Reihe: Speak & Spell • Poptheoretiker Diedrich Diederichsen zu Gast bei auxliteras Fragebogen-Reihe zu Sprachen, Spreche, Worte. Der Autor und Hochschullehrer spricht am Freitag, 1. März, beim Talk »Lob der Negativität« im Rahmen des Brechtfestivals 2024.
Speak & Spell
: subtext sprache :
Teil 6 mit:
DIEDRICH DIEDERICHSEN
Autor • Hochschullehrer • Poptheoretiker
Publiziert und lehrt zu Bildender Kunst, Kino, Theater, Pop-Musik und Gegenwartskultur

– 1957 in Hamburg geboren, lebt nach Stationen in Düsseldorf, Köln, Stuttgart, Los Angeles, St. Louis, Salvador Da Bahia in Wien und Berlin
► www.diedrich-diederichsen.de
Brechtnacht: Lob der Negativität – Gespräch mit Diedrich Diederichsen. Moderation: Julian Warner.
Fr, 1. März 2024, 19 Uhr (Einlass 18.30 Uhr)
Ort: Festivalzentrale des Brechtfestival 2024, Brechts Kraftklub. Langenmantelstr. 10. 86153 Augsburg
Mehr Infos ► www.brechtfestival.de
Tickets: VVK 17-19 Euro, AK 19-21 Euro ► 𝗧𝗜𝗖𝗞𝗘𝗧-𝗞𝗟𝗜𝗖𝗞 ◄ [reservix.de | Werbung]
Herr Diederichsen, welches Buch / E-Book lesen Sie gerade beruflich und privat?
Mein Nachttisch unterscheidet nicht zwischen beruflich und privat: Lydia H. Liu, The Freudian Robot – Digital Media and the Future of the Unconsciousness; Hortense Spillers, Black and White and in Color; Joshua Cohen, Witz
Welche Sprachen sprechen Sie?
Deutsch, Englisch, Spanisch.
Welches Wort konnten Sie als kleines Kind als erstes sprechen?
Auto
Verwendeten Sie auch eigene Fantasieworte?
Nicht, dass ich wüsste.
Das schönste Wort, das ich kenne:
Für sich genommen können Wörter nicht schön sein; nennt man eines, riskiert man die Semantik des Wortes zu unterstützten wie bei den dämlichen Worten des Jahres oder Unworten des Jahres. Sprachliche Zeichen sind arbiträr, erst im Kontext und Kontrast entsteht etwas Schönes.
Welche Brecht-Lektüre hat Ihnen an meisten gefallen?
Die Hauspostille, Arbeitsjournal.
► Wo scheitert Sprache in der Musikritik am ehesten? Wie würden Sie die für Sie wichtigen sprachlichen Mittel der Musikkritik/Rezension beschreiben?
Sprache kann ja nicht scheitern. Autor_innen können scheitern. Meistens daran, dass sie ihre Begriffe nicht gut genug kennen oder diese ihnen komplett fehlen. Oder sie benennen, statt zu beschreiben. Das hat aber nicht speziell mit der Aufgabe der Musikkritik zu tun, sondern gilt für kritisches Schreiben generell. Ich fürchte, hier will jemand auf so Zappa-Bonmots mit Tanzen und Architektur hinaus, aber damit habe ich nichts zu tun. Sprache kann alles und Musik ist nur ein kleiner Gegner.
Welchen welches »Fremdwort«, Modewort, welchen Begriff z.B. der Jugend- oder Politiker/innensprache oder welches Blähwort finden Sie ganz schrecklich?
Voll. Hinterfragen. Unangenehmer als solche Wörter finde ich hartnäckiges falsches Verwenden von etwa genialisch, realisieren, Ikone etc.
Welchen Dialekt hören Sie besonders gern – und warum? Sprechen Sie selber einen Dialekt?Natürlich Wienerisch, ich kann sogenanntes Missingsch sprechen, tue es aber selten.
Sprachliches Gendern: Sternchen, Doppelpunkt, Schrägstrich, alle Geschlechter ausgeschrieben oder…?
Unterstrich
Welche prominente Person bewundern Sie für ihre Sprachfertigkeit bzw. ihre Art und Weise, zu sprechen?
Bob Dylan, Karl Lagerfeld, Sophie Rois, Edie Falco
In welchem literarischen Werk ist Ihnen bislang die schönste Sprache begegnet?
Die tollsten Geschichten von Donald Duck, in der Übersetzung von Erika Fuchs; Paradiso von José Lezama Lima
Welche aktuelle Sprachentwicklung betrachten Sie mit Sorge?
