LESUNG | INTERVIEW & VIDEO • Das intensive und aufwühlende Debüt von Betty Boras beleuchtet Frausein im Spiegelfeld von Kulturraum und Migration. Die Autorin liest in Augsburg und Donauwörth aus ihrem Roman über eine Flucht aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Die Autorin über ihren Roman »Das schönste aller Leben«.
Betty Boras stellt ihren Roman 🛒 Das schönste aller Leben [hanserblau] am Freitag, 23. Mai, in AUGSBURG (Schlossersche Buchhandlung, 19:30 Uhr, Eintritt 15 €) und am Montag, 8. Juni, in DONAUWÖRTH (Buchhaus Greno, 19 Uhr) vor. Ihr Debüt beleuchtet Frausein im Spiegelfeld von Kulturraum und Migration: die innere und äußere Geschichte einer Flucht aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. ⟴ pm • auxlit
Inhalt des Romans: Für Vio ist Schönheit ein Versprechen von Glück und Aufstieg. Doch als ihre zweijährige Tochter bei einem Unfall Narben davonträgt, ringt die junge Mutter um das eigene moralische Selbst und fragt sich, was ihr Wunsch nach Perfektion über sie aussagt. Seit der Flucht aus dem rumänischen Banat kurz nach dem Sturz der Diktatur hat sie gelernt, was es heißt, sich anzupassen – fleißiger, schöner, stiller zu sein als die anderen. Fleiß und Schönheit waren die Währungen, mit denen Zugehörigkeit bezahlt wurde.
Doch was passiert, wenn das Äußere, das all dies tragen soll, plötzlich beschädigt ist? Und welche Spuren hinterlässt das Streben nach Perfektion über Generationen hinweg?
»Schönheit ist eine Währung«
Die Autorin Betty Boras über ihren Roman
~ © hanserblau

► Wovon handelt »Das schönste aller Leben« im Kern – und wie spiegeln sich darin die drei Frauenfiguren?
Es geht um Herkunft, Mutterschaft und Schönheitsideale. Vio ist als Kind aus dem rumänischen Banat nach Deutschland gekommen und hat gelernt, dass sie angepasster, fleißiger und schöner als andere sein muss, um dazuzugehören. Sie findet ihren Platz in der Gesellschaft, aber als sie später eine Tochter hat, die nach einem Unfall Narben davonträgt, an denen Vio sich die Schuld gibt, droht sie an ihren Selbstvorwürfen zu zerbrechen. Im Wiener Umland des 18. Jahrhunderts gilt Theresia als begehrenswerte Frau und gerät dadurch ins Visier der Keuschheitskommission. Sie verliert ihr Zuhause, wird entrechtet und in ein Arbeitslager im Banat verschleppt. Vio als Kind sowie als Erwachsene und Theresia sind die Protagonistinnen eines suchenden Romans, der unseren Blick auf Schönheit und Zugehörigkeit infrage stellt.
► Welche der Frauenfiguren liegen Ihnen persönlich am nächsten – und warum?
Vios Geschichte als Kind und Jugendliche ist am stärksten mit meiner eigenen Biographie verbunden. Auch ich kam als Sechsjährige aus dem rumänischen Teil des Banats nach Deutschland. Was Vio als Mutter geschieht und Theresia durch die Keuschheitskommission erleidet, habe ich glücklicherweise nicht erlebt. Aber ich kenne die Ängste als Mutter, dass dem eigenen Kind etwas zustößt, und das Gefühl, sein Zuhause zu verlieren. Insofern liegen mir alle drei Frauenfiguren gleichermaßen am Herzen.
»Viele Grundthemen im Leben von Frauen sind immer noch dieselben«
► Warum spielt das Thema Schönheit im Roman so eine große Rolle?
Weil ich Frauen in den Mittelpunkt stellen wollte und weil es ein Kriterium ist, durch das Frauen seit jeher bewertet werden. Schönheit ist eine Währung, sie kann Macht verleihen, aber auch gefährlich sein. Die meisten Frauen haben zu viel davon oder zu wenig, können es scheinbar nur falsch machen. Die richtige Dosierung ist ein schmaler Grat und liegt nur teilweise in unserer Hand. Und selbst, wenn wir aufgeklärt sind und vor allem auf innere Werte achten wollen, zeigt uns der Erfolg der Schönheitsindustrie, wie präsent der Wunsch nach gutem Aussehen ist (was auch immer man darunter verstehen mag). Eines der drei Frauenschicksale spielt im 18. Jahrhundert.
► Wie verwebt sich diese Geschichte mit den Frauenleben der Gegenwart?
Die Themen Herkunft, Mutterschaft und zu erfüllende Schönheitsansprüche sind dieselben, weil gerade die letzten beiden Motive Frauen schon immer betroffen haben. Darüber hinaus gibt es aber auch symbolische und verwandtschaftliche Verknüpfungen, welche die Figuren in Bezug zueinander stellen und zeigen, dass sich einiges bereits geändert hat, viele Grundthemen im Leben von Frauen aber immer noch dieselben sind.
►Was hat Sie am Schicksal der Banater Schwaben besonders beschäftigt – gerade im Hinblick auf Herkunft, Migration und Mutterschaft?
Mich beeindruckt der Mut, den sie vor Jahrhunderten schon aufbrachten, als sie aus Deutschland in die Fremde gingen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie wussten nicht, was sie erwartet und sollten eine Region aus dem Nichts aufbauen. Und mich beeindruckt der Mut, den sie Jahrhunderte später aufbrachten, als sie zurückkehrten. Das ist der Mut meiner Eltern und Großeltern. Auch sie mussten ganz von vorne beginnen. Ich habe lange geglaubt, dass meine eigene Migration in meinem Leben keine große Rolle spielen sollte. Ich kam als Kind, ich konnte die deutsche Sprache, wenn auch in Abwandlung. Durch meine eigene Mutterschaft wurde mir erst richtig klar, wie groß der Unterschied ist, ob man an einen Ort und eine Kultur hineingeboren wird und sich ganz selbstverständlich darin bewegt oder ob man erst lernen muss, sich darin zurechtzufinden. ~ © hanserblau

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