»Er freute sich, nur noch ein halber Deutscher zu sein«

In Franz Doblers neuem Roman ist die private (Adoptions-) Geschichte auch politisch. Eine Buchrezension von Gerald Fiebig.

»Was für viele und anscheinend immer mehr Autor:innen das höchste der Gefühle war – das eigene Leben bis zum geradezu skandalösen Krümel Gras in Opas Nachtkasten zu erforschen und literarisch aufzubereiten –, langweilte ihn schon beim Gedanken daran«, heißt es gleich zu Beginn von Franz Doblers neuem Roman Ein Sohn von zwei Müttern (Tropen Verlag). Und doch: Man muss sich nicht mit Haut und Haar dem heute viel beschworenen Genre der Autofiktion verschreiben, um große autobiografische Literatur zu schreiben. Alles eine Frage des Stils – das haben schon Meister der Prosakunst wie Thomas Bernhard und J.M. Coetzee mit ihren autobiografischen Arbeiten unter Beweis gestellt. Dem großen Stilisten Franz Dobler gelingt mit seinem neuen Roman ein ähnliches Kunststück.

Der titelgebende Sohn von zwei Müttern ist das leibliche Kind einer jungen Frau aus dem Adenauer-Westdeutschland und eines Austauschstudenten aus Persien (Die Bezeichnung des Landes als Iran wurde zwar seit 1935 benutzt, setzte sich aber internation wohl erst nach der islamischen Revolution 1979 endgültig durch.). Ein One-Night-Stand mit Folgen, ein Baby wird ins Waisenhaus »weggegeben« oder »zur Adoption freigegeben« und gelangt auf diesem Wege im Alter von wenigen Monaten zu einem nicht mehr ganz jungen Elternpaar, das kein eigenes Kind mehr bekommen kann, in die oberbayerische Provinz.

»Die stärkste Partei der Stadt war, wie überall in Bayern, die Christlich-Soziale Union, die bei Wahlen um die 70 Prozent erreichte; schon in seinem ersten Buch hatte der Adoptierte mahnend und wirkungslos darauf hingewiesen, dass in der Region nicht mal Einzeller überleben würden, wenn die Lichtverhältnisse so wären wie die politischen.« Mit diesem wunderbaren intertextuellen Kunstgriff wird klargestellt, dass der Erzähler, der hier über seine Adoption spricht, der Autor Franz Dobler ist – denn der Text Bierherz, aus dem das Zitat über die Lichtverhältnisse stammt, erschien in Buchform erstmals in dem Band Falschspieler (1988 in der Edition Nautilus), und das war nun mal das erste Buch von – Franz Dobler.

Foto: Marijan Murat

Indem aber die Person Franz Dobler so nachdrücklich als Schriftsteller vorgestellt wird, werden alle Details des Textes trotz ihrer privaten Anmutung in einen explizit literarischen Kontext gestