Interview ★ Bodo Zapp zeigt im Augsburger Schaezlerpalais seinen Grafikzyklus, der Franz Schuberts und Wilhelms Müllers »Winterreise« spiegelt. Der Grafiker und Architekt nähert sich dabei Müllers Lyrik und Schicksal – und der Klangsprache Schuberts.
»Ich werde Euch einen Zyklus schauriger Lieder vorspielen; sie haben mich mehr ergriffen, als dies bei anderen Liedern der Fall war«, soll Franz Schubert (1797 – 1828) gesagt haben, als er die von ihm vertonten Gedichte des Dichters Wilhelm Müller (1794 – 1827) im Herbst 1827 seinem Freundeskreis vortrug. Bodo Zapp hat die 24 Lieder des Werks, in denen Texte und Musik kunstvoll ineinander verwoben sind in einen grafischen Zyklus umgesetzt. Die 24 Bilder sind in einer Ausstellung in Café und Liebertzimmer des Schaezlerpalais‚ bis 23. März 2025 zu sehen.
Bodo Zapp, Jahrgang 1943, studierte Architektur an der Universität Karlsruhe und war als Architekt und Stadtplaner tätig. Daneben war er Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Kaiserslautern sowie an der Universität Kaiserlautern. Er lebt seit einigen Jahren in Augsburg. Das Zeichnen ist nicht nur unabdingbares Handwerkszeug für seinen Beruf, sondern seine Passion, die in grafischen Zyklen Ausdruck fand.


Bilder/Repro: Bodo Zapp
Bei den Illustrationen zu Schuberts Winterreise, beruhend auf der Originalliteratur Winterreise. Ein Cyclus von Liedern von Wilhelm Müller, handelt es sich um 24 Grafiken im Format von jeweils DIN A 2, geschaffen in Federzeichnung, Bleistift, Frottage und Collagen mit Zitaten aus der Kunstgeschichte, aber auch Motiven aus dem Alltagsleben. Der Zyklus ist das Ergebnis einer mehr als zwei Jahre andauernden künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Werk.
Die Farbe Schwarz entspricht Müllers Lyrik am ehesten
– Bodo Zapp im Gespräch –
► Herr Zapp, wann und wo begegneten Sie erstmals der »Winterreise«?

Bodo Zapp: Den vollständigen Liederzyklus der Winterreise von Franz Schubert hörte ich zum ersten Mal in einer kleinen Dorfkirche. Es war Winter und die Kirche mit Kerzen erleuchtet. In dieser Stimmung nahm ich die Liedtexte und die musikalische Umsetzung von Schubert ganz anders als bis dato wahr und wurde bei jedem Lied faszinierter.
► Was war das erste, das Sie angesprochen oder berührt hat, die Texte oder die Musik?
Mich hat Franz Schuberts Klaviermusik unmittelbar berührt, der Inhalt der Gedichte der Winterreise von Wilhelm Müller war für mich zunächst sekundär.
► Haben Sie sich bei der dann begonnenen künstlerischen Auseinandersetzung eher an der Musik der »Winterreise« orientiert oder an den Texten?
Unter dem Eindruck des Liederabends habe ich mich zunächst mit der Biografie von Franz Schubert beschäftigt. Dann erst mit der Lyrik von Wilhelm Müller. Nachdem ich die Biografie von Wilhelm Müller und die Hintergründe für die Entstehung seines Gedichtzyklus Die Winterreise gelesen hatte, haben mich vor allem die Gedichte inspiriert.
► Was ist ihre persönliche Interpretation der »Winterreise«? Gibt es Textstellen, an denen Sie diese besonders festmachen?
Wilhelm Müller hatte eine leidensvolle Liebesbeziehung hinter sich, die er in den Gedichten der Winterreise verarbeitete. Die winterliche Reise des Wanderers ist so etwas wie eine Innenschau, in der Erinnerungen an glückliche Zeiten, Schmerz, Hoffnung und schließlich Hoffnungslosigkeit in Todessehnsucht münden.
So kann man die Texte von Wilhelm Müller als Spiegel seines Seelenzustands, als Psychogramm verstehen. Franz Schubert muss in Wilhelm Müller einen Leidensgenossen erkannt haben, als er 1827 – ein Jahr vor seinem Tod – die Lieder vertonte. Wie Müller hatte auch er eine gescheiterte Liebesbeziehung hinter sich, die traumatisch gewesen sein muss.


