Programm-Präsentation & Vorverkauf-Start fürs Brechtfestival 2024. Mit dem provokanten Motto »No Future« geht das Festival im Februar 2024 in seine neue Runde – mit einem starken Literaturprogramm. Start ist mit einer Neu-Inszenierung von »Mutter Courage«. Dazu Science-Fiction aus China, Lesungen mit Helgard Haug und Şeyda Kurt, Stadionpoesie und Schreibworkshops. Auch das nichtliterarische Festivalprogramm schillert und glänzt prächtig brechtig.

Vielseitiges Training gegen drohende Zukunftslosigkeit – so präsentiert sich das Programm des ► Brechtfestivals 2024. Unter der Leitung von Julian Warner will es zehn Tage lang einen künstlerischen Raum zur Verfügung stellen, um Möglichkeiten und Grenzen des Fortschritts zu erproben, neue Sichtweisen und unbekannte Haltungen zu versuchen, zu verwerfen, einzuüben. Das Programm unter den Namen »No Future«: ein vielseitiges Training, das sich der drohenden Zukunftslosigkeit mit allen Mitteln stellt, die Kunst, Sport und Pop zu bieten haben.
Das Festival verbindet 2024 ein internationales Theaterprogramm, spannende Kunstformate, Gespräche, Lesungen, Performances, Konzerte, Filme und Clubnächte, renommierte Ensembles, Künstlerinnen und Künstlern mit lokalen Communities, Vereinen und Kultur-Akteuren. Dank der Kooperation mit dem Staatstheater Augsburg sind erstmals mehrere Theateraufführungen in vier Sprachen erlebbar – Bühnensprachen, Übertitel oder Übersetzungen per Handy-App gibt es in Deutsch, Englisch, Russisch und Türkisch. Im Programmheft ergänzen Zitate von beteiligten »Brecht’s People«, Fachtexte, Essays und Interviews die Informationen zum Festival. Der Ticket-Vorverkauf ist gestartet.
Premiere mit Neu-Inszenierung von »Mutter Courage«

Eröffnet wird das Festival am 23. Februar. mit dem Brecht-Klassiker Mutter Courage und ihre Kinder in einer großen Neu-Inszenierung am Staatstheater Augsburg. In der völlig entmenschlichten Welt des Dreißigjährigen Krieges versucht die Marketenderin Anna Fierling, die »Mutter Courage« (gespielt von Ute Fiedler), sich und ihre Kinder lebend durch den Krieg zu bringen. In seiner Inszenierung macht David Ortmann, Leitender Regisseur des Staatstheater Augsburg, die Aktualität des Stoffs erschreckend bewusst. Unter Mitwirkung der preisgekrönten, gehörlosen Schauspielerin Anne Zander in der Rolle der Kattrin macht das Schauspiel-Ensemble in großer Besetzung zusammen mit den Augsburger Philharmonikern (Musik: Paul Dessau) die Chronik des Dreißigjährigen Krieges von Bertolt Brecht zu einem opulenten Bühnenereignis.
Im Literaturprogramm kooperiert das Brechtfestival mit Burg Hülshoff – Center for Literature (Havixbeck) und dem Günter-Grass-Haus Lübeck. Unter dem Titel Halbzeiten entwickelt jeder der drei Akteure einen Beitrag zum Kulturprogramm der Herrenfußball Europa Meisterschaft UEFA EURO 2024TM. Der Brechtfestival-Beitrag Zur Poesie und Praxis des Trainierens umfasst die Lyriklesung Stadion-Poesie mit Autorinnen aus verschiedenen Ländern, eine Trainings-Lecture mit der renommierten Choreographin Joana Tischkau und eine Schreibwerkstatt für Jugendliche von 14 bis 20 Jahren (Schweiß fließt, wenn Muskeln weinen). Letztere wird nach dem Festival fortgeführt und endet mit einem großen Treffen mit Jugendlichen aus Augsburg, Havixbeck und Lübeck in Berlin.
