»Lesezeichen«-Brechtfestival-Edition ★ Brechtfestival-Co-Kurator Mark Schröppel zu Gast in der 𝒂𝒖𝒙𝒍𝒊𝒕𝒆𝒓𝒂-Serie »Lesezeichen«. Der gebürtige Augsburger lebt in Berlin und ist Regisseur, Performer und Musiker. Zusammen mit Sahar Rahimi leitet er das Brechtfestival*26. Hier gibt Mark Schröppel Einblick in seine Lesewelt und Lesegewohnheiten.

LESEZEICHEN • 9 Fragen an Mark Schröppel
– Leiter des Brechtfestivals, Regisseur, Performer, Musiker –

► Wenn ich ein Buch lese, ziehe ich mich in mein Schneckenhaus zurück. Lesen mottet mich ein und entfernt mich aus der Realität. Es ist wie ein Schutzschild, das mich an einen anderen Ort beamt und mich von den Zwängen des Alltags befreit.
◼️ Welche Zeitschriften/Periodika lesen Sie? Haben Sie Abonnements?
► Konkret im Abo, taz (digital), BILD (digital), Jungle World (digital), Testcard (Buchreihe)
◼️ Haben Sie einen oder eine Lieblingsautor/-in? Wo würden Sie sich gerne mit ihm / ihr treffen?
► Ach, das mit den Held*innen kennenlernen ist ja immer so eine Sache. Mir ist das jetzt nicht so oft passiert, aber wenn es soweit kam, war es tendenziell eher enttäuschend. Von daher können Lieblingsautor*innen gerne bleiben wo sie sind. Aber vielleicht kann man den Spieß auch umdrehen. Darf man auch ein totales Ekel treffen? Dann würde ich gern an einem 23. Dezember in einem überfüllten ICE von Berlin nach München fahren und dabei eng aneinander gepresst neben Blixa Bargeld oder Maxim Biller stehen.
◼️ An welches Buch aus Ihrer Kindheit können Sie sich noch lebhaft erinnern?
► Mein Vater hat als Kind in den 1950ern eine Allgemeinwissen Buchreihe gesammelt, die hieß WISSEN. Das war eine Art Vorläufer der Was ist was?-Bücher von Tessloff. Auf der oberen Blattseite war meistens ein Bild, darunter der Infotext zum jeweiligen Thema. Oft auch als Doppelseite. Mein Opa hat mir das vorgelesen. Ich erinnere mich noch gut, wie schön ich die handgezeichneten Illustrationen fand und wie fesselnd bspw. die Beschreibungen von antiken Belagerungsmaschinen für mich waren. Vor einiger Zeit habe ich mal wieder reingeschaut. Die Texte sind leider dermaßen reaktionär, es ist fast schon absurd.
◼️ Welches Buch (oder welche Begegnung mit einem schriftlichen Periodikum) hat Sie geprägt? Und wie und warum?
► In der 5. Klasse habe ich Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses von Dee Brown geschenkt bekommen. Das ist ein Buch über den Völkermord an den nordamerikanischen Indigenen im 19. Jahrhundert. Das hat mich total umgehauen. Das Leid und die Ungerechtigkeit, die darin beschrieben werden – ich konnte das nicht fassen. Ein paar Wochen später habe ich den Vorlesewettbewerb unserer Klasse gewonnen, durfte dann zum Schulfinale und hab da das Kapitel über Wounded Knee vorgelesen.
Für mich als moralisches Kind war das ein sinnvoller Protest gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Die mich begleitende Lehrerin sah das ganz anders und hat mich noch Wochen später geschimpft und gefragt, warum ich denn nichts aus Der Wunschpunsch genommen hätte. Es heißt ja, die Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben. Dieses Buch erzählt die Perspektive der »Verlierer«. Auch wenn es vielleicht ein bisschen früh war, diese Sicht der Dinge bereits als Kind zu erfahren, hat schon irgendwie Grundsätzliches eingenordet.
◼️ Wenn Sie selbst ein Buch schreiben würden, was für eines wäre es, worüber ginge es? Und verraten Sie uns seinen Titel?
► Ich bin ja in Hamburg Teil einer Performancegruppe, die aus jungen und erwachsenen Menschen mit und ohne geistige Behinderung besteht. Im Kollektiv haben wir über die Jahre eine Technik entwickelt, mit der wir gemeinsam Texte schreiben. Das ist eine Art frei assoziierendes Geschichten erzählen, bei dem sehr surreale und, wie ich finde, hochwertige Prosabandwürmer entstehen. Wenn wir irgendwann noch ein paar mehr solcher Texte produziert haben, wäre es tatsächlich schön, wenn man die veröffentlichen könnte. Titel: Wenn du aus dem Fenster fällst, zerspringt deine Seele wie ein Porzellanteller.
◼️ Welche/r Nicht-Literat/in sollte Ihrer Meinung nach mal ein Buch schreiben und worüber?
► Ich finde aufrichtig, dass Menschen mit geistiger Behinderung zu wenig auf dem Buchmarkt vertreten sind. Ich hatte durch das Arbeiten in inklusiven Kontexten das Glück die unterschiedlichsten Menschen mit super individuellen Zugängen zu Sprache kennenzulernen. Durch sie hat sich mein Blickwinkel darauf, wie Dinge erzählt werden können, grundsätzlich verändert und erweitert. Dem Literaturbetrieb sind diese Positionen aber tendenziell unbekannt. Also, liebe Verlage, meldet euch! Ich vermittle gern!
◼️ Welches Buch haben Sie als letztes gelesen?
► Ich lese meistens parallel mehrere Bücher. Zurzeit ist das Verfluchte Neuzeit von Karl-Heinz Ott, Jenseits von Schuld und Sühne von Jean Améry. Wegen dem Brechtfestival mal wieder die Interviews mit Heiner Müller oder Hanns Eisler und das Tao-te-king von Lao-Tse.
Lesarten ▣ Schnellcheck:
👓 • Lesebrille? – Nein
📖 💻 • Buch oder E-Book? – Buch!
📑 • Lieblingslesezeichen? – Irgendwas oder Buch aufgeklappt hinlegen
📚 • Hardcover oder Taschenbuch? – Taschenbuch
🛒 • Lieblingsbuchhandlung? – Pro Buch in Augsburg (RIP)
Mark Schröppel: Meine ❺ Lieblingsbücher
»Wir sind ja mit dem Brechtfestival in Süddeutschland und ich bin ja auch aus der Gegend. Von daher versuch ich’s mal mit einem bayrisch-österreichischen Best-of:«
• Franz Dobler: »Tollwut«
• Werner Fritsch: »Cherubim«
• Stefanie Sargnagel: »Dicht«
• Lydia Haider: »Rotten«
• Oskar Maria Graf: »Wir sind Gefangene«
⸛ Konzept & Fragen: Martin Schmidt

