, wie unfassbar es ist, dass die Natur solche Szenen hervorgebracht hat. Dann wünsche ich mir, sie hätte auch geschrieben.

Welchen Autor, welche Autorin aus Augsburg und Region schätzen Sie?
Gerne würde ich bedeutende Namen anführen, Autoren, die zu ihrer Zeit und später das Denken geprägt haben, kann aber abgesehen von Brecht kaum jemanden benennen. Stattdessen möchte ich hier all jene Menschen erwähnen, die schreiben, um ihr Umfeld zu einem besseren Ort zu machen, die Literatur nutzen, um sich selbst oder anderen Menschen zu helfen.

Welche/r Augsburg/in, der/die kein Schriftsteller ist, sollte einmal ein Buch oder einen Gedichtsband schreiben? Wie sollte der Titel des Werks sein?
Am liebsten würde ich »Gardinenspiele« lesen, geschrieben von der älteren Dame, die täglich mit einer Tasse grünem Tee vom Fenster aus, die Straße beobachtet.

Was würden Sie Bert Brecht fragen, wenn er heute an Ihrer Haustüre klingelt?
Vielleicht, wofür er dankbar ist, worauf stolz, was ihn glücklich macht?

Was vermissen Sie in Augsburg als Literatur- und Buchfreund?
Als Nicht-Augsburgerin schwer zu sagen, aber ganz ohne Stadtbezug träume ich von Ampeln, die während der Wartezeit kleine Gedichte zeigen, von kleinen Notizblöcken, die – natürlich wettergeschützt aufgestellt – einladen, Zeilen für andere Vorübergehende zu hinterlassen.

– Fragen und Konzeption: Martin Schmidt • auxlitera


WEITERLESEN ► Die bisherigen Gäste bei auxlese:

Dr. Klaus Metzger, Landrat des Landkreises Aichach-Friedberg und promovierter Germanist
BrechtBot, als Bertolt Brecht zu Gast in Form der künstlichen Intelligenz GPT-3
Michael Lichtwarck-Aschoff, Träger des Schwäbischen Literaturpreises – 3. Preis 2022
Matthias Ferber, Augsburger-Kunstförderpreis-Juror in der Sparte Literatur, Autor und Herausgeber

WEITERLESEN Gäste in unserer Fragebogen-Reihe Speak & Spell – Über Sprache, Sprechen, Worte:

Takuro Okada, Vermittler japanischer Kultur und Cellist
Julian Warner, künstlerischer Leiter des Brechtfestivals 2023|24|25
Dr. Andreas Mäckler, Biograf, Gründer des Biographiezentrums, Kursleiter für biografisches Schreiben
Dr. Gregor Gysi, Politiker, Autor, Jurist
Dr. Yasemin Uçan, Trägerin des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2022


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