GASTBEITRAG ★ Am Mittwoch, 29. April, ist Welttanztag. Der Augsburger Tänzer, Choreograf und Schriftsteller Jochen Heckmann schreibt regelmäßig über Tanzen: über Tanzen und das Schreiben. Der Künstler, der 2024 seinen Debüt-Roman »tanzen fallen fliegen« veröffentlichte, schreibt in einem Gastbeitrag über den gemeinsamen Tanz der beiden Kunstformen Schreiben und, eben nochmals: Tanzen.
Jochen Heckmann ist Choreograf, Tänzer und Pädagoge für Zeitgenössischen Tanz und Schriftsteller. Der ehemalige Ballettdirektor und Chefchoreograf des Ballett-Theaters Augsburg (1999 – 2007) lebt in Augsburg und arbeitet derzeit vor allem in der Schweiz. Seine Gedanken zum Tanzen, zum Schreiben und zum Leben veröffentlicht Heckmann auf ➽ Instagram | #choreoart.wortart und in einem abonnierbaren, monatlichen ➽ Newsletter. 2024 veröffentlichte er seinen 📖 Debütroman tanzen fallen fliegen [Quer Verlag | mehr siehe unten].
Für auxlitera veröffentlicht Jochen Heckmann einen seiner Newsletter-Texte. Im Mittelpunkt natürlich: der Tanz und das Schreiben.
Jochen Heckmann: Tanzen und Schreiben

Tanzen und Schreiben. Zwei so gegensätzliche Kunstformen. Können sie zusammenpassen?
Auf der einen Seite steht da der Tanz, eine kollektive Kunstform. Tänzer arbeiten im Proberaum zusammen, ein soziales Gefüge, das funktionieren muss. Fast immer unter der Anleitung und Führung eines Choreografen. Meist in Verbindung mit Musik. Die Zeit ist begrenzt, der Körper hat seine Grenzen. Man kann nicht einfach wie das Duracell-Häschen stundenlang ohne Pause tanzen, schwitzen und Schritte auswendig lernen. Der Körper braucht Nahrung, Wasser, Schlaf. Der Tanz ist an die Physiologie gebunden.
Und dann ist da das Schreiben. Ein einsamer Prozess. Allein mit einem Notizbuch, vor einem Laptop oder PC. Nur du, dein Gehirn, deine Seele und deine Worte, die geduldig auf das weiße Blatt fließen, gespeichert oder wieder gelöscht werden. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Manche Menschen schreiben jahrelang an einem Buch. Ein Text kann reifen, ruhen, überarbeitet werden – ohne Premiere-Termin, ohne Publikum, das bereits Karten gekauft hat.
Tanzen erfordert ein extremes Zeitmanagement. Niemand (oder besser kaum jemand) kann es sich leisten, jahrelang an einem Stück zu arbeiten, bis es zur Premiere kommt. Der Text hingegen wartet geduldig. Tänzer und Theater nicht. Und schon gar nicht das Publikum.
Der Tanz, Körper und ihre Formen und Dynamik im Raum sind so flüchtig: nur im Hier und Jetzt. Der Nachhall, das Echo einer Emotion, eines Bildes mag bei dem einen oder anderen im Zuschauerraum ein Gefühl, eine Spur, eine Erkenntnis hinterlassen – oder einfach eine Erfahrung, die sich nicht in Worte fassen lässt.
Im Falle eines Textes oder gar eines Buches kann ich zurückblättern, den letzten Satz suchen, an den ich mich erinnern kann, und weiterlesen. Zehn Jahre später nehme ich das Buch wieder in die Hand und lese es erneut. Der Text bleibt, während der Tanz verschwindet.
Die Unterschiede sind offensichtlich. Und doch:
Die Art und Weise, etwas zu erschaffen, der Plot, die Ausgangssituation, das, was man zeigen, erzählen oder beim Zuschauer auslösen will, entspringt derselben Quelle. Ob Choreograf oder Schriftsteller – beide gestalten Konzept, Dramaturgie, Zeit und Raum, wählen Titel, Bilder, Settings und Erzählstile.
Die Verantwortung nach der Premiere an die Tänzer abzugeben, sie das Werk allein präsentieren zu lassen, ihnen die Bühne zu überlassen, ist genau das, was auch ein Schriftsteller tut: Das Buch geht hinaus in die Welt und wird den Lesern überlassen. Ohne Hilfe, ohne etwas erklären oder verdeutlichen zu können. Was gelesen wird, wird so verstanden, wie der Leser es liest. Was der Betrachter beim Tanz sieht und empfindet, ist genauso subjektiv wie beim Hören von Musik, beim Betrachten von bildender Kunst oder beim Ansehen eines Films.
Man muss loslassen können. Ab einem bestimmten Punkt muss man alles dem Publikum überlassen. Das ist hart, aber auch faszinierend, und wenn man das als Teil des ganzen Prozesses akzeptiert und zulässt, kann es nur bereichernd sein.
Vielleicht sind Tanzen und Schreiben also gar nicht so unterschiedlich. Beide sind Versuche, das Unaussprechliche auszudrücken. Beide erfordern Mut, Disziplin und die Bereitschaft loszulassen. Und beide leben davon, dass jemand da ist, der sie empfängt – sei es mit den Augen oder mit dem Herzen.
Für mich persönlich haben sich diese beiden Welten in meinem Debütroman tanzen fallen fliegen vereint. Ein Buch über den Tanz, über Körper, über das Fallen und Wiederaufstehen – geschrieben mit der Präzision eines Choreografen und der Freiheit eines Erzählers.
Bleiben Sie in Bewegung und schreiben Sie weiter.
~ Jochen Heckmann | choreoart.net
Jochen Heckmann spielt in seinem Debütroman auf poetische und sinnliche Weise mit Figuren, Zeiten, Perspektiven und Ereignissen, die das 20. Jahrhundert in Deutschland umfassen und sich im schicksalhaften Jahr 1989 bündeln.
Julian will Tänzer werden. Weit weg von zu Hause entdeckt er sich in Paris neu. Dort taucht er in die Welt der Ballettschulen, Tanzstudios, Bühnen und vor allem ins dortige Nachtleben ein. Zur gleichen Zeit kämpft sich sein Vater zu Hause am Rande des Südschwarzwaldes aus zahlreichen persönlichen Verlusten und einer allgegenwärtigen Einsamkeit zurück ins Leben. Das gelingt ihm nicht – bis er eine Entdeckung macht: Ein Kästchen, das dem Großvater gehört hat, lässt ihn zuerst nach Paris und schließlich gemeinsam mit seinem Sohn nach Berlin reisen. Mitten hinein in die Geschehnisse rund um den Mauerfall im Jahr 1989. Eine Tour, bei der nichts bleibt, wie es war. ► LESEPROBE
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