Erzählen, Er-Innern, Veräußern

Das Hauptwerk des Augsburger Erzähl-Performers Carl E. Ricé erscheint erstmals als Hörbuch auf CD.

Dieses Jahr im Dezember wird er 75 Jahre alt: der Wahl-Augsburger und Erzählperformer Carl E. Ricé. Anfang der 1990er-Jahre brach er von Augsburg aus als der damals einzige berufsmäßige »Literatur-Erzähler« auf die Bühnen der Republik auf. »Das geschriebene Wort aus seinem Gefängnis befreien« war das Motto, unter dem er literarische Stoffe u.a. von Thomas Mann, Franz Kafka, Ingeborg Bachmann, Roald Dahl und Edgar Allan Poe nicht vorlas, sondern durch freies Erzählen zum Leben erweckte.

Welchen Widerständen sein (Über)-Lebenswerk als Erzähler abgerungen wurde, verrät der Titel seines Werks Das Kainszeichen – Geschichte einer Vergewaltigung, das Ricé 1992 erstmals in Augsburg aufführte. Die Performance über familiäre Gewalt, sexuellen Kindesmissbrauch und die daraus resultierenden Traumatisierungen ist eine einzigartige Verbindung von Literatur und Hör-Theater, »die das Auditorium […] von der ersten bis zur letzten Minute packt«, so die Augsburger Allgemeine damals über eine der ersten Aufführungen. 30 Jahre nach seiner Uraufführung erschien dieses Hauptwerk von Carl E. Ricé nun im Juni 2022 als vom Autor live im Studio eingesprochene Hörbuch-Doppel-CD als gemeinsame Veröffentlichung des Augsburger Labels www.gebrauchtemusik.de und des Kölner Verlags parasitenpresse.

Toolkit in der Präventionsarbeit

Das Kainszeichen basiert auf eigenen Erfahrungen des Autors und wurde von Carl E. Ricé viele Jahre lang, im Rahmen einer in Deutschland wohl einzigartigen Synthese von Kunst und Sozialer Arbeit, auch im Rahmen der Therapie von Missbrauchstätern eingesetzt. Mit der CD-Einspielung liegt das Werk nun erstmals unabhängig von der Live-Performance durch den Autor vor. Im Rahmen eines Service-Learning-Projekts der Hochschule Augsburg für die Stadt Augsburg wird derzeit auf Basis von Das Kainszeichen und Reflexionen von Carl E. Ricé über seine eigenen Erfahrungen ein Toolkit zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch erarbeitet. Diana Schubert, selbst Fachkraft für Kriminalprävention und als Leiterin der Kindertagesbetreuung der Stadt Augsburg die Initiatorin des Kooperationsprojekts, erklärt: »Carl Ricés eindringliche Erzählung sensibilisiert auf exemplarische Weise, wie Missbrauchsstrukturen im inner- und außerfamiliären Umfeld funktionieren. Systemische Lücken werden deutlich aufgezeigt. Damit kann sie eine wertvolle Funktion in der Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern und anderen pädagogischen Fachkräften übernehmen.«

Hörprobe:

Mit der Audiobook-Veröffentlichung einher geht die Wiederentdeckung seines bereits veröffentlichten literarischen Werks. Denn Ricé hat als Erzähl-Performer nicht nur fremde Texte auf die Bühne gebracht – in den letzten Jahren war er regelmäßig im Advent mit der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens sowie beim Brechtfestival bzw. im Brechthaus mit Brechts Geschichten vom Herrn K. zu erleben –, sondern auch selbst geschrieben: so die hintergründig-satirischen Erzählungen in seinem Buch Henker, bitte weitermachen.

Ebenfalls literarisch hatte sich Carl E. Ricé bis vor ein paar Jahren noch im Rahmen seines Poesiebrunchs engagiert. Immer am zweiten Sonntag des Monats um 10:00 Uhr begrüßte er dort zehn Jahre lang die Gäste. Diese Form der Poesie der Begegnung, bei der literarische Texte als Anlass für ein Gespräch dienen, wurde von Carl E. Ricé entwickelt – eine konsequente Fortsetzung des Ansatzes, dass Poesie eben nicht zwischen Buchdeckeln stattfindet, sondern im Dialog von Text und Mensch. Von 2010 bis 2020 moderierte Carl E. Ricé als künstlerischer Leiter für den MehrGenerationenTreffpunkt Pfersee in Augsburg einen monatlich stattfindenden Poesiebrunch, von 2016 bis 2020 im Kulturhaus abraxas und ab 2018 in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Alexandra Tobor.


Carl E. Ricé: Das Kainszeichen. Geschichte einer Vergewaltigung
Doppel-CD inkl. Download mit Bonusmaterial, 20 Euro
gebrauchtemusik/parasitenpresse, 2022

>> CD bestellen / Anhören / Downloaden <<

Weitere Infos zu Carl E. Ricé: www.carlerice.wordpress.com


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