Leonie Herrmann begibt sich in ihrem Buch auf eine Spurensuche: die Geschichte(n) dreier Augsburger Jugendhäuser. Die Wissenschaftlerin stellt ihre Dissertation nun an der Uni Augsburg vor. Juzes zwischen narrativer Konstruktion, echtem Leben und Space-Making.
Jugendhäuser in der Stadt: Erinnerung und Bedeutung in Augsburg 1970–1995, so lautet der Titel der Dissertation von Dr. Leonie Herrmann. Die Arbeit ist nun als Buch in der Reihe Urban Habitat and Humanities (Hrsg.: Stefan Lindl) erschienen und auch im Open Access (pdf) erhältlich. Die Wissenschaftlerin stellt Projekt und Buch öffentlich am Donnerstag, 15. Januar (18:15 – 19:45) an der Universität Augsburg (HS III im Hörsaalzentrum, Gebäude C) vor.
Leonie Herrmann stellt die drei ersten Jugendzentren in Augsburg, die zu Beginn der 1970er Jahre entstanden sind in den Fokus ihrer empirischen Auseinandersetzung. Zum einen das erste Juze Augsburgs, das No1 in Kriegshaber, das durch eine Initiative Jugendlicher entstand. Zum anderen das Anfang der 1970er-Jahre politisch initiierte Jugendfreizeitzentrum Schlössle in Pfersee; sein Nachfolger, das ursprüngliche Gebäude wurde wegen Abriss gewechselt, ist das heutige Juze am Schlössle. Als Drittes im Fokus der Arbeit steht das Jugendzentrum in der Kanalstraße (heute: villa Jugendzentrum Mitte). Dieses war, wie Herrmann nachzeichnet, bevor es 1974 ein Jugendzentrum unter Leitung des Stadtjugendrings (SJR) wurde, zunächst ein Haus der offenen Tür, eine Einrichtung des Jugendamtes und ein Vorläufer der Offenen Jugendarbeit mit einer Betreuerin, die die Kinder zum Spielen und Basteln anleitete.
Interviews und narrative Konstruktion eines Orts
Hermanns wissenschaftliche Arbeit ist auch für Laien und heimatgeschichtlich Interessierte gut und verständlich zu lesen. Das Buch baut auf Interviews mit ehemaligen Besuchern und (ehemaligen) Mitarbeitern und wertet Archivmaterial (Text- und Bilddokumente) aus, zeigt aber selbst wenig Bildmaterial. Es wird danach gefragt, wie die Befragten das Jugendhaus erinnern und welche unterschiedlichen Jugendhaus-Konstruktionen dabei erzählt werden. Dabei gibt die Jugendzentrumsbewegung in den 1970er Jahren sowie die sozialpädagogische Orientierung der Einrichtungen in den 1980er Jahren den Rahmen vor. Eine große Rolle spielen dabei auch die einzelnen Häuser und der Ort selbst: Wie wird der Ort narrativ konstruiert? Welche Bedeutungen werden den Häusern zugeschrieben, für die eigene Biografie aber auch in der Stadt?
Jugendhäuser im Place-Making
Rein wissenschaftlich knüpft das Projekt an theoretische Ansätze aus der Urbanen Anthropologie sowie der kulturwissenschaftlichen Stadt- und Raumforschung an. Sozialer Raum wird dabei als Produkt sozialen Handelns aufgefasst (Henri Lefebvre). Orts- und Raumkonstruktionen sowie die Frage nach dem Place-making (Martina Löw) sind dabei zentrale theoretische Ansätze, auf die zurückgegriffen wird. Jugendhäuser bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte europäisch-ethnologischer Forschung: Sie werden räumlich angeeignet und sind für viele Besucher eine zweite Heimat. Sie sind Orte jugendkultureller Inszenierung und ebenso immer wieder Gegenstand von Konflikten. Bisher jedoch wurden in der europäisch-ethnologischen Forschung Jugendzentren lediglich als reine Schauplätze behandelt und somit in die Peripherie der Forschungslandschaft abgedrängt. Leonie Hermanns Arbeit weist hier in neue Perspektiven der Betrachtung von Jugendhäusern ein. ⟴ pm • Urban Habitat and Humanities • auxlit

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