Rückschau mit Bildergalerien: Die Veranstalter des Brechtfestivals 2024 ziehen eine positive Bilanz. 2025 findet das Brechtfestival vom 21. Februar bis zum 3. März statt.
NO FUTURE lautete der Slogan des Brechtfestival 2024. Entgegen der Provokation einer hoffnungslosen Welt entfaltete sich zehn Tage lang die Lebendigkeit und Vielfältigkeit der Augsburger Stadtgesellschaft. Aus Stadt und Land, von jung bis alt, aus den unterschiedlichsten Milieus begegneten sich Menschen im Theater, im Moshpit, im Sporttraining oder beim Turnfest. Zahlreiche Veranstaltungen waren ausverkauft. Und ganz nebenbei wurde mit Brechts Kraftklub die Kulturinstitution der Zukunft erfunden.

»Erneut hat es Julian Warner geschafft, die Menschen in der Stadt für Brecht zu begeistern«, so Jürgen K. Enninger, Referent für Kultur, Welterbe und Sport der Stadt Augsburg. Aus Bühnenvorstellungen, Gesprächen, Sport- und Musikaktivitäten habe Warner in einer Zwischennutzung – dem ehemaligen Möbelhaus am Plärrer – ein Kraftwerk gebaut, das allen Energie für die Zukunft geliefert habe. Enninger: »Der Titel ›No Future‹ wird dadurch zu einem begeisternden Zukunftsversprechen für die Stadtgesellschaft.«
Eröffnung mit Brechtklassiker,
inklusive Adaption zum Abschluss: ausverkauft
Das Festival begann am 23.2. mit einem Brecht-Klassiker und dem Stück der Stunde: Mutter Courage und ihre Kinder – in der Inszenierung von David Ortmann am Staatstheater Augsburg mit herausragenden Leistungen der Hauptdarstellerin Ute Fiedler sowie der bekannten gehörlosen Schauspielerin Anne Zander. Und es schloss mit der wegweisenden inklusiven Adaption des Kaukasischen Kreidekreises durch Theater Hora und Helgard Haug/Rimini Protokoll.
Im Justizpalast von Club Real konnte das Festivalpublikum auf der ebenfalls ausverkauften Brechtbühne erleben, was es heißt, wenn Mitbestimmung auch die Bedürfnisse nichtmenschlicher Lebewesen miteinbezieht. Weitere Aktionen der Organismenrepublik Augsburg sind für das Brechtfestival 2025 geplant.
Eine beeindruckende Inszenierung war die Premiere von Memoria der exilierten russischen Theatermacherin Anastasia Patlay, zu der u.a. die Menschenrechtlerin Irina Scherbakowa anreiste. Sie war die Leiterin der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial International, die 2022 den Friedensnobelpreis erhielt und per Gerichtsbeschluss in Russland aufgelöst wurde. Im Stück verwoben sich Brechts Biografie, die Gräueltaten des Stalinismus und lokale Augsburger Geschichte mit der Gegenwart eines russischen Faschismus‘. In Russland wurde die Inszenierung verboten. Es war die letzte auf der Bühne des berühmten Moskauer Meyerhold Theaters und wurde nun aufwendig von Brechtfestival und Staatstheater neu produziert.
Die zurückgetretene Leiterin des Meyerhold Kulturzentrums Elena Kovalskaya beschreibt im Rahmen eines Festival-Gesprächs, was Theater auch trotz hoffnungsloser Voraussetzungen für sie bedeutet: Das Wichtigste, was Theater heute erreichen könne, sei, an den Wert des Menschenlebens, an die Bedeutsamkeit eines jeden einzelnen zu erinnern, so Kovalskaya. Ein treffender Gedanke – auch mit Blick auf das von Düzgün Polat und ZAM e.V. kuratierte Gastspiel der Istanbuler Moda Sahnesi Leben, ich liebe Dich auf der Bühne des Staatstheaters im Martini-Park. In einem nahezu ausverkauften Saal versammelte sich das türkischsprachige Augsburg, um ausgehend von dem Schicksal des Poeten İlhan Sami Çomak den Terror des autoritären Erdogan-Regimes zu diskutieren.
Brechts Kraftklub macht »Fit for No Future«
Jenseits von Brechtbühne und Martini-Park, in einer ehemaligen Textilfabrik gegenüber vom Plärrer, entstand auf zwei Ebenen die „Brechtinszenierung“ von Festivalleiter Julian Warner: Brechts Kraftklub. Auf über 4.000 m2 – mit mehreren Bühnen, Kino, Bar und Gym, mit Tischtennisplatten, Skatefläche und Boxring. Ein Ort für Teilhabe und politische Analyse, für Poesie und Begegnung, mit starker Beteiligung der Stadtgesellschaft. Ausgehend von Brechts Faszination für Sport begegneten sich hier Menschen aller Milieus und Altersgruppen, um Fit for No Future zu werden. »Trotz der vielbeschworenen Spaltung der Gesellschaft kann Theater ein Raum sein, wo die Stadtgesellschaft in ihrer Verschiedenheit zusammenkommen kann«, so Festivalleiter Julian Warner.