Science-Fiction aus China in Oberhausen

Chi Hui aus Chengdu ist eine der vielseitigsten Stimmen des zeitgenössischen chinesischen Science-Fiction-Kosmos. Unter dem Titel Das Erbe der Menschheit taucht das Publikum im Rahmen einer Ausstellung und Lesung im Café Tür an Tür in diesen Kosmos ein. 35 Illustrationen zeigen Szenen aus vier Geschichten der Sci-Fi-Autorin. In der Lesung am letzten Festivalsamstag, 2. März (11 Uhr) [► TICKETS • auxlitera-Partnerlink reservix.de] wird das Buchprojekt Das Erbe der Menschheit vorgestellt. Chi Hui wird live aus Chengdu zugeschaltet.
Nach einem Gespräch werden Auszüge aus ihren Erzählungen gelesen, anschließend öffnet sich das Podium für eine Diskussion über die Zukunft. Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit dem unabhängigen Buchverlag Maro mit Sitz in Oberhausen, der internationale chinesische Science-Fiction übersetzt und auf Deutsch herausgibt.
Lesungen mit Helgard Haug und Seyda Kurt

Die Autorin und Regisseurin Helgard Haug, auch Teil des Theater-Labels Rimini Protokoll, stellt am 3. März ihren Roman All right. Good night vor [► TICKETS • auxlitera-Partnerlink reservix.de]. Am Beispiel einer 2014 verschollenen Passagiermaschine und der sich zufällig zeitgleich manifestierenden Demenz ihres Vaters zeichnet sie das Verschwinden, die Suche und das Ringen mit der Ungewissheit nach und verknüpft die eigene Erfahrung mit der Trauerarbeit der Hinterbliebenen.
Die gleichnamige Inszenierung wurde zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladen, für den Mülheimer Dramatiker Preis nominiert und von der Fachzeitschrift Theater Heute zur Inszenierung des Jahres erklärt. Das Hörspiel wurde von der Deutschen Akademie der Darstellenden der Künste zum Hörspiel des Monats März gekürt. Die Lesung findet am auf der Brechtbühne im Gaswerk statt.
Die Autorin und Journalistin Şeyda Kurt holt in ihrem Buch das moralisch verpönte Gefühl Hass aus der Verbannung und begibt sich auf die Spuren seines widerständigen Potentials. Dabei interessieren sie vor allem die Menschen als Subjekte des Hasses in einer kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen Welt. Die Lesung Hass – von der Macht eines widerständigen Gefühls findet am 28. Februar in Brechts Kraftklub statt.
Workshops: Rap, Spoken Word, Brecht-Lyrik und Sound

Einen Nachmittag lang bieten die Workshops von Brecht Bites! einem jungen Publikum die Möglichkeit, selbst kreativ zu werden, Rhythmen und Beats zu erfinden, Brecht auf seine Rap-, Spoken Word-, Urban Dance– und Hip-Hop-Tauglichkeit zu überprüfen und dabei Neues und Eigenes zu erschaffen.
Hinter Brecht Breaks! steht ein Konzert, bei dem eine neue Generation die Bühne mit Brecht erobert – Jugendliche schmieden aus Brechts Gedichten eigene Reime und gerappte Texte. Mit Komponisten und Arrangeuren wird daraus Musik. Darunter bekannte Augsburger Größen wie Tom Jahn, Tilman Herpichböhm, Bastian Walcher, Jan Kiesewetter, Uli Fiedler u. a. Gemeinsam grooven sie live mit der Big Band St. Stephan im Hip-Hop-Modus auf der großen Bühne des Staatstheaters im martini-Park. Das Konzert ist für alle kostenfrei.
Sich in Brecht hineinversetzen, mit seinem Blick das heutige Augsburg durchstreifen und die gesammelten Eindrücke poetisch verarbeiten – das war die Aufgabe des diesjährigen Kreativwettbewerbs des Augsburger Brechtkreis für Schülerinnen und Schüler. Ausgewählte Beiträge werden am 23.12. in Brechts Kraftklub öffentlich gewürdigt und dort in einer Ausstellung präsentiert.
»Memoria« – Premiere der Exilversion
des in Russland verbotenen Stücks
Anastasia Patlay gehörte zu den renommiertesten Regisseurinnen für Dokumentartheater in Moskau. Sie bewohnt seit Februar 2023 als erste Artist at Risk-Stipendiatin das Augsburger Brechthaus. Für das Brechtfestival erarbeitet sie eine neue Version von Memoria, dem letzten Stück, das sie in Russland realisiert hat. Das in Russland inzwischen verbotene Stück thematisiert die Zerschlagung der NGO International Memorial, einer Institution zur Aufarbeitung von Regierungsverbrechen der Stalinzeit. Es verwebt dabei Interviews, Gerichtsakten und Texte aus der Exilzeit Bertolt Brechts mit der Fallakte
der berühmten Brecht-Schauspielerin und Interpretin Carola Neher, deren tragisches Schicksal von International Memorial rekonstruiert wurde.
Die Uraufführung der Exilversion des dokumentarischen Theaterstücks Memoria über Gedächtnis und Erinnerung von Nana Grinstein ist am 27.02. [► TICKETS • auxlitera-Partnerlink reservix.de] in der Brechtbühne im Gaswerk zu sehen. Im Anschluss an die Aufführung ist ein Publikumsgespräch mit Irina Scherbakova geplant, früher Leiterin von International Memorial Moskau, das 2022 den Friedensnobelpreis erhielt und per Gerichtsbeschluss in Russland aufgelöst wurde. Das Festival-Programmheft enthält ein ausführliches Interview mit Anastasia Patlay zum Stück und zur Situation für Kunstschaffende in Russland.
Gastspiele: »Der kaukasische Kreidekreis« & »Leben, ich liebe dich!«
Der kaukasische Kreidekreis von Bertolt Brecht kommt am 2. und 3. Februar [► TICKETS • auxlitera-Partnerlink reservix.de] in einer Fassung von Helgard Haug (Rimini Protokoll) mit dem inklusiven Theater Hora und Musik von Barbara Morgenstern nach Augsburg auf die Brechtbühne. In dieser Version äußert sich das Kind, um das gestritten wird, selbst. Die Inszenierung fragt nach dem „Mütterlichen“ an sich: Wer darf, kann, will sich kümmern?
Das Theaterstück Leben, ich liebe Dich! (türkischer Originaltitel: Hayat Seni Çok Seviyorum) von İlhan Sami Çomak ist ein ungewöhnliches Ereignis [► TICKETS • auxlitera-Partnerlink reservix.de] . Der Dichter Çomak wurde 1994 während seines Studiums in Istanbul unschuldig festgenommen und sitzt seither ohne Prozess im Gefängnis, seit 30 Jahren. In der Inszenierung kommt er zu Wort: Eine Schauspielerin und ein Schauspieler der Gruppe Moda Sahnesi (Istanbul) interagieren auf der Bühne mit der Stimme des Autors. Im Spiel kan
İlhan Sami Çomak die Enge seiner Zelle verlassen und Gedichte vortragen. Er erzählt von seiner Kindheit und von der Verhaftung, von der Kraft der Kunst und der nicht endenden Hoffnung auf Gerechtigkeit.
Die Aufführung auf der Bühne des Staatstheaters im martini-Park am 25.02. ist in türkischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln. Russische Untertitel sind via Handy-App verfügbar. Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit der Intendantin des Maxim-Gorki-Theater Berlin, Shermin Langhoff, und Can Dündar, dem türkischen Journalisten, Dokumentarfilmer und Buchautor, der seit 2016 im deutschen Exil lebt und arbeitet. Seit vielen Jahren schreibt er eine Theaterkolumne auf ► Gorki.de. Die 28. Ausgabe dieser Kolumne befasst sich mit Çomaks Stück. Sie ist als Gastbeitrag im Brechtfestival-Programmheft in türkischer Sprache enthalten. Auf der ► Website des Gorki Theaters ist der Text auf deutsch und türkisch verfügbar.
