30 Jahre »Kulturzeit«: das Interview

Drei Länder, vier Sender und ein Kulturmagazin: Das 3sat-Format feiert sein 30-Jähriges mit einem Jubiläumsprogramm. Ein Interview mit der Kulturzeit-Doppelspitze, Anja Fix (ZDF) und Petra Bender (ARD).

Kann Kunst die Welt retten? Zu seinem 30-Jährigen feiert das 3sat-Kulturmagazin Kulturzeit mit einem Jubiläumsprogramm – und beschäftigt sich in einer Reihe und einer Extra-Ausgabe mit den ganz großen Fragen. Welche Rolle spielen Kunst und Kultur spielen in einer Welt, die durch Krisen, Kriege und Klimakatastrophen erschüttert ist? Was hält uns zusammen? In einer Zeit, in der Gesellschaften gespalten sind und öffentliche Diskurse so stark polarisieren, dass ein sachlicher Austausch kaum noch möglich ist?

📺 Kulturzeit sucht ab Donnerstag, 25. September 2025, in der Reihe »Kann Kunst die Welt retten?« (werktäglich 19:20 Uhr, 3sat & online) mit prominenten Künstlerinnen und Künstlern nach Antworten und neuen Perspektiven – in ihrem Werk, in aktuellen Debatten aber auch in großen Kunstaktionen der letzten drei Jahrzehnte. Zu Wort kommen unter anderen der Künstler Ólafur Elíasson, Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent Lamin Leroy Gibba, Theaterregisseur und -autor Milo Rau, Schauspielerin Lena Urzendowsky, Multimediakünstlerin Laurie Anderson sowie die Autorin, Musikerin und Schauspielerin Katja Riemann. Ist Kunst die »höchste Form von Hoffnung«, wie Gerhard Richter einmal sagte? Und wie frei ist die Kunst, wenn sie die Welt retten soll?

📺 Am Kulturzeit-Geburtstag selbst, am Donnerstag, 2. Oktober 2025 (19:20 Uhr,) widmet sich Kulturzeit extra der Frage: »Was hält uns zusammen?«. Wie kann heute Gemeinschaft über Alters- und Ländergrenzen hinweg erlebt werden? Kunst kann begeistern, Brücken bauen, Menschen zusammenbringen. Aber sie kann auch provozieren und vereinnahmt werden. Eine monothematische Live-Sendung  über die Kraft der Kunst und warum wir nicht ohne Kultur leben können.

»Ein täglicher Begleiter für Kopf und Herz«

– INTERVIEW mit der Kulturzeit-Doppelspitze Anja Fix (ZDF) und Petra Bender (ARD) –

Die »Kulturzeit«-Doppelspitze (von links): Anja Fix und Petra Bender • Foto: © Dennis Weissmantel | ZDF

Am 2. Oktober 1995 startete ein ganz besonderes Fernsehexperiment: Kulturzeit, das einzige werktägliche Kulturmagazin im deutschsprachigen Raum, live produziert und gemeinsam von den 3sat-Partnern ZDF, ORF, SRG und ARD getragen. Das Magazin sucht täglich und live von Montag bis Freitag in Kunst, Literatur und Philosophie Antworten auf die Fragen von heute. Moderiert wird Kulturzeit von Moderatorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Vivian Perkovic (ZDF), Lilian Moschen (ORF), Nina Brunner (SRF) und Cécile Schortmann (ARD). Anja Fix und Petra Bender (Foto) bilden die Kulturzeit-Doppelspitze und sprechen im Interview über 30 Jahre Kulturzeit:

Seit 30 Jahren bietet Kulturzeit aktuelle, kritische und vertiefende Berichterstattung. Welche Herausforderungen sehen Sie in der gewandelten Zeit – Stichwort: Digitalisierung, die damit einhergehenden Veränderungen sowie die aktuelle Weltlage? Welche Aufgabe hat die Kultur in dieser Zeit?

Petra BenderDer Kampf um Aufmerksamkeit in einem sehr dynamischen Bewegtbildmarkt betrifft natürlich auch ein etabliertes Format wie Kulturzeit. Und in stark polarisierten Zeiten gibt es auch in der Kulturbranche Reibung und Erregungspotential. Für Kulturzeit heißt das: auch mal Ruhe bewahren, nicht nur mit Schnelligkeit reagieren, sondern sich mehr Zeit für Einordnung und Erklärung nehmen, tiefer bohren, neue Perspektiven suchen.

Anja Fix: Dass es dafür nach wie vor einen Bedarf gibt, zeigen unsere gestiegenen Zuschauerzahlen auf allen Ausspielwegen. 2024 war das erfolgreichste Jahr für Kulturzeit. Was die Aufgabe der Kultur in diesen Zeiten betrifft, so können gerade in einer digitalisierten Welt Kulturevents echte Gemeinschaftserlebnisse bieten. Menschen kommen zusammen, um live Musik zu hören oder einen Film zu schauen. Oft finden sie dabei einen neuen Blick auf unsere Gegenwart oder auch Trost in krisenhaften Zeiten. Diese Inspiration und auf eine Art auch Resilienz möchte Kulturzeit den Zuschauerinnen und Zuschauer vermitteln.

Blick zurück: (von links): Andrea Meier, Ernst Grandits, Cécile Schortmann und Tina Mendelsohn • Foto: © ZDF | Klaus Weddig

Mit der grenzüberschreitenden Kooperation der vier Sender ZDF, ORF, SRF, ARD nimmt Kulturzeit eine besondere Stellung unter den deutschsprachigen Kulturformaten ein. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Anja Fix: Täglich ein so vielfältiges und aktuelles Angebot wie Kulturzeit zu stemmen, das geht nur im Verbund mit starken Partnern und dem Programmvermögen des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Alle vier Sender stehen seit 30 Jahren zu dieser Partnerschaft und füllen sie täglich mit Leben. In den Kulturredaktionen der drei Länder finden wir zuverlässige Mitstreiter, Ideengeber und manchmal auch ein notwendiges Korrektiv, wenn unser Blick aus Mainz auf die Weltlage zu deutsch, zu einseitig ist.

Petra Bender: In der Schweiz hat sich z. B. gerade ein neues Team für Kulturzeit zusammengefunden, das uns mit eigenen Themen beliefern kann. Und wir sind dankbar für die Unterstützung aus den In- und Auslandsstudios der Sender. In der Mainzer Redaktion arbeiten zudem Kolleginnen und Kollegen aus dem HR, SWR und ZDF seit 30 Jahren zusammen. Im Alltag spielt die Senderherkunft keine Rolle, im Fokus steht das gemeinsame Produkt Kulturzeit. Aber das senderübergreifende Team ist nah dran an den Entwicklungen in den jeweiligen Mutterhäusern. Das bleibt wichtig für das Partnerformat Kulturzeit, das auf täglichen Austausch und Zulieferungen angewiesen ist.

Als noch Hühner durch das Studio liefen und eine ganze Sendung auf Latein

Sie sind beide seit vielen Jahren in der Redaktion. Wie hat sich die Sendung im Laufe der Jahre verändert?

Petra Bender: Der Kern des Formats, die aktuelle Einordnung gesellschaftlicher Debatten verbunden mit der Vielfalt des kulturellen Lebens der drei Länder, ist noch immer sehr vital und erfolgreich. Aber die Sendung ist in drei Jahrzehnten natürlich auch gewachsen an Erfahrung, Professionalität und in der Zusammenarbeit in einem länder- und senderübergreifenden Team. Vielleicht sind wir als Redaktion nicht mehr ganz so verspielt wie am Anfang, wo auch mal Hühner durchs Studio liefen. Wir sind erwachsener geworden, ohne die Lust an Neuem zu verlieren.

Anja Fix: Dazu gehört auch, dass Kulturzeit in den letzten Jahren nahbarer geworden ist. In den Erzählweisen und der Themenauswahl, mit unseren Moderatorinnen und in der Studiogestaltung. Bei allem journalistischen Anspruch, und der muss hoch bleiben, will Kulturzeit kein elitäres Feuilleton sein, sondern Kultur für alle bieten. Als täglicher Begleiter für möglichst viele Zuschauerinnen und Zuschauer, der sortiert und inspiriert, Kopf und Herz anspricht.

Welche Kulturzeit-Sendung ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben und aus welchem Grund?

Petra Bender: Extra-Sendungen wie eine ganze Kulturzeit auf Latein bleiben in Erinnerung, weil sie bis heute einzigartig sind. Aber das, was Kulturzeit ausmacht, ist die tägliche Livesendung. Aktuell reagieren zu können und die ganze kulturelle Vielfalt im Blick zu haben und das über 200 mal im Jahr. Damit ist Kulturzeit für die Zuschauerinnen und Zuschauer zu einem verlässlichen und vertrauten Format geworden jeden Abend um 19.20 Uhr im TV und immer in den Streamingangeboten.

Anja Fix: Persönlich in Erinnerung bleibt in diesem Jahr die Papstwahl. Als nach langem Warten wenige Minuten vor Sendestart der Name des neuen Pontifex endlich verkündet wurde, war klar, dass wir das live kommentieren und einordnen können. Das sind natürlich besonders aufregende Momente, in denen Kulturzeit davon profitiert, dass wir live senden können.

Das »Kulturzeit«-Logo, wie es sich seit 17. August 2020 präsentiert. • Grafik © ZDF | Agentur Vielfein

Wie sieht die Kulturzeit in der Zukunft aus?

Anja Fix: Kulturzeit wird sich breiter aufstellen müssen, nicht nur inhaltlich, sondern auch auf digitalen Ausspielwegen, damit unsere Inhalte in den Streamingangeboten noch sichtbarer werden und auffindbar bleiben. Außerdem wird Kulturzeit noch direkter den Austausch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern suchen. Dafür werden wir künftig auch Dialog-Tools wie den Public Spaces Incubator nutzen können, die gerade für öffentlich-rechtliche Streaming-Portale entwickelt werden. Zum 30. Jubiläum haben wir eine Umfrage bei  ZDFmitreden, ein weiteres Tool, gestartet. Fast 19.000 Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich beteiligt. Neben berechtigter Kritik und viel Zuspruch hat uns vor allem beeindruckt, wieviel die Zuschauerinnen und Zuschauer in Freitextantworten mit uns geteilt haben, über die Bedeutung von Kultur für ihr persönliches Leben und die Demokratie insgesamt.

Petra Bender: Eine häufige Rückmeldung war außerdem, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer von Kulturzeit ein noch größeres Spektrum erwarten. Das meint alle Genres und Bereiche des kulturellen Lebens sowie einen sehr breiten Meinungskorridor, zum Mitdenken und Weiterdenken. Daran werden wir als Redaktion arbeiten und auch unsere eigenen Prägungen und Perspektiven immer wieder hinterfragen. Unser Ziel muss sein, dass Kulturzeit als eines der wichtigsten Kulturformate im deutschsprachigen Raum weiterhin eine auffällige Stimme im öffentlichen Diskurs bleibt und möglichst vielen Zuschauerinnen und Zuschauer Teilhabe am kulturellen Leben ermöglicht. ⟴ pm • auxlit


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