Augsburg á la carte. Habitat & Humanities.

Mit Elischa Rietzlers neuem Buch erscheint ein besonderes Werk zur Geschichte der Augsburger Stadtplanung. Herausgeber 👱‍♂️ 🎓 Dr. Stefan Lindl über den zweiten Band in der Reihe »Urban Habitat and Humanities«.

– Ein Gastbeitrag von Dr. Stefan Lindl

🗂️ Der zweite Band der Reihe Urban Habitat and Humanities konnte zwei Jahre nach der Gründung erscheinen. Autor des zweiten Bandes ist Elischa Rietzler, der an der Universität Augsburg eine hervorragende Studie zur Stadtplanung Augsburgs im 20. Jahrhundert verfasste. »Es ist eine besondere Freude, ein besonderes Werk zur Geschichte der Augsburger Stadtplanung präsentieren zu können«, so Herausgeber Dr. Stefan Lindl. Planung mit dem Rotstift. Die räumliche Logik infrastruktureller Planung Augsburger Stadtplanunggeschichte 1920 – 1960 ist der Titel des Bandes, den Herausgeber Lindl im folgenden Text vorstellt.

Elischa Rietzler kontextualisiert die Augsburger Stadtplanung in einem internationalen Rahmen, verweist unter anderem auf Haussmann in Paris und seine radikale Zerstörungsplanung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hauptstadt Frankreichs. Camillo Sitte als Gegenentwurf zu Haussmann wird ebenso erwähnt. Mit seinen Beispielen umfasst Rietzler das diskursive Feld. Wichtig für den Fischer-Plan ist zudem die Planung im NS, die gerade in der Stadt- und Mobilitätsplanung stark von dem VW-Lobbyismus beeinflusst ist, der zu vielen normativen Setzungen führt, die sich bis heute erhalten haben und gesetzliche Hürden für den Klimaschutz und urbane Klimaresilienzstrategien darstellen.

In diesem Kapitel geht der Autor intensiv auf die Akteure wie Todt, Speer und Feder ein. Gottfried Feders Publikation Die neue Stadt gab viele Impulse für die kleine und mittlere NS-Idealstadt. Auch ein Kapitel über die Stunde Null Nachkriegsdeutschlands fehlt nicht. Wichtige Hinweise auf die unselige Verquickung von Luftkrieg und Neustrukturierung der Städte bleiben nicht unerwähnt. Stadtplanung für das zerstörte Deutschland richtete sich nach der Kriegstechnik.

Genauso trat es letztlich ein. Viele der Achsen, die aus Haussmanns Ideenschatz vermittelt durch Albert Speer in die bundesdeutsche Stadtplanung kamen, wurden in den zerstörten Städten umgesetzt. Anvisiert wurde die autogerechte Stadt, die Platz benötigte, der nicht einfach in den Altstädten gewonnen hätte werden können. So ging die RAF und die NS– wie auch Nachkriegsstadtplanung eine Allianz ein.

Augsburg und der Fischer-Plan

Buchautor Elias M. Rietzler

In diesen Rahmen des 20. Jahrhunderts setzt Rietzler allgemeine Überlegungen zu Karten, betont deren Konstruktivismus, die Entwicklung von Wirklichkeiten wie Berger / Luckmann anmerken würden. Gerade die Reduktion und Abstraktion, die sich in Kartenplanung vollzieht, hat eine gewaltige Auswirkung auf die Gestaltung, die lokale Umstände nicht vollständig berücksichtigt. Erst in der gegenwärtigen Stadtplanung wird von der überformenden Nivellierung durch Kartenplanung Abstand genommen.

