Theaterstätten @ Haunstetten

Zum Saisonstart der Theater allerorten gibt die Vorsitzende des Haunstetter Kulturkreises Jutta Gossner Einblick in die Theatergeschichte Haunstettens. In dem heutigen Augsburger Stadtteil blühte das Laienbühnenspiel mit verschiedensten Theaterliteraturen.



✍️ Ein Gastbeitrag von Jutta Goßner, Vorsitzende des Kulturkreises Haunstetten.

Ein Blick in Haunstettens Theatervorführungen

In Haunstetten blühte im 20. Jahrhundert das Laientheater – es gab ja noch wenig anderen Zeitvertreib. Diese Vorstellungen fanden lange nur in Gastwirtschaften statt, denn Vereinsheime oder gar extra Theater gab es nicht. Genauso gerne luden sich die Haunstetter Theatervereine von auswärts ein.

Auch die beiden Weltkriege konnten die Theaterlust der Haunstetter nicht stoppen. Bei der Durchsicht der gespielten Stücke fällt jedoch auf, dass vor allem lustige, humorvolle oder auch romantische Themen gewählt wurden, die Menschen wollten wohl ihren oft harten Alltag vergessen. Nicht selten wurde danach zum Tanz aufgespielt, auch musizierten zwischen den Akten Musikkapellen oder Chöre sangen lustige Melodien. Hinzu kamen Theaterabende, die vor allem nach dem 1. Weltkrieg zugunsten wohltätiger Zwecke veranstaltet wurden. Kirchliche Theatergruppen versuchten durch ihre Aufführungen die christliche Botschaft zu vermitteln.

Bildmaterial: Archiv Kulturkreis Haunstetten.

Nach dem Ende des 1.Weltkriegs: Beim Wohlgemuth, d.h. dem Gasthaus Hirsch am Georg-Käß-Platz, benannt nach seinem Pächter Johann Wohlgemuth, gab am 4. Mai 1919, kein halbes Jahr nach Kriegsende, der rührige Katholische Gesellenverein Haunstetten zwei Aufführungen. Durchgerungen ins neue Leben, ein Schauspiel von 1917 in drei Aufzügen der schlesischen Schriftstellerin Poldi Neudek. Leopoldine Neudek (1874 – ca. 1935) stammte aus Troppau und verfasste ca. 200 Theaterstücke – sowie das Lustspiel in zwei Akten Der geplagte Hauswirt von Leonhard Charlier. Liest man die Namen der beteiligten Schauspieler (eine Schauspielerin war nicht vorhanden), so finden sich dort die Namen vieler alteingesessener Familien und Honoratioren von Haunstetten. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1919 folgte dann das Lustspiel Zwei Kavaliers und als Schauspiel Am Felsenkreuz von H. Diebäcker. Der Verein war weiterhin sehr rührig. So führte er 26. Februar 1922 die Posse Der Gemeindedepp von A. Deris auf. Hier gab es sogar eine Schauspielerin, Leni Bayer.

Der Katholische Frauenbund war aber genauso theaterbegeistert. Seine Jugendabteilung spielte beim Wohlgemuth am 7. März 1920 um 19.30 Uhr An der Gnadenstätte. Der Eintritt betrug 1,50 Mark, berichtet die damalige Haunstetter Zeitung von Karl Sporer.

Besonders beliebt für Theateraufführungen war das Jägerhaus in der jetzigen Bgm.-Widmeier-Straße. Gastwirte waren hier Josef Merk, Andreas Holl und ab 1926 Kaspar Settele. Hier gastierte am 23. Oktober 1920 der Kriegerunterstützungsverein Zell i.W. im Rahmen eines »Familienabends«. Gegeben wurde das Lustspiel Einer muss heiraten. Bis 2 Uhr nachts konnte anschließend getanzt werden, dies kostete aber 2 Mark Tanzgeld zusätzlich.

Für die neue Friedhofsglocke, die Glocke des jetzigen Alten Friedhofs musste ja 1917 zur Einschmelzung abgegeben werden, veranstaltete man am 2. April 1921 ein Wohltätigkeitsvorstellung mit Singspiel und Varieté-Einlagen.