Ehrlich gesagt: keine. Das heißt doch: Dass multinationale Konzerne sich erfrechen, mich in ihrer online-Kommunikation zu duzen.
Ein Vergleich: Welches Gemälde oder Musikstück oder welcher Duft/welches Essen vermag es widerzuspiegeln, wie menschliche Sprache idealerweise sein sollte?
Ich möchte keine Sprache, die wie ein künstlerischer oder Sinneseindruck funktioniert – dafür ist sie ja die Sprache. Man kann Kunst mit ihr machen, aber sie soll nicht von Haus aus wie Kunst oder Genussmittel funktionieren.
► Gibt es eine Art Popkultur innerhalb der Sprache? Also dass (nichtmusikalische) popkulturelle Zeichen in und aus der gesprochenen oder geschriebenen Sprache entwickelt werden?
Ich weiß nie, was jemand mit »Popkultur« meint. Ich verwende dieses Wort sehr ungerne. Ist Kultur um Pop-Musik herum gemeint? Oder populäre Kultur? Ansonsten sind die meisten Autor_innen von Pop-Musik des Lesens und Schreibens mächtig und entsprechend von der Ausübung dieser Kulturtechnik geprägt. Bob Dylan zitiert Shakespeare, die Magnetic Fields sogar Ferdinand de Saussure.
Und dann gibt es noch tausend andere Relationen, in denen Sprache eine Rolle spielt: Werbung für Pop-Musik, Ansagen an das Publikum bei Konzerten, Texte, vergessene Texte auf der Bühne, sprechende Blicke, ins Kraut schießende Genrebezeichnungen, neue Namen, wo neue Beschreibungen besser wären. Die Frage ist so allgemein, dass es weh tut. Welche signifikante Rolle können Sprache und Literaturrezeption im Fußball, bei der Waschmaschinenherstellung oder bei der Gestaltung von städtischen Parkanlagen spielen? Vermutlich gab es bei der Frage eine Vorannahme, aber ich vermag deren Inhalt nicht zu erahnen.
Mit welcher Tierart würden Sie sich gerne in dessen Sprache verständigen können wollen?
Ist ja der Witz der Mensch-Tier-Beziehung, dass die eine Seite nicht spricht – allenfalls das Äquivalenz von Gestikulieren betreibt.
Welches Wort sprechen Sie regelmäßig falsch aus?
Treatise – das englische Wort für Traktat und der Name eines Musikstückes, das ich häufig aufgeführt habe.
Welches Gedicht, welches Liedzeile oder welches literarisches Zitat ist Ihnen zum Lebensmotto geworden oder fängt Sie immer wieder auf?
Im Sinne von Was ruft uns Goethe hier zu? (Oder John Cale.) So funktioniere ich nicht, nicht einmal bei John Cale. Oder doch: I’m not afraid now of the dark anymore/ And many mountains now are molehills/ Back in Berlin they’re all well fed/ But I don’t care/ People always bored me anyway. Stimmt zwar nicht, people haben mich nie gelangweilt, ist aber sehr tröstlich.
Das schönste älteste Wort (oder Sprichwort, Redewendung,…) ist:
»Du bist wohl vom wilden Watz gebissen worden? Hat man dich mit dem Dummbeutel beklopft?« Ich frage die Wörter eigentlich nicht nach ihrem Alter und ich mag sie nicht mehr, wenn sie alt sind. Aber es gibt viele Wörter, die meine Eltern und Großeltern verwendeten, die kein Mensch mehr versteht. Das bedaure ich manchmal. Man findet diese aber in Hubert-Fichte-Romanen. Ihr Sinn erschließt sich auch für jüngere Menschen aus dem Kontext. »Den gibt es dazu: in Tüte obenauf«.
In welcher Form mögen Sie Sprache am liebsten?
– Multiple Choice: 3 Antworten erlaubt –
□ Gesprochen
□ mit Musik
□ übers Telefon
□ zu zweit
□ handgeschrieben
□ als Klang erinnert
□ SMS / WhatApp
■ von einem bestimmten
Geschlecht: _
□ Kindermund
□ Buch / E-Book
□ geflüstert
□ Hörbuch
□ auf der Theaterbühne
□ gesungen
□ Stimmengewirr im Bus
□ SMS / WhatApp
□ Voicemail
■ anders: gedruckt (siehe oben)
■ noch anders: auf Zeitungspapier
Welche Person, die nicht aus der Literaturbranche stammt, würden Sie gerne einmal als Gesprächsteilnehmer beim Literarischen Quartett oder als Jury-Mitglied des Bachmann-Preises sehen?
Karl Lagerfeld, aber der ist ja tot. Andy Warhol, auch tot. Jenny Hval, Albert Oehlen, Wu Ming – das ganze Kollektiv. Literarisches Quartett kann man aber Menschen, die man mag, nicht ernsthaft wünschen.
Wenn Sie mitten in der Nacht aufgeweckt werden und Sie würden nach einer Kinderliedzeile oder einem Abzählreim gefragt werden, welche/s Lied/Abzählreim würden Sie sofort auf den Lippen haben?
Keines. Nach sehr langem Nachdenken: Ix – Ax – Ux/ Der rote Fuchs/ Die graue Maus/ Und Du bist raus!
Welchen Liedtext – unabhängig von der Melodie – finden Sie wunderschön?
Zu viele, um einen auszusuchen. Aber ich finde dann die Musik auch immer gut.
Welches Wort, sagt man Ihnen nach, benützen Sie am meisten?
Inwiefern
Sind auf Ihrem Smartphone bei SMS/Whatsapp Autokorrektur eingeschaltet?
Ja, ich wusste nicht, dass man sie ausschalten kann.
Schreiben Sie am Smartphone Nachrichten oder hinterlassen Sie lieber Sprachnachrichten?
Auf keinem Fall Sprachnachrichten. Ich möchte mir nicht vorstellen, dass der/die Empfänger_in, die Nachricht laut in der U-Bahn abhört.
In welches Land würden Sie allein der dortigen Sprache wegen reisen?
Die gesamte hispanophone und lusophone Welt
► Welche signifikante Rolle können Sprache und Literaturrezeption im »Pop« in Popkultur spielen?
Es gibt Slang, Argot, Jugendsprache etc. Ist das gemeint? »Asphaltliteratur«? (Fast alles, was so geschimpft wurde, fand ich gut). Was soll eine Popkultur innerhalb der Sprache sein – ist dann der Rest der Sprache Hochkultur oder klassische Musik?
Welches Buch über Sprache(n) sollte man gelesen haben?
Roland Barthes, Die Lust am Text. Alles von Georges Perec. Den Text über die Entstehung der romanischen Sprachen um 900 von Gabriel Tarde (weiß den Titel nicht mehr).
Vom wem haben Sie in ihrem Leben das meiste in Sachen Sprache und Sprechen gelernt?
Erika Fuchs, Roland Barthes, Ferdinand de Saussure, Roman Jakobson – die üblichen Verdächtigen. Dazu: Frieda Grafe.
In welchen Sprachen haben Sie Bücher zuhause?
Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Latein, Alt-Griechisch, Russisch, Hebräisch, Wolof – in den beiden letzten nur je eines, auf Russisch nur drei.
Welche Sprache würden Sie gerne einwandfrei sprechen können (oder einmal lernen wollen)?
Die eben genannten
Handschrift: Geben Sie uns mit den zwei Wörtern »Subtext Sprache« eine Probe Ihrer Handschrift. Oder: eine Gedichtszeile, oder ein Satz oder ein Sprichwort, der/das ihnen am Herzen liegt.
Ich habe keine Handschrift.
– Fragen & Konzeption: Martin Schmidt • auxlitera
WEITERLESEN ► Gäste in unserer Fragebogen-Reihe Speak & Spell – Über Sprache, Sprechen, Worte:
• Takuro Okada, Vermittler japanischer Kultur und Cellist
• Julian Warner, künstlerischer Leiter des Brechtfestivals 2023|24|25
• Dr. Andreas Mäckler, Biograf, Gründer des Biographiezentrums, Kursleiter für biografisches Schreiben
• Dr. Gregor Gysi, Politiker, Autor, Jurist
• Dr. Yasemin Uçan, Trägerin des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2022
WEITERLESEN ► Die bisherigen Gäste bei auxlese, dem literarischen Questionnaire:
• Tim Holland, Literaturvermittler, Lyriker, Verleger (Hochroth München)
• Kathrin Thenhausen, Nachwuchspreisträgerin des Schwäbischen Literaturpreises 2023
• Dr. Klaus Metzger, Landrat des Landkreises Aichach-Friedberg und promovierter Germanist
• BrechtBot, als Bertolt Brecht zu Gast in Form der künstlichen Intelligenz GPT-3
• Michael Lichtwarck-Aschoff, Träger des Schwäbischen Literaturpreises – 3. Preis 2022
• Matthias Ferber, Augsburger-Kunstförderpreis-Juror in der Sparte Literatur, Autor und Herausgeber
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