WAR GAMES – ein Stück von Mark Schröppels Performance-Kollektiv SKART & Masters of the Universe beim Brechtfestival*26
Mark Schröppels Performance-Kollektiv SKART & Masters of the Universe aus Hamburg zeigt am Donnerstag, 5. März (martini-Park, 19 Uhr ►TICKETS Anzeige) das Stück War Games. Warum Krieg, fragt die Performance und der Abend begibt sich auf die Spur der abstrakten Muster und Teufelskreise, die sich überall dort wiederholen, wo im großen Stil gemordet wird. Die Performance wurde gemeinsam mit dem inklusiven Ensemble Meine Damen und Herren entwickelt.

DIE VERWANDLUNG – Manuel Gersts interaktive Performance mit Musik von Mark Schröppel beim Brechtfestival*26
Am Freitag, 6. März (21:30 Uhr, ► TICKETS Anzeige), ist im tim die interaktive Performance Die Verwandlung von Manuel Gerst zu erleben, zu der Mark Schröppel die Musik beitrug und künstlerisch mitarbeitete. In Anlehnung an Kafka lädt das Stück dazu ein, über Gewaltbereitschaft, Mitgefühl und Verantwortung nachzudenken.

► BISHER SCHON ZU GAST:
🏷️#13 • Sahar Rahimi [Brechtfestival*26-Edition] • Brechtfestival*26-Co-Leiterin & Theaterregisseurin: Marx, Snoopy und Lesen als Kontemplation
🏷️#12 •Dominik Kneißl & Fabian Schreyer • Fotokünstler: Linse, Licht, gelesene Welt
🏷️#11 •Asya Sen • Jungschauspielerin »Club Performance« am Staatstheater Augsburg: »Bücher bedeuten Inspiration, Ruhe und Selbsterkundung«
🏷️#10 • Adriana Gabrian • Violinistin und Mitglied der Augsburger Philharmoniker – »Perspektiven verstehen und weiterentwickeln«
🏷️#10 Tobias Klein • Leiter des Kulturamts Ingolstadt – »Kein einzelnes Buch, sondern das Lesen an sich hat mich geprägt«
🏷️ Rüdiger Hofmann • Comedian-Urgestein – Was liest dieser Mann?!
🏷️ Düzgün Polat • Diversity Trainer – Lesen gehört zur Lebensrealität
🏷️ Cordula Weimann •»Omas for Future«-Gründerin – Lesen und Handeln
🏷️ Klaus Rattenbacher •Gründervater des Donauwörther Poetry Slams – Sich durch das Buch fressen und sofort zu Ende lesen
🏷️ Martin Sailer • Landrat des Landkreises Augsburg und Bezirkstagspräsident des Bezirks Schwaben – L wie Landrat, L wie Lesen
🏷️ Anja Güthoff • Bildende Künstlerin – Tierisch viel lesen
🏷️ Gerald Bauer • Maler, Grafiker & Fotograf – Die Summe der Bücher.
🏷️ Alexej Gerassimez • Perkussionist & Artist in Residence am Staatstheater Augsburg – Schlag auf Schlag: von Stefan Zweig bis Dune
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