REZENSION | VERLOSUNG ★ In Christoph Türckes neuem Buch »Philosophie der Musik« erhellen sich Sprache und Musik auf faszinierende Weise gegenseitig. Der Augsburger Audiokünstler Gerald Fiebig, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik, hat sich für auxlitera mit dem Buch auseinandergesetzt – und man könnte fast meinen: auch für sich sehr gewinnbringend.
★ Ein Gastbeitrag von Gerald Fiebig
🕮 Philosophie der Musik heißt das neue bei C.H. Beck erschienene Buch von Christoph Türcke. Zwar weist sich der emeritierte Professor der Philosophie und produktive Autor breit rezipierter Sachbücher gleich eingangs in der Zueignung an seinen Bruder, den Komponisten Berthold Tuercke, als (nur) in der europäischen Klassik und Romantik sozialisiert aus. Sein Buchtitel beansprucht aber nichts Geringeres, als von aller Musik der ganzen Menschheit gültig zu handeln. Das Risiko eurozentrischer oder kanonisierender Verkürzungen steht bei so einem Titel fast so handgreiflich im Raum wie der steinerne Gast in Mozarts Don Giovanni. Kann das gutgehen?
In Türckes wunderbar flüssig geschriebenem Buch geht es gut – Philosophie der Musik ist ein Werk, das ein großes intellektuelles Lesevergnügen bereitet, voller präziser analytischer Beobachtungen zu einzelnen Werken, überraschenden Querverbindungen zwischen Altem und Neuem und, wohldosiert, auch lakonisch-gewitzten Bonmots. Die Frage, die Türcke umtreibt – und vermutlich auch die Zielgruppe, die durch Theorielektüre über Musik nachdenken will – ist: Was ist es, das Musik zu so einer existentiellen Erfahrung macht, dass sie uns auf so besondere Weise emotional affizieren kann?
Urszenen der Kultur und des Klangs
Türcke sucht die Antwort in einem Rückgang auf »Urszenen« der Kulturentwicklung (der psychoanalytische Begriff ist bewusst gewählt), die für die weitere Entwicklung prägend waren. Am Ausgangspunkt steht der Frühmensch der Natur (und, in unserem Kontext, ihren Klängen) gegenüber. Von ihnen ausgehend, entwickelten die Hominiden eine klangliche Hervorbringung, die, so die Theorie des Prähistorikers Steven Mithen, »holistic, manipulative, multi-modal, musical and mimetic« war. Dieses Hmmmmm war der gemeinsame Vorgänger von Sprache und Musik. Deren Scheidung voneinander und die zunehmende Ausdifferenzierung ihres wechselseitigen Verhältnisses vollzog sich, so die Argumentationslinie von Türckes Buch, zunächst im Zuge von Kulthandlungen, die dazu dienten, existenzielle, rational (noch) nicht erfassbare Schrecken zu bannen.
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Aus dieser gemeinsamen Herkunft rührt es her, dass 1. Sprache und Musik stets aufeinander bezogen sind und 2. in jeder noch so säkularen Musik das Potenzial zum Erschauern vor etwas nachhallt, das größer ist als das eigene Subjekt. In diesem lapidaren Resümee klingt das etwas dogmatisch. Im Buch gewinnen diese Thesen ihre Plausibilität durch die stringente Veranschaulichung an konkretem Material. Türckes Materialbasis ist zunächst die klassische Traditionslinie, die vom Alten Testament über die griechische Antike ins christliche Europa führt. Das ist natürlich selektiv, vermeidet aber eine Verzettelung in einer Überzahl von Beispielen – für eine Leserschaft, die mit dieser Tradition halbwegs vertraut ist, hat diese Darstellung den Vorteil der Übersichtlichkeit.
Zweifellos ist Türcke – der auch theologisch ausgebildet ist – in dieser Tradition virtuos zu Hause. Ein großes Verdienst seines Textes ist aber, dass er nicht mit einer Masse an Bildungsgütern protzt, sondern die Beispiele mit Blick auf die Stringenz der Darstellung wählt. Türcke stellt die abendländische Musiktradition als eine exemplarische Entwicklung dar – aber nicht wertend, sondern als Modellfall für eine geschichtliche Entwicklung vom Kult zur Kunstmusik, die sich auch in anderen Kulturkreisen analog vollzogen hat bzw. vollziehen kann. Denn die Unterscheidung zwischen »Musik« im Sinne von gestaltetem Klang und Geräusch bzw. Missklang, egal, wo die Grenze im Einzelfall gezogen wird, kann wohl als kulturübergreifendes Phänomen gelten.
Antike, Jazz, Dylan und Brecht
»Musik ist sprachähnlich. […] Aber Musik ist nicht Sprache.« Dieses Diktum von Theodor W. Adorno (den Türcke nicht nur methodisch heranzieht, sondern auch klug und oft überraschend kommentiert) umreißt eben jenes Spannungsfeld, das Türcke in jeder Epoche der Musikgeschichte wieder aufsucht. Gerade das macht sein Buch auch zu einer anregenden Lektüre für Literatur- und insbesondere Lyrikinteressierte. Der Ursprung des Metrums als musikalisches wie lyrisches Phänomen in der griechischen Antike und die Entwicklung des Jazz aus dem cotton field holler sind hier als Beispiele zu nennen – aber auch moderne Grenzphänomene wie der Rap, das »Sprechraunen« von Bob Dylan oder der Quasi-Sprechgesang der Dreigroschenoper veranlassen den Autor zu brillanten Reflexionen, die gängige Rezeptionsklischees durchschütteln.
»Oft wird vergessen«, so Türcke im letzteren Zusammenhang, »daß Bertolt Brecht schon in seinen frühesten Gedichten auf Gesang aus war. Er trug sie zur Klampfe in Augsburger Volkskneipen vor.« Die Leserschaft von auxlitera wird man daran kaum erinnern müssen. Getrost ans Herz (oder auf den Gabentisch) legen kann man ihm jedoch dieses schön ausgestattete Buch, an dem einzig und allein die etwas zu kleinen, kaum von Punkten unterscheidbaren Kommas in den anders gesetzten Intermezzi stören. Aber das betrifft nur ein paar Dutzend der rund 500 Seiten und ist damit verschmerzbar. Der Rest ist Wohlklang. ⟴ Gerald Fiebig
CHRISTOPH TÜRCKE lehrte Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Gerade siebzehnjährig überdehnte er sich beim Üben eines Violinkonzerts die linke Hand. Eine Geigerkarriere kam nicht mehr in Betracht.

GERALD FIEBIG ist Audiokünstler und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik (DEGEM). Seine Aufsätze zu Fragen der zeitgenössischen Musik und Klangkunst erschienen u.a. in den Zeitschriften Leonardo Music Journal, Organised Sound und Testcard. 🔗 www.geraldfiebig.net

★ VERLOSUNG!
auxlitera verlost 1 x das Buch Philosophie der Musik von Christoph Türcke. Wer an der Verlosung teilnehmen möchte, schreibe bis Sonntag, 9. November 2025 (Einsendeschluss), eine E-Mail mit dem Betreff »Philosophie der Musik« an ►redaktion@auxlitera.de
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