Der Dichter, Erzähler, Maler und Literatur-Performer starb am 3. August 2024 im Alter von 76 Jahren in Augsburg. Ein Nachruf von Gerald Fiebig.
– Ein Nachruf von Gerald Fiebig
Carl E. Ricé ist tot. Der Dichter, Erzähler, Maler und Literatur-Performer starb am 3. August 2024 im Alter von 76 Jahren in Augsburg. Die Augsburger Literaturszene verliert mit ihm eine ihrer originellsten Stimmen. 1947 in Hamburg geboren, lebte Ricé (den man »Rikéh« ausspricht) nach Wanderjahren u.a. in Ingolstadt und München seit den 1980ern im Raum Augsburg. Lyrik und Prosa schrieb er bereits seit den 1960er Jahren, in Augsburg wagte er Anfang der 1990er den Sprung in eine Existenz als freiberuflicher Künstler. 1993 erschien sein Erzählungsband Henker, bitte weitermachen!
Doch Ricé war nicht nur ein Schriftsteller unter vielen. Der künstlerische Beruf, den er für sich erfand und den er auf einzigartige Weise verkörperte, war der des Literatur-Erzählers oder Erzähl-Performers. Nun ist das freie Erzählen – nicht Vorlesen – eine Nische, die auch von anderen gepflegt wird, doch geht es dabei zumeist ums Erzählen von Märchen. Das konnte Ricé auch, aber der Kern seiner Berufung war es nach eigener Aussage, das gesprochene Wort aus dem Gefängnis des Buches zu befreien. Und so eignete sich Ricé weltliterarische Stoffe von Edgar Allan Poes Erzählung Im Malstrom bis zu Ingeborg Bachmanns Roman Malina so an, dass er sie sprachlich und existenziell selbst verkörperte.




Kennzeichen Hut: Carl E. Ricé früher und in älteren Jahren.
In seiner Interpretation von Charles Dickens‚ Weihnachtsgeschichte war er stimmlich der nüchterne Erzähler und im selben Augenblick von der angstvollen Mimik her der panisch von den Geistern verfolgte Scrooge, nur um dann – durch eine so simple Geste wie den Wechsel einer Kopfbedeckung – wieder völlig aus der Szene herauszutreten. Durch die Mischung aus Rezitation, körperlichem Spiel und sehr reduziertem Einsatz von Kostüm und Requisite schuf Ricé völlig autodidaktisch eine eigenständige und überaus wirkungsvolle Hybridform aus Literaturrezitation und Theater. Diese Form unterschied sich von anderen Bühnenformen durch das konsequente Durchbrechen der sogenannten »vierten Wand« zwischen Bühne und Publikum oder gar durch deren komplettes Ignorieren.
Die ideale Performancesituation für die Kunst von Carl E. Ricé war stets eine, in der er sein Publikum direkt ansprechen und in einen Dialog verwickeln konnte. Beispielhaft dafür ist seine Aneignung von Brechts Keuner-Geschichten, die ja in Wirklichkeit weniger Geschichten als vielmehr Denkmodelle für dialektische Fragestellungen sind. Und genau diese Fragen stellte Ricé seinem Publikum, indem er nicht von Keuner erzählte, sondern dessen Methode anwandte.
Dass Ricés enormes performatives Talent ihn ab den 2000ern auch auf die Bühne des Augsburger Stadttheaters führte, verwundert niemanden, der ihn live erlebt hat. Seine größte Leistung in diesem Bereich seines Schaffens war die Rolle des Mörders von John Lennon in der Beatles-Revue Das Weiße Album. Der intensive, konfrontative Charakter seiner Darstellung ließ für einige im Publikum die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen.
Diese Qualität war auch Ricés Hauptwerk Das Kainszeichen zu eigen. Diese Erzählperformance basiert auf einer von Ricé selbst geschriebenen Textpartitur aus erzählenden, lyrischen und frei assoziierten Teilen. Uraufgeführt 1992, wurde sie von Ricé in den folgenden zwei Jahrzehnten immer wieder selbst aufgeführt und weiterentwickelt. Kurz bevor eine chronische Erkrankung ihm das Auftreten mit der Performance unmöglich machte, konnte sie 2018 noch rechtzeitig im Studio aufgenommen werden. Seit 2022 liegt sie als Hörbuch und nunmehr als Vermächtnis vor.
Lebenswerk »Das Kainszeichen«
Das Kainszeichen lässt sich in mehrfacher Hinsicht als »Lebenswerk« von Carl E. Ricé bezeichnen. Dass die von familiärer Gewalt und sexuellem Missbrauch geprägte Kindheit seines Protagonisten Pierre Noir sehr nah an den Erlebnissen des Autors Carl E. Ricé ist, wird niemand bezweifeln – und vergessen – können, der diese Performance jemals erlebt hat. Literaturgeschichtlich ist Das Kainszeichen vielleicht das radikalste Werk der autobiografischen Literatur überhaupt. Denn sein Autor hat den traumatischsten Teil seiner Biografie eben nicht zwischen zwei Buchdeckeln »eingefangen« und damit gezähmt. Vielmehr hat Carl E. Ricé in jeder einzelnen Sprech-Performance immer wieder den Dämonen seines Lebens seine eigene Stimme geliehen und damit eine unvergleichliche emotionale Erschütterung bei seinem Publikum ausgelöst.
Eben diese Wirkung war Grundlage eines künstlerisch-therapeutischen Experiments, das Carl E. Ricé über viele Jahre hinweg in Zusammenarbeit mit Therapeut:innen des KinderschutzZentrums München durchführte: Durch die Intensität seiner Performance wurden pädophile Täter erstmals mit den Gefühlen ihrer Opfer konfrontiert. Das ehemalige Opfer hingegen, nun Autor und Autorität, ermächtigte sich durch seine Kunst selbst, aus der Opferrolle herauszutreten.
Carl E. Ricés soziales und politisches Engagement gegen Gewalt und für Gerechtigkeit war nicht auf ein Thema beschränkt, sondern breit gefächert – so gehörte er z.B. schon in seiner Ingolstädter Zeit zu den Protagonist:innen der dortigen Kampagne für Frieden und Abrüstung, war langjähriges Gewerkschaftsmitglied, aber auch in lokalen Initiativen wie Tauschringen oder Stadtteilvereinen engagiert – , doch speziell sein Einsatz für die Prävention von sexuellem Missbrauch wird seinen Tod überdauern. Denn auf Basis des Hörbuchs Das Kainszeichen und eines Erfahrungsaustauschs mit Carl E. Ricé erarbeiteten Studierende der Sozialen Arbeit an der Hochschule Augsburg 2021/22 im Auftrag des Amtes für Kindertagesbetreuung der Stadt Augsburg das Toolkit »Wahrnehmen, was nicht sein darf«. Mit dieser Handreichung, die inzwischen auch überregionale Aufmerksamkeit findet, werden Fachkräfte in Augsburgs städtischen Kindergärten sensibilisiert für das Erkennen von sexuellem Missbrauch.

