Eine Sprache von seltener Schönheit und ein Schreiben, unbequem, wach und voller Menschlichkeit: Im Februar 2026 bekommt die Autorin den Bertolt-Brecht-Preis verliehen – Würdigung eines kritischen Blickes auf die Gegenwart.
Die Schriftstellerin, Theaterregisseurin und Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar erhält den mit 15.000 Euro dotierten Bertolt-Brecht-Preis 2026 der Stadt Augsburg. Die feierliche Preisverleihung findet am Dienstag, 10. Februar 2026, um 19 Uhr im Kleinen Goldenen Saal, Jesuitengasse 12, statt. Interessierte Bürgerinnen und Bürger können sich für eine kostenfreie Teilnahme per Mail an ► brechtpreis@augsburg.de anmelden, alternativ können ab 12. Januar 2026 auch Eintrittskarten in der Bürger- und Tourist-Information abgeholt werden.
Der Preis würdige Özdamar für künstlerisches Schaffen im Geiste Brechts, so Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber: »Der Bertolt-Brecht-Preis ist einer der wichtigsten Kulturpreise, den die Stadt Augsburg vergibt. Es ist uns eine große Ehre, ihn im 70. Todesjahr Bertolt Brechts an Emine Sevgi Özdamar zu verleihen. Der Preis wird alle zwei Jahre an Persönlichkeiten vergeben, die sich in ihrer künstlerischen Arbeit kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen – ganz im Sinne Brechts. Emine Sevgi Özdamar ist eine würdige Preisträgerin, die mit ihrer Haltung, ihrem Denken und ihrem künstlerischen Schaffen Maßstäbe setzt. Mein Dank gilt der Jury für ihre sorgfältige und engagierte Arbeit.«
Kulturreferent Jürgen K. Enninger, Vorsitzender der Jury, ergänzt: »Mit Emine Sevgi Özdamar ehren wir eine literarische Stimme, die mit poetischer Kraft und politischer Klarheit Brücken zwischen Kulturen schlägt. Ihr Werk steht ganz im Geiste Bertolt Brechts: unbequem, wach, und voller Menschlichkeit. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche ist ihre Perspektive unverzichtbar.«
Geboren in Malatya, aufgewachsen in Istanbul und Bursa
Emine Sevgi Özdamar, geboren 1946 in Malatya, Türkei, zählt zu den prägendsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. In Istanbul und Bursa aufgewachsen, entdeckte sie früh ihre Leidenschaft für das Theater und stand bereits mit zwölf Jahren auf der Bühne. In den 1960er-Jahren kam sie als Gastarbeiterin nach Berlin, lernte Deutsch und absolvierte anschließend eine Schauspielausbildung in der Türkei. Nach dem Militärputsch kehrte sie nach Deutschland zurück, arbeitete u. a. mit Benno Besson, Matthias Langhoff, Ruth Berghaus, Klaus Peymann, am Berliner Ensemble sowie in Wien, München und Paris.
»Eine eigene Sprache von seltener Schönheit«
Özdamar war stark von Brechts Theaterästhetik geprägt, insbesondere von dessen Konzept des Epischen Theaters und der Idee, das Publikum zum kritischen Denken anzuregen, statt es nur emotional zu berühren. Ab den 1990er Jahren etablierte sie sich als herausragende literarische Stimme. Die Jury des Bertolt-Brecht-Preises 2026 erklärt: »Bereits mit ihrem ersten Erzählband, Mutterzunge (1990), hat die Autorin und Theatermacherin Emine Sevgi Özdamar eine eigene Sprache von seltener Schönheit in die deutsche Literatur eingeführt: opulent und lautmalerisch, belebt vom Erbe einer oralen Tradition. Ihre Theaterstücke, wie Karagöz in Alamania (1982), gehören zu den ersten Werken postmigrantischer Literatur im deutschsprachigen
Theaterkosmos.«
Auch die Prosa der gelernten Schauspielerin überzeuge durch ihre theatralische Struktur und wird daher als Stoff für die Bühne dramatisiert. »In ihrer großen Romantrilogie – Das Leben ist eine Karawanserei (1992), Die Brücke vom Goldenen Horn (1998) und Seltsame Sterne starren zur Erde (2003) – sowie zuletzt in Ein von Schatten begrenzter Raum (2022) entfaltet und verfremdet sie ihren Lebensweg von der Türkei durch Deutschland Ost und West, auf der Suche nach etwas, das über die eigene Identität hinausweist. In der Kollision zwischen Welten, Sprachen und politischen Systemen decken diese vielstimmigen, abgründigen Märchen, die Spuren von Marginalisierung, staatlicher Gewalt und menschlicher Hoffnung auf.« ⟴ pm • auxlit
EMINE SEVGI ÖZDAMAR • BIOGRAFIE
Emine Sevgi Özdamar wurde am 10. August 1946 in Malatya /Anatolien (Türkei), geboren. Mit drei Monaten zog sie mit ihrer Familie nach Istanbul und wuchs dort sowie in Bursa auf. Bereits mit zwölf Jahren stand sie erstmals auf der Bühne – im Staatstheater von Bursa in „Der Bürger als Edelmann“ von Molière – und schwor sich, Schauspielerin zu werden.