Bildmaterial: Archiv Kulturkreis Haunstetten.



In den folgenden Jahren wurden im Jägerhaus durch die Sängergesellschaft Einigkeit unter der Leitung des jungen Lehrers Willi Schwenkreis eine Reihe von Singspielen und Operetten aufgeführt. Betrachten wir das Jahr 1927: Beim Faschingsball führte er das Singspiel Blühende, goldene Zeit, im April 1927 die erst 1925 erschienene Operette Das Mädel vom Neckarstrand mit Musik von Max Vogel und Text von Carl Siber, im Juli das Singspiel In einem kühlen Grunde und am 8. Oktober die Operette Die Winzerlisl mit großem Erfolg auf.

Nach dem 2.Weltkrieg waren die Säle durch die Bombenangriffe zum Theaterspielen zerstört – wie die TSV-Turnhalle – oder nicht mehr nutzbar: in den Saal des Jägerhauses war das Kino Atrium eingezogen. Deshalb spielte die Haunstetter Volksbühne 1947 das bekannte Volksstück Der Paternosterkramer von Ettal in einer Baracke im Flüchtlingslager an der Inninger Straße.

Litauisches Theater im Displaced Persons Lager

Auch im Displaced Persons-Lager in der ehemaligen Heimbau-Siedlung, wurde Theater gespielt. In ihm waren ab 1945 Hunderte von Litauern, Letten und Esten von den US-Amerikanern untergebracht, wo sie auf ihre Ausreisepapiere nach den USA oder Australien warteten. Am 18. November 1945 wurde hier der Einakter Eines Abends (Viena vakara) von Antanas Škėma (1910 – 1961), einem der wichtigsten litauischen Schriftsteller der 20. Jhs., durch das Litauische Dramentheater Augsburg uraufgeführt. Regie und Hauptrolle hatte Antanas Škėma selbst inne. (1941 hatte Škėma am Aufstand gegen die sowjetische Okkupation teilgenommen und war 1944 vor der sowjetischen Besatzung nach Deutschland geflohen.)

Der 1921 gegründete Theaterverein Augusta nutzte nach seinem Umzug aus Lechhausen die TSV-Turnhalle, deren Wiederaufbau 1954 abgeschlossen war. So 1975 mit dem Lustspiel Die drei Dorfheiligen von Max Neal und Max Ferner.

Auch der Heimat- und Volkstrachtenverein (gegründet 1922) trat damals in der neuen TSV-Turnhalle auf. Im Beisein von Bürgermeister Karl Rieger, zahlreichen Stadträten, MdL Josef Schäfer und Abordnungen auswärtiger Trachtenvereine wurde 1965 in der vollbesetzten Halle das Stück Der Hunderter im Schuh aufgeführt.

Asyl fürs Augsburger Stadttheater

In den Haunstetter Pfarreien regt sich bald wieder die Spiellust. Eifrig waren die Pfarreiangehörigen von St. Albert. 1958 hatte die Spielschar der Katholischen Jugend St. Albert einen großen Erfolg mit Hanneles Himmelfahrt des schlesischen Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann. Speziell wurde dazu, berichtete die Haunstetter Zeitung, auch der Bund der Schlesier eingeladen. Im Dezember 1965 spielte die Mädchenjugend von St. Albert im Pfarrsaal im Rahmen ihrer Adventsfeier das Stück Die Verkündigung von A.M. Heinen. Auch die Schauspielgruppe St. Albert knüpfte ab 1980 an alte Theatertraditionen an. Sie gab sogar »Gastspiele«, z.B. 1981 in St. Pius mit der Komödie Der Trauschein von Ephraim Kishon.

Selbst dem Augsburger Stadttheater bot Haunstetten »Asyl« an, als es 1975 dringend einen Ort für seine Proben zu Werner Egks Oper Irische Legende suchte. Im damals bereits stillgelegten Kino Atrium fand sich dieser Ort.

Später kamen viele, viele Theatergruppen hinzu, vor allem das Haunstetter Breddle, von Schulen, Kindergärten und Pfarreien. Manche blieben, manche nicht. Theater ist und bleibt lebendig in Haunstetten! ⟴ Jutta Goßner, Kulturkreis Haunstetten


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