🇩🇪 🇹🇷 🇬🇧 🇷🇺
Die Aufführungen des Staatstheater-Beitrags Mutter Courage und ihre Kinder am 23. Februar und 3. März (Bühne des Staatstheaters im martini-Park), die Uraufführung von Memoria am 27. Februar sowie die Vorstellungen von Der kaukasische Kreidekreis am 2 Februar und 3. März (alle drei auf der Brechtbühne im Gaswerk) sind per Übertitel und Handy-App in den Sprachen Deutsch, Englisch, Türkisch und Russisch erlebbar. Die Serviceteile im Programmheft verfügen über Passagen in den genannten Sprachen.
WEITERLESEN: ► Julian Warner zu Gast beim 𝒂𝒖𝒙𝒍𝒊𝒕𝒆𝒓𝒂-Fragebogen Speak & Spell | subtext Sprache: Der Kulturanthropologe Warner über Sprache, Sprechen, Worte: »Sprache vermag es, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Aber sie verändert sie nicht.«
Das weitere Programm
ORGANISMENREPUBLIK: JUSTIZPALAST
Die Organismenrepublik Augsburg ist ein Projekt, in dem Kunst Politik, Utopie und Wirklichkeit ineinanderfließen. Auf dem Staatsgebiet am Roten Tor ist der Mensch nur eine von 500 gleichberechtigten Arten, die in parlamentarischen Gremien um die bestmögliche Form des Zusammenlebens ringen. Anträge werden gestellt.
Mehrheitsbeschlüsse werden umgesetzt. Nicht immer zur Zufriedenheit aller: So kommt es im »Justizpalast« am 24.2. auf der Brechtbühne im Gaswerk zur ersten großen Gerichtsverhandlung der jungen Republik. Der Biber will um jeden Preis eine Lizenz zum Nagen und Stauen der Wasserläufe am Roten Tor durchsetzen. Wie weit er damit kommt, bestimmt das Publikum in der Rolle der Richterinnen und Richter.
Mehr Infos unter ► clubreal.de.
COMMUNITY ARTS LAB AUGSBURG
Das „Community Arts Lab Augsburg“ (CALA) ist ein experimentelles Studierendenprojekt von Julian Warner in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt. Seit Sommer 2023 stiftet das Kreativ-Labor in Oberhausen Begegnungen, Austausch und Kollaborationen zwischen jungen Künstlerinnen, Künstlern und „Brecht’s People“ – Augsburger Bürgerinnen und Bürgern, die mit ihrer Praxis an Brechts Erbe anknüpfen.
Beim Brechtfestival 2024 werden erstmals vier Teilprojekte öffentlich präsentiert, darunter ein neu geschaffenes Getränk, das den Geschmack Oberhausens einzufangen versucht, eine Modekollektion und eine mobile Zeitkapsel in Form einer goldenen Kugel, die sich derzeit durch Oberhausen bewegt und Geschichten von Orten und Menschen in sich aufnimmt.
URAUFFÜHRUNGEN DER FREIEN AUGSBURGER THEATERSZENE
Drei Augsburger Gruppen und Kollektive sind mit Beiträgen zum Brechtfestival 2024 dabei. Die Bürgerbühne des Jungen Theaters Augsburg (JTA) fragt in Wuuuuut, ob das Gefühl Wut eher als Potential oder Gefahr zu betrachten ist. Eine Gruppe Jugendlicher erforscht die eigene Wut künstlerisch und macht daraus ein Stationen-Theaterstück. Das theter-Ensemble entwickelt mit Berti Brecht and the Multiverse of Alienation ein absurdes Sci-Fi-Theatermärchen, das in Lehrstückmanier die Manifestation gesellschaftlicher Filterblasen als Paralleluniversen durchspielt.
Die Gruppe Bluespots Productions bespielt mit dem Beteiligungsformat Spiritueller Leerstand – Eine Kirche für die Kunst die Kirche St. Johannes in Oberhausen mit einem 24-Stunden-Theater. Erfahrung, Vorkenntnisse oder Talent der Interessierten spielen keine Rolle. Termine unter ► bluespotsproductions.de.