– Fotos: Bruno Tenschert –
Bei vielen beteiligten Sportgruppen, z.B. Rugby Football Club Augsburg und Tischtennis Arena Augsburg e.V., war der Tenor auf die Frage, wofür sie trainieren: für die Gemeinschaft. Von dieser Haltung durfte das Brechtfestival-Programm mit Ausstellungen, Performances und internationalen Gastspielen, mit Lesungen, Konzert- und Clubnächten profitieren: »Wir haben den Raum aufgestellt und ein großes Geschenk von der Augsburger Stadtgesellschaft bekommen, die von jung bis alt am Festival teilhatte. Die Augsburgerinnen und Augsburger wurden zu den Stars des Brechtfestivals 2024«, so Julian Warner.





– Fotos: Fabian Schreyer –
Weitere Highlights des Festivals und restlos ausverkauft waren auch die Clubnacht in Brechts Kraftklub „Touchdown to Paradise“, kuratiert vom City Club Augsburg, und das Konzert „Brecht Breaks!“ auf der Bühne des Staatstheaters im martini-Park. Jugendliche schmiedeten aus Brechts Gedichten eigene Reime und performten sie live gemeinsam mit erfahrenen Musikern wie Tilmann Herpichböhm und Jan Kiesewetter. Und last but not least vereinte die von Girisha Fernando und Julian Warner kuratierte Brechtnacht unter dem Motto No Future Bands und Musikfans unterschiedlichster Genres in Brechts Kraftklub: vom düster-kraftvollen Sound der Augsburger Post-Punker Kalte Hand bis zum hypnotisch-harmonischen Ethio-Jazz des legendären Mulatu Astatke. ~ [pm/auxlit]
• 2025 findet das Brechtfestival vom 21. Februar bis zum 3. März statt.

JULIAN WARNER:
Ab März 2024 ist Julian Warner Stipendiat im Projekt ► global dis:connect des Käte Hamburger Research Centre. Seine Arbeit dort reflekt kritisch die kuratorische Praxis und fragt: Welche Widersprüche und Konflikte entstehen, wenn sich internationale Künstler und Projekte mit lokalen Institutionen, Publikumsgruppen und Kämpfen auseinandersetzen?
Warner ist ein deutsch-britischer Kurator und Künstler. Er ist künstlerischer Leiter des Brechtfestivals Augsburg 2023-25 und veröffentlicht unter dem Alias Fehler Kuti Popmusik und Performances. Er co-kuratierte Performing Arts Festivals für das Künstler*innenhaus Mousonturm, die Münchner Kammerspiele und die Berliner Sophiensaele. 2021 entwarf er für das internationale Theaterfestival Spielart ein Großprojekt im öffentlichen Raum zu gegenwärtigen Diskursen der Angst (Global Angst: Parlament. Parade. Ritual.). 2022 war er künstlerischer Leiter des Festivals der Kultur-Region Stuttgart Über:Morgen.
Julian Warner ist Herausgeber eines Sammelbandes zu Problemen der postkolonialen Kritik in Deutschland: After Europe. Beiträge zur dekolonialen Kritik (Verbrecher Verlag, 2021) und war 2022-23 Gastprofessor für Dramaturgie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Julian Warner ist Mitglied des Präsidiums des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen.
► www.julianwarner.studio
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