Carl E. Ricés einzigartiges Talent, die Trennlinie zwischen Performer und Publikum durchlässig werden zu lassen, nahm aber nicht nur konfrontative Züge an. Ganz vom Geist des wechselseitigen Dialogs nämlich ist ein weiteres Hauptwerk Ricés geprägt, der Poesiebrunch. Von 2010 bis 2020 praktizierte Ricé diese Form der »Poesie der Begegnung« zunächst in seinem Atelier in der Kulturfabrik, dann ab 2016 im Kulturhaus Abraxas. Das Konzept dieser Veranstaltung war denkbar simpel: Es kann kommen, wer will; man kann (muss aber nicht) eigene oder fremde Texte mitbringen, die einem etwas bedeuten; man kann (muss aber nicht) etwas fürs Frühstück mitbringen – und dann setzen sich 10 bis 20, oft wildfremde Leute zusammen an einen Tisch, essen gemeinsam und kommen über literarische Texte miteinander ins Gespräch.
2020 beendete Carl Ricé wegen der Pandemie und seiner gesundheitlichen Situation seine Tätigkeit als Moderator des Poesiebrunchs. Der beste Beleg für die soziale Nachhaltigkeit dieser Form von Poesie als Dialog (oder Gespräch als Poesie) ist es, dass sich aus den Reihen der Stammgäste eine selbst organisierte Gruppe gegründet hat und die von Ricé begründete Tradition weiterführt.
Das Lesen von Büchern war für Ricé in seiner von Lieblosigkeit und Gewalt geprägten Kindheit ein Mittel der geistigen Flucht, ein Überlebensmittel. Das eigene Schreiben speiste sich für ihn sehr wesentlich aus dieser Erfahrung. Dieses eigene Schreiben begann, biografisch gesehen, mit Gedichten. Doch abgesehen von den Gedichten, die in die Kainszeichen-Performance eingearbeitet wurden, fand die Lyrik von Carl E. Ricé im öffentlichen Wirken des Erzähl-Performers und Poesiebrunch-Moderators über Jahrzehnte hinweg wenig Raum. Erst 2023 erschien ein Band mit einer Auswahl aus seiner Lyrik, vorgestellt wurde er im Rahmen einer Ausstellung seiner Malerei, die ebenfalls bis dahin ein nur wenigen Eingeweihten bekannter Geheimtipp war.
Wie bei kaum einem anderen Literaten ist es bei dem Erzähl-Performer und Dialog-Genie Carl E. Ricé wichtig, dass es nicht nur ein schriftliches, sondern auch ein hörbares Vermächtnis gibt. Die Stimme allein kann nie den ganzen Menschen ersetzen, aber sie gibt einen Eindruck davon, wie Carl E. Ricé Das Kainszeichen oder seine Gedichte sprach.
Die Beisetzung von Carl E. Ricé findet in aller Stille statt. Doch am ► Sonntag, 29. Dezember 2024, um 18.30 Uhr findet anlässlich seines Geburtstags ein literarisch-musikalischer Abend zur Erinnerung an ihn statt. Veranstaltungsort ist das Kulturhaus Abraxas, wo 2023 Ricés letzter öffentlicher Auftritt stattfand. ⟴ Gerald Fiebig

• Bücher von Carl E. Ricé:
Henker, bitte weitermachen. Erzählungen. Augsburg 1993.
Schrei mit dem Wind. Gedichte. Köln 2023
• Audioaufnahmen von Carl E. Ricé:
Das Kainszeichen. Geschichte einer Vergewaltigung. Augsburg/Köln 2022
Schrei mit dem Wind. Gedichte. Augsburg/Köln 2023
• Präventionsprojekt auf Basis von Carl E. Ricés Arbeit:
► tha.de/HSA-Transfer
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