Im Weiteren wird das Fallbeispiel Augsburg mit dem Fischer-Plan analysiert. Akteure und ihre Netzwerke um Theodor Fischer werden seziert, Behördenstrukturen werden offengelegt, Planungsstufen beschrieben. Elischa Rieztler führt aus, wie sehr der Fischer-Plan die Augsburger Stadtplanung bis heute prägte – nicht immer zum Besten der Stadt. Dabei fehlt die Wiederaufbauzeit und das Netzwerk ihrer Protagonisten keineswegs. Es entsteht regelrecht ein lebendiges Bild Augsburger Stadtplanung. Rietzler geht in Rückgriff auf die hervorragenden Studien von Gregor Nagler mit eigenen Interpretationen ergänzend darauf ein.

Beispiel Schleifenstraße

Besonders aufschlussreich ist auch das Kapitel Kontinuum Schleifenstraße . An diesem Beispiel wird deutlich, wie schädlich der Einfluss von kartografischer Planung sein kann, wenn Behörden nicht mehr gewillt sind, einen Abgleich mit sich wandelnden Strukturen vorzunehmen. Die Verwirklichung der Fischer‘schen Schleifenstraße führte zu einer Teilung der Stadt, die kaum zu heilen ist, sollte sie nicht in einen umfassenden neuen Plan, der die Zukunft mit neuer Mobilität und Urbaner Resilienz berücksichtigt, neu gedacht werden. 

– Ein Gastbeitrag von Stefan Lindl.

Das Buch ist im Buchhandel und Open Access verfügbar.

Autor 👨‍💼 Elischa Matthias Rietzler
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Die Untersuchung von Elischa Matthias Rietzler am Beispiel der Stadt Augsburg zeigt, wie sehr aktuelle Stadtplanungen und Verkehrskonzepte historischen Prozessen unterliegen. Ein Raumplanungskonzept der 1920er Jahre erforscht der Autor anhand von Quellenmaterial des Stadtarchivs Augsburg.

Die frühe Planung von Theodor Fischer wurde erst in den 1990er Jahren umgesetzt, obwohl abzusehen war, dass es eine nachteilige Wirkung auf die weitere Stadtentwicklung haben werde: Eine Umgehungsstraße, das Herzstück der historischen Raumplanung, entlastete zwar die Innenstadt, trennte aber die Stadtviertel, die absehbar nicht mehr zusammenwachsen können. Rietzler beschreibt und analysiert eingehend die Gründe für die unumkehrbare Pfadabhängigkeit dieser Langzeitplanung. 


Ein Gastbeitrag für 𝒂𝒖𝒙𝒍𝒊𝒕𝒆𝒓𝒂 von 👱‍♂️ 🎓 Prof. Dr. STEFAN LINDL

1969 geboren in München-Pasing. Seit 24. November 2022 außerplanmäßiger Professor, Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg. Seine Themen sind nachhaltige Stadtentwicklung, historische Klima- und Gletscherorschung, Authentizitätsforschung, Theorie der Kulturwissenschaften, Maieutik, Interdisziplinaritätsforschung, Design- und Kunsttheorie und Environmental Humanities.

2003-2008 Freiberufliche Tätigkeit mit angewandten Kulturtheorien als Publizist, Essayist, Unternehmensberater, Analytiker, Leiter einer Philosophisch-maieutischen Praxis. CI– und CD-Entwicklung. Kunstvermittlung, Gestaltungsanalytik und -beratung. Entwicklung einer Kunst- und Designanalytik, die auf den Vorläufern der SIA gründete und vor allem eine alternative Art der Kunst- und Designanalyse ermöglichte, neben den üblichen Zugängen der Kunstgeschichte.

www.stefanlindl.de


Elischa Rietzler: Planung mit dem Rotstift. Die räumliche Logik infrastruktureller Planung Augsburger Stadtplanungsgeschichte 1920-1960,
Reihe Urban Habitat and Humanities, Bd. 2, herausgegeben von Stefan Lindl.
Kartoniert, 202 Seiten, 10 farbige Illustrationen
Norderstedt 2023.
Format: 21 x 14,8 cm
ISBN: 9783745888461


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