Bild 5 und 14 aus Bodo Zapps Zyklus »Winterreise«. • Bild/Repro: Bodo Zapp

► Was weiß man denn über Wilhelm Müller und seine Geschichte?
In der Winterreise verarbeitete Wilhelm Müller das erwähnte Erlebnis. Er war mit 19 Jahren als Freiwilliger zu der Befreiungsarmee gegen Napoleon gestoßen und avancierte zum Offizier. Seine Garnison war in der Nähe von Brüssel stationiert, wo er eine Mesalliance mit der Tochter eines gegnerischen Offiziers einging. Degradiert und unehrenhaft aus der Armee ausgestoßen, musste er zu Fuß im Winter 1814/15 nach Dessau zurückkehren. Die Gedichte der Winterreise erschienen 1824 in seinem zweiten Gedichtbändchen Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, das er Carl Maria von Weber widmete.
► Bei der »Winterreise«, aber auch in Ihren anderen künstlerischen Werken arbeiten Sie in grafischen Zyklen: Mehrere Bilder treten in einen Erzählfluss oder beleuchten ein Sujet von mehreren Seiten. Im weitesten Sinne ist dies wie in der Literatur ein lineares (oder eben zirkuläres) erzählerisches Verfahren, wie etwa in einer Graphic Novel. Die Collagenhaftigkeit Ihrer sprichwörtlich Bild-gefüllten Grafiken rückt sie zudem in die Nähe der Lyrik.
Wo sehen Sie selbst eine Verwandtschaft oder Ähnlichkeit Ihres grafischen Arbeitens (oder der (Grafischen) Kunst generell) mit der Literatur, vielleicht im Speziellen mit der Lyrik?
Grundlage meines Zyklus war eine Interpretation jedes Gedichts, die dann eine Assoziationskette in Gang setzte, die ich in Bildkompositionen umgesetzt habe. Man könnte meinen Winterreise-Zyklus also durchaus als Bildergeschichte bezeichnen.
► Haben Sie die Texte ausschließlich im Verbund mit der Vertonung, also als Gesang, rezeptiert oder auch auch getrennt davon sich nur den Text angeschaut?
Am Anfang standen die vertonten Gedichte, wobei die verschiedenen Interpreten und deren individuelle Interpretation von Lied und Text auch eine Quelle der Inspiration waren. Immer wieder habe ich auch die Gedichte gelesen, wobei im Laufe der Zeit das Verständnis für die Texte sich veränderte. Gleichzeitig habe ich mit ersten Entwürfen begonnen, wobei der Reiz für mich auch darin lag, für diesen wohl bekanntesten Liederzyklus der Romantik eine zeitgemäße Bildsprache zu finden.

Die Ausstellung, Blick vom Café ins Liebertzimmer. • Foto: Adam Bernau
• Die Winterreise, gelesen von Rolf Kaiser [LibriVox.org]: •
► Welche Textstelle berührt Sie besonders?
Das Wirtshaus hat mich am meisten berührt, es ist geprägt von Hoffnungslosigkeit und Todessehnsucht und symbolisiert für mich den Seelenzustand, in dem sich Wilhelm Müller als auch Franz Schubert befanden.
► Welche Textstelle oder welche Strophe war besonders reizvoll oder schwierig, bildlich einzufangen?
Besonders reizvoll empfand ich Die Post, bei der ich den vorbeireitenden Postillon höre. Hier wird das Hoffen, die Sehnsucht auf einen Liebesbrief, der Schmerz und die Enttäuschung beim vergeblichen Warten deutlich, was die Klavierbegleitung erlebbar macht.
Am schwierigsten war für mich Der greise Kopf, bei dem ich lange über eine Interpretation nachgedacht habe, weil ich anfangs den Wunsch »ein Greis zu sein« nicht verstanden habe. Ich glaube, dass es der Wunsch nach Abgeklärtheit ist, das Überwinden von testosterongesteuerten Verhaltensweisen wie Aggressivität und Sexualität. Daher habe ich einen Greis mit V-Zeichen in die Collage aufgenommen, der den erreichten Zustand symbolisiert.
► War Ihnen schnell klar, in welcher Weise und in welchen Techniken Sie die »Winterreise« grafisch einfangen wollten?
Ich habe den Zyklus in Form von Collagen umgesetzt. Sie bestehen aus Feder- und Buntstiftzeichnungen, Frottagen, sowie Zitaten aus der Kunstgeschichte und Fragmenten aus der Alltagskultur. Ein Stil, der sich seit Anfang der siebziger Jahre aus meiner Affinität zur Pop-Art entwickelt hat. Begeistert haben mich damals amerikanische Künstler wie Robert Rauschenberg, die alltägliches Bildmaterial wie Fotos und Abbildungen aus Katalogen, Zeitschriften, Prospekten, Comics und Werbung in einen neuen Kontext setzten, zu neuen Bildkompositionen zusammenstellten.

► Verraten Sie uns, warum im Bild zu »Die Wetterfahne« eine Postkarte mit einer Abbildung der ägyptischen Sphinx zu sehen ist?
Für Franz Schubert blieb seine Sehnsucht nach weiblicher Liebe und Zärtlichkeit, nach familiärer Geborgenheit unerfüllt. Dass die Heirat mit seiner Liebsten nicht zustande kam, weil er kein geregeltes Einkommen besaß, überwand er nie. Zudem steckte er sich mit Syphilis an, so dass ein erfülltes Liebesleben für ihn unerreichbar blieb. Ihm blieben Frauen Zeit seines Lebens rätselhaft.
Die Wetterfahne steht für die Wechselhaftigkeit des Schicksals, die Sphinx für das Mysterium Frau im Sinne von Franz Schubert.