1965 kam sie als Gastarbeiterin und ohne Deutschkenntnisse nach West-Berlin, wo sie ein halbes Jahr lang in einer Elektrofabrik arbeitete. Auf Drängen des Vaters und mit seiner finanziellen Unterstützung lernte sie am Goethe-Institut Deutsch. Von 1967 bis 1970 besuchte sie die Schauspielschule in Istanbul und hatte bis 1976 erste professionelle Theaterrollen in der Türkei, z.B. im Stück „Marat/Sade“ von Peter Weiss.
Nach dem Militärputsch verließ Özdamar in den 1970ern die Türkei in Richtung Berlin. Ihr Traum, mit dem Brechtschüler Benno Besson zu arbeiten wurde wahr: zwei Jahre war sie als seine Assistentin an der Volksbühne tätig, arbeitete auch mit Matthias Langhoff und ging dann mit Besson nach Paris, um an der Inszenierung „Der kaukasischer Kreidekreis“ von Bertolt Brecht mitzuwirken. Später wurde sie bei Klaus Peymann am Bochumer Schauspielhaus engagiert und arbeitete als Schauspielerin zudem auch in Berlin, München, Wien und Paris.
Die vielseitige Künstlerin begleitete ihre Theaterarbeiten mit selbstgemachten Collagen, Zeichnungen und Puppen, die sowohl dokumentarisch waren als auch Mittel der Reflexion. Der Autor Thomas Brasch meinte dazu: „Ich werde Karge und Langhoff sagen, wenn sie beim Inszenieren des Stücks nicht weiterwissen, sollen sie Deine Gefühle fragen.“ Einige der Collagen wurden 2022 beim Brechtfestival in Augsburg ausgestellt.
Im Auftrag von Peyman entstand Özdamars erstes Theaterstück „Karagöz in Alamania“ (dt. „Schwarzauge in Deutschland“, das 1986 unter ihrer eignen Regie am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wurde. Das in ihren eigenen Worten als „burlesque“ und „dadaistisch“ beschriebene Stück gilt als erstes deutschsprachiges Bühnenwerk einer deutsch-türkischen Autorin.
In den 1990er Jahren etablierte Özdamar ihre literarische Stimme mit Werken wie „Mutterzunge“ (1990), „Das Leben ist eine Karawanserei“ (1992) und „Die Brücke vom Goldenen Horn“ (1998). Es folgten „Der Hof im Spiegel“ (2001), „Seltsame Sterne starren zur Erde“ (2003) Ein von Schatten begrenzter Raum (2021).
Emine Sevgi Özdamar wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Ingeborg-Bachmann-Preis (1991), der Kleist-Preis (2004), der Georg-Büchner-Preis (2022) sowie der Schiller-Preis (2022), zu der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Laudatio hielt. 2025 erhielt sie zudem das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Mit einem unverwechselbaren poetischen Stil beeinflusst sie die deutschsprachige Literatur nachhaltig. Ihre Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt und haben international Anerkennung gefunden.
Özdamar war stark von Brechts Theaterästhetik geprägt, insbesondere von dessen Konzept des „epischen Theaters“ und der Idee, das Publikum zum kritischen Denken anzuregen, statt es nur emotional zu berühren. Die Auseinandersetzung mit Brechts Methoden – etwa das Spiel mit Distanz, Zeichenhaftigkeit und kollektiver Verantwortung auf der Bühne – prägte ihren eigenen Theaterstil. In ihren Stücken wie „Karagöz in Alamania“ lassen sich Brecht-Einflüsse erkennen: soziale Themen, politische Dimensionen und die spielerische Reflexion über Kultur und Identität werden auf der Bühne sichtbar.
DIE JURY DES BERTOLT-BRECHTPREISES 2026
Die achtköpfige Jury des Bertolt-Brecht-Preises 2026 besteht aus Expertinnen und Experten aus Literatur, Theater, Wissenschaft und Medien: Jürgen K. Enninger, Referent für Kultur, Welterbe und Sport, Yvonne Büdenhölzer, Leiterin Suhrkamp Theater Verlag, Anja Dirks, Schauspieldirektorin und Geschäftsführende Dramaturgin Theater Basel, Prof. Dr. Jürgen Hillesheim, Leiter Brecht-Forschungsstätte Augsburg, Hubert Spiegel, Deutschland-Korrespondent im Feuilleton, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dr. Karl-Georg Pfändtner, Leiter der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Noah Willumsen, Leiter des Brechtarchivs Berlin, Vertretung der Brecht-Erbinnen, Dr. Uwe Wittstock, Literaturkritiker, Autor und Journalist.
BISHERIGE PREISTRÄGER
Der Bertolt-Brecht-Preis wird seit 1995 vergeben, die Verleihung erfolgt alle zwei bis drei Jahre. Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger des Bertolt-Brecht Preises sind Franz Xaver Kroetz (1995), Robert Gernhardt (1998), Urs Widmer (2001), Christoph Ransmayr (2004), Dea Loher (2006), Albert Ostermaier (2010), Ingo Schulze (2013), Silke Scheuermann (2016), Nino Haratischwili (2018), Sibylle Berg (2020), Lutz Seiler (2023).

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