Arno und die Kleider: ein Schmidteinander

Das tim Augsburg zeigt in einer beeindruckenden Sonderausstellung den textilen Nachlass von Arno und Alice Schmidt. Der Blick in die Schränke des bedeutenden deutschen Schriftstellers wird begleitet von einem hochkarätigen Literaturprogramm. Mit dabei sind Oliver Nägele (Burgtheater Wien), Schauspielerin Corinna Harfouch, der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma und der Spoken Word Lyriker Martyn Schmidt.

In einer großen Sonderausstellung öffnet das tim den Kleiderschrank der Nachkriegszeit und jungen Bundesrepublik. Genauer gesagt die Schränke des bedeutenden deutschen Schriftstellers Arno Schmidt und dessen Frau Alice. Das Ehepaar, das nach Flucht und Vertreibung 1958 schließlich eine neue Heimat in der Lüneburger Heide fand, hat seine gesamte Kleidung über die Jahrzehnte hinweg penibel verwahrt und aufgehoben. Kleider. Geschichten. Der textile Nachlass von Arno und Alice Schmidt heißt entsprechend die Sonderausstellung, die von 22. März bis 13. Oktober 2024 im Staatlichen Textil- und Industriemuseum in Augsburg zu sehen st.

◄ Links: Alice Schmidt vor dem heimischen Bücherregal in Greiffenberg, 1938 • Foto: Arno Schmidt)
► Rechts: Arno Schmidt als Nichtraucher imitiert am Opel Kapitän Zigarettenwerbung der 1960er Jahre • Foto: Wilhelm Michels


Der einzigartige Nachlass vereint mehr als 1.000 Objekte aus sechs Jahrzehnten und dokumentiert eindrucksvoll deutsche Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die ältesten Kleidungsstücke stammen aus den späten 1930er Jahren, die jüngsten hatte Alice Schmidt noch kurz vor ihrem Tod 1983 erworben. Die Sammlung reicht von Leibwäsche und Wintermänteln bis hin zu Schuhen und Accessoires. Dabei handelt es sich entsprechend den Lebensumständen der Schmidts nicht um kostbare oder ausgefallene Einzelstücke, sondern um Alltagskleidung, die wertgeschätzt wurde – und werden musste.

Die Ausstellung der Arno Schmidt Stiftung, die in Zusammenarbeit mit dem Bomann-Museum Celle entstand, geht im tim der Frage nach, welche Kleidung die Menschen in der Bonner Republik trugen und welchen Wert die Stücke für sie besaßen. Die Besucherinnen und Besucher erwartet ein spannender und aufschlussreicher Streifzug durch die Alltagsmode der unmittelbaren Nachkriegszeit und der Bonner Republik, ebenso eine instruktive Abteilung zum literarischen Umgang des Autors mit textiler Sprache.


◄ Links: Notzeiten (Nachkriegszeit) – Arno Schmidts Schuhe aus Holz und Lederriemen • Foto: Ulrich Loeper
► Rechts: Aus Alt mach Neu – Shorts aus Tarnfleckstoff einer Zeltbahn • Foto: Ulrich Loeper


Acht biografische Stationen berichten in der Ausstellung vom Leben der Schmidts, von Kindheit und Jugend, den ersten Ehejahren in Schlesien, der Flucht und den darauffolgenden Wanderjahren bis zum letzten Wohnort ab 1958 im kleinen Heidedorf Bargfeld bei Celle. Weitere acht Stationen widmen sich dem eigentlichen »Wert« der Kleidung. So zeugen sorgfältig geflickte, umgearbeitete oder zweitverwertete Kleidungsstücke von der Bedeutung jedes einzelnen Gegenstands für die zunächst mittellosen Flüchtlinge. Davon berichten ein aus Wolldecken genähter Morgenmantel, Shorts, die aus Zeltbahn gefertigt wurden oder mehrfach geänderte, der Mode angepasste Kleider. Kleiderspenden aus Amerika, geschickt von Arno Schmidts Schwester Lucy Kiesler, waren eine große Hilfe. Sie muten aber auch kurios an, wie eine rote »Pillbox« oder farbenfrohe Krawatten, die Arno Schmidt nie trug.

Später lebten Schmidts bescheiden, aber ohne wirtschaftliche Not und bestellten wie ihre Nachbarn Kleidung im Versanhandel. Dabei hatten die Kataloge auch Bedeutung für Schmidts Werke: Er nutzte die abgebildete Mode gern als Inspiration für die Bekleidung seines Romanpersonals. Den Quelle-Katalog nannte er in Zettel’s Traum ein »kulltourhistorisches Dockumännt«. Einige Stücke erzählen besondere Geschichten über den Autor und seine Frau und deren Leben auf dem Land, zum Beispiel ein Pelzmantel aus der DDR oder ein Badeanzug mit Fahrtenschwimmerabzeichen.


Links: Modisch up to date – Pillbox-Hut nach Vorbild Jackie Kennedys • Foto: Ulrich Loeper
Mitte: In der Lüneburger Heide – Pelzmantel aus der DDR • Foto Ulrich Loeper
Rechts: Kataloge und Konsum – Hemd aus dem Versandhandel, 1970er Jahre • Foto: Ulrich Loeper


Andere Kleidungsstücke aus Schmidts Besitz sind sogar in die Literatur eingegangen. Sie werden eindrucksvoll vor einer Medienwand präsentiert, die Text und Textilien miteinander verbindet. So zeigt die Ausstellung bisher kaum bekannte Aspekte einer denkwürdigen Biografie und 60 Jahre textile Alltagsgeschichte in Deutschland.


Lesereihe & literarisches Programm

Von links: Oliver Nägele, Jan Philipp Reemtsma, Corinna Harfouch und Martyn Schmidt.
FOTOS von links: Elena Zaucke (Oliver Nägele, links) | Daniel Reinhardt, © Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur (Jan Philipp Reemtsma, 2.v.l.) | CC BY-SA 3.0, ► Elena Ternovaja via Wikipedia Commons (Corinna Harfouch, 3- v.l.) | Zac Peltham (Martyn Schmidt, re.)

In mehreren Veranstaltungen lesen prominente Persönlichkeiten aus verschiedenen Werken Arno Schmidts. Mit dabei sind: Schauspieler Oliver Nägele (Burgtheater Wien), Schauspielerin Corinna Harfouch (Der Untergang, Vera Brühne, Tatort) und der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma, der auch den Vorsitz des Vorstands der Arno Schmidt Stiftung innehat. Dazu zollen der in Augsburg lebende Spoken Word Lyriker Martyn Schmidt sowie die Augsburger Musiker Johanna Walleser (aka Djonni Laser), Julian Riegel und Johannes Frericks zusammen mit Paul Schulze, Vivien Bergjann, Leo Blumenschein, Philipp Maier und Vincent Möckl dem Schriftsteller Arno Schmidt in eigenen Programmen ihren Tribut.

Ebenso findet ein Literatur-Talk »Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher« mit Ursula Müscheler, Michael Schreiner, Matthias Hartwich und Kurt Idrizovic sowie Schreibworkshops für Erwachsene und für Kinder & Jugendliche statt.

Alle literarischen Veranstaltungen finden Sie im auxlitera-Veranstaltungskalender.

KURZÜBERSICHT RAHMENPROGRAMM

• Montag, 29. April 2024
, 19.00 Uhr im tim
Oliver Nägele liest aus Arno Schmidts Kühe in Halbtrauer

• Donnerstag, 16. Mai 2024, 19.00 Uhr im tim
»Schmidt / Schmidt«: Spoken Word Lyriker Martyn Schmidt bekleidet Arno Schmidt

• Donnerstag, 6. Juni 2024, 19.00 Uhr im tim
Jan Philipp Reemtsma liest aus Arno Schmidts Brand’s Haide

Donnerstag, 11. Juli, 19.30 Uhr im tim
»Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher«. Ein Arno-Schmidt-Abend mit Goldrand.

• Dienstag, 24. September 2024, 19.00 Uhr im tim
Corinna Harfouch liest aus Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas

• Freitag, 27. September, 19.00 Uhr im tim
Arno Schmidt: Sound der Moderne – noisepoetry

Passend zur Ausstellung bietet das tim Gruppenführungen für Erwachsene und Schulklassen an. Außerdem: Monatliche Kuratoren-Führungen sowie öffentliche Führungen an allen geöffneten Sonn- und Feiertagen, dazu kommen thematische Führungen mit Studierenden der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft (Uni Augsburg). Die Termine dieser Führungen finden Sie im auxlitera-Veranstaltungskalender. Ebenso ist ein Audioguide (🇩🇪 + 🇬🇧) fürs eigene Smartphone verfügbar.

Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen, erhältlich im Museumsshop. Die Ausstellung ist barrierefrei und bietet eine kostenlose Begleitbroschüre in Leichter Sprache durch die Ausstellung an.


ARNO SCHMIDT

Der Schriftsteller Arno Schmidt wurde am 18.1.1914 in Hamburg geboren und zog als Jugendlicher mit seiner Familie nach Schlesien um. 1937 heirateten Arno Schmidt und Alice Murawski (geb. 1916), die sich als Angestellte einer Textilfabrik kennengelernt hatten. 1949 erschien mit Leviathan Schmidts aufsehenerregendes Prosadebüt. Die politische und ästhetische Radikalität seiner Werke machte ihn in den 50er Jahren zu einem ebenso gefeierten wie umstrittenen Autor. 1973 erhielt er den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. Am 3.6.1979 starb Arno Schmidt in Celle.


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