Die Ausstellung im Liebertzimmer des Schaezlerpalais‘ in Augsburg. • Foto: Adam Bernau
► Haben Sie die Bilder in chronologischer Abfolge geschaffen? Wenn nein, mit welchem Bild starteten Sie und welches Bild vollendeten Sie zuletzt – und warum?
Ich begann mit dem ersten Lied Gute Nacht, das mir in seiner Eindeutigkeit leichtfiel. Danach sprang ich mit der Reihenfolge. Die beiden letzten Bilder waren Der greise Kopf und Der Lindenbaum, der zum Volkslied avanciert ist. Wenn man aber die Strophen bis zum Ende liest, deutet sich bereits etwas Unheilvolles an.
► Auf jedem Bild scheint in Blau das Portrait Schuberts hindurch. Er steht – wie in der allgemeinen Rezeption der Winterreise – als Musiker bei den Urhebern der »Winterreise« im Vordergrund. Welche Farbe würden Sie wohl dem Dichter Wilhelm Müller zuordnen, welche Couleur entspräche ihm oder seinem Text?
Das Himmelblau der Frottage von Schuberts Porträt, das als »Blaues Band« auf allen 24 Blättern auftaucht, ist für mich Symbol für seine himmlische Musik. Für die Texte von Wilhelm Müller halte ich Schwarz für die adäquate Farbe.

► Ihre Techniken bei »Winterreise« sind Federzeichnung, Bleistift, Frottage und Collage. Konnten Sie feststellen, dass Sie bestimmte Techniken eher für die Abbildung des musikalischen Erlebens und wiederum andere spezifische Techniken überwiegend für die Spiegelung textlicher Inhalte verwendeten? Und hinsichtlich der Kolorierung: Welche Farbenspiele spendete wohl die Musik, welche spezifischen Farbspiele der Gedichtzyklus?
Das kann ich nicht trennen. Meine Eindrücke von Musik und Text sind miteinander verwoben, was gerade in der Form der Collage Ausdruck findet, bei der unterschiedliche Techniken zu einem Ganzen verbunden werden.
► Gibt es ein weiteres Werk der Textvertonung oder der Literatur, dem sie sich künstlerisch gerne widmen möchten?
Zurzeit sammle ich Ideen für eine Umsetzung des Decamerone.
► Die Ausstellung im Schaezlerpalais ist Ausdruck einer ganz besonderen Situation: Am Anfang stand ein Gedichtzyklus, der eine Vertonung findet, dann fanden Text und Vertonung eine Verbildlichung. In welcher Weise stehen für Sie persönlich Literatur, Musik und Bildende Kunst in Korrespondenz?
Für mich stehen bildende Kunst und Musik in engem Zusammenhang. Wenn ich mich berührende Musik höre, sehe ich Bilder, meist als abstrakte Farbfolgen.
► Ganz abgesehen von der »Winterreise« – welche Bücher, welche Literatur inspirieren Sie?
Literatur zur Geschichte, zur Kunstgeschichte, zur Architekturgeschichte, Biografien, vor allem Künstlerbiografien. Das Gedicht Erlkönig und da wiederum die musikalische Umsetzung durch Schubert hat mich inspiriert. Ebenso die Erzählung Die Maske des roten Todes von Edgar Allan Poe, was zu einem Zyklus zum Thema Corona führte. Aber auch Chansons von Georges Brassens habe ich in Collagen verarbeitet.

► Sie sind Architekt und Stadtplaner. Welche Stadt ist für Sie ein Gedicht? Welcher Bau Poesie?
Die Stadt Venedig im November. Ich sehe sie vor mir – im Vordergrund Gondeln vertäut am Kai, bei leichtem Wellenschlag aneinanderstoßend und im Hintergrund verschwindet Santa Maria della Salute im Nebel.
Das Gebäude mit der größten Poesie ist das Wohnhaus von Charles und Ray Eames in Pacific Palisades/California, das Case Studio House Nr. 8. Es ist eine Stahlrahmenkonstruktion. Die Außenhülle besteht aus in den Grundfarben gestrichenen Panels, den Bildern eines Piet Mondrian ähnlich. Die Inneneinrichtung ist eine Komposition aus Klassikern der Moderne, Kunstobjekten und Fundstücken höchster Ästhetik.
– Das Interview für auxlitera führte Martyn Schmidt

► Die 24 Bilder sind in einer Ausstellung in Café und Liebertzimmer des Schaezlerpalais‚ bis 23. März 2025 zu sehen.
Öffnungszeiten:
Di–So von 10–17 Uhr
Mo geschlossen, Rosenmontag und Faschingsdienstag geschlossen.
• Die Termine siehe auch täglich im auxlitera-Veranstaltungskalender.
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