TURNFEST ZUR ERÖFFNUNG DER FESTIVALZENTRALE
Mit einem großen Turnfest am Samstag, 24. Februar 2024 eröffnet Brechts Kraftklub, die große Festivalzentrale am Plärrer vor den Toren von Augsburg Oberhausen. So wie die historischen Turnerinnen und Turner ihr Körpertraining mit einer politischen Idee verbanden, ist auch dieses Turnfest eine politische Geste: Mit Kraft, Spannung und Schwung steht es für ein Aufbäumen gegen den Lauf der Geschichte in eine aussichtlose Zukunft und blinden Fortschrittsglauben.
Zahlreiche Augsburger Sportvereine und -gruppen präsentieren sich in einer großen Choreografie. Die Philosophin Eva von Redecker hält eine Rede, Grußworte aus drei Religionen werden gesprochen. Am Abend mündet das Turnfest zur Kraftklub-Eröffnung in eine Clubnacht, kuratiert vom City Club Augsburg.
FIT FOR »NO FUTURE« – BRECHTS KRAFTKLUB
Das Brechtfestival ist auch diesmal (in bester brecht’scher Tradition) nicht nur zum Zuschauen gedacht. Es generiert nicht nur intellektuelle Impulse, sondern bringt das Publikum ganzheitlich in Bewegung. In Brechts Kraftklub wird täglich trainiert, jede und jeder ist herzlich willkommen. Unbekannte Moves werden versucht und Worte in neue lyrische Formen gegossen. Ein Raum, in dem es gleichermaßen um die Meisterschaft des poetischen Schreibens wie auch um die Geschicklichkeit im Fingerbillard geht. Wo Ringkampf, Rollerdisko und Community-Projekte neben brandaktuellen Diskursen über Politik, Theater und Freiheit stehen. Die ehemalige Leiterin des Meyerhold-Zentrums in Moskau, Elena Kovalskaya, spricht über russisches Theater im Widerstand. Eva von Redecker lädt zum Austausch über Freiheit und keine Zukunft ein.
SHOWS, TRAININGS, DISKURS & FILM
Brechts Kraftklub wird zur Bühne für Shows von und mit verschiedenen Augsburger Communities. Dazu gehört ein Basketball Streetball-Battle inklusive Live-Freestyle Rap (27.02.), ein Box-Schaukampf (28.02.), ein Folklore Mitmach-Abend mit Türkischen und Bayrischen Tänzen (29.02.) sowie ein Straßentischtennis-Turnier (03.03.). Der Geschichtswissenschaftler Anton Jäger hält einen Vortrag über Hyperpolitik (02.03.), der Musiker, Historiker und Performer Kalle Aldis Laar präsentiert mit Doomsday – Stimmen für den Untergang Geschichtsphilosophie am Plattenteller. Im Kraftklub-Kino laufen Filme in Dauerschleife: Songs from the Compost von Eglė Budvytytė und Negus von Invernomuto. In Lynette Wallworths postapokalyptischen 3D-Film Collisions taucht das Publikum mit VR-Brillen ein. Die täglichen offenen Trainings für zum Beispiel Yoga, Skate Dance, Krafttraining oder Capoeira sind für alle da, auch für Anfängerinnen und Anfänger.
Das Augsburger Online-Radio Stayfm sendet an sechs Abenden live aus Brechts Kraftklub mit lokalen DJs. Der preisgekrönte City Club – sonst am Königsplatz als Kneipe, Technoschuppen, Theater und Konzertlocation zuhause, bespielt den Tresen. Brechts Kraftklub ist Bühne, Spielwiese, Hang-Out, Dancefloor, Trainingszentrum und Akademie. Wegen begrenzter Teilnahmemöglichkeiten ist eine Anmeldung in einigen Fällen erforderlich.
BRECHTNACHT GOES POST-PUNK
»No Future« lautete das Motto der Punks. Als ihre Haltung zur Pose verkam, erneuerte sich die musikalische Form, indem sie sich zum Prinzip erhob und in anderen Richtungen von Jazz bis Techno fortsetzte. Post-Punk heißt „Rip it up and start again“. Das ist der Sound keiner Zukunft. Ihn gilt es zu zelebrieren. Zum Beispiel mit Mulatu Astatke (Äthiopien), dem Erfinder des Ethio-Jazz. Klavier, Orgel, Vibraphon und Perkussion bilden das instrumentale Fundament dieser Mischung aus Pop, modernem Jazz, traditioneller äthiopischer Musik, lateinamerikanischen Rhythmen, karibischem Reggae und Afro-Funk.
Außerdem dabei sind: Friends of Gas (München), Güner Künier (Berlin), Yao Bobby & Simon Grab (Togo/Schweiz), Nout featuring Mats Gustafsson (Frankreich / Schweden), Kalte Hand (Augsburg), Isokratisses (Griechenland).
Poptheoretiker Diederich Diederichsen empfängt zum Talk. Thema ist die Geste der Verneinung, die zur DNA des Punk gehört. Welche produktive Kraft liegt in der gegenwärtigen historischen Situation in der Negativität?
Das Programm zur Brechtnacht wurde von Julian Warner und Girisha Fernando kuratiert.
CLUBNÄCHTE & MUSIK
Zwei Clubnächte in Brechts Kraftklub umklammern das Festivalgeschehen in der Zentrale. Frei nach dem Motto: »Tanzen bis die Abrissbirne einschlägt« (das Gebäude soll demnächst verschwinden) hat das Brechtfestival angesagte Party-Teams aus Augsburg und der Welt engagiert. Der City Club am Königsplatz ist eine unverzichtbare Größe im Augsburger Nachtleben, 2023 ausgezeichnet mit dem „Applaus-Award“ als eine der besten Livemusik-Spielstätten Deutschlands. Die Crew veranstaltet seit elf Jahren Techno und House Clubnächte mit zeitgenössischer elektronischer Musik und Live-Konzerten. Zur Eröffnung von Brechts Kraftklub kuratiert das Team einen vibrierenden spaced-out Dancefloor. Eintauchen ins Paradies am 24.02. mit Touchdown to Paradise.
Die in Amsterdam ansässige Party Bixaria macht am 02.03. Halt beim Brechtfestival. Bixaria schafft experimentelle Partyräume für BIPoC, Queers und Migrantinnen und Migranten im Dialog mit der lokalen LGBTQIA+ Community. Diese Clubnacht heißt alle willkommen, um Baile Funk, Brega Funk, Brazilian House, Denbow und Reggaeton abzufeiern.

JULIAN WARNER • LEITER DES BRECHTFESTIVALS 2024
Julian Warner ist ein deutsch-britischer Kurator und Künstler. Er ist künstlerischer Leiter des Brechtfestivals Augsburg 2023 bis 2025 und veröffentlicht unter dem Alias Fehler Kuti Popmusik und Performances. Er co-kuratierte Performing Arts Festivals für das Künstler*innenhaus Mousonturm, die Münchner Kammerspiele und die Berliner Sophiensaele.
2021 entwarf er für das internationale Theaterfestival Spielart ein Großprojekt im öffentlichen Raum zu gegenwärtigen Diskursen der Angst (Global Angst: Parlament. Parade. Ritual.). 2022 war er künstlerischer Leiter des Festivals der Kultur-Region Stuttgart Über:Morgen. Er ist Herausgeber eines Sammelbandes zu Problemen der postkolonialen Kritik in Deutschland: After Europe. Beiträge zur dekolonialen Kritik (Verbrecher Verlag, 2021) und war 2022 bis 2023 Gastprofessor für Dramaturgie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Julian Warner ist Mitglied des Präsidiums des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen.
WEITERLESEN:
► Julian Warner zu Gast beim 𝒂𝒖𝒙𝒍𝒊𝒕𝒆𝒓𝒂-Fragebogen Speak & Spell | subtext Sprache: Der Kulturanthropologe Warner über Sprache, Sprechen, Worte: »Sprache vermag es, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Aber sie verändert sie nicht.«
Bildnachweis: Bertolt Brecht, Grete Stern, c. 1933, Gelatin silver print, National Portrait Gallery, Smithsonian
Institution; gift of Barry Bingham, Sr., W. John Kenney, and Mrs. Katie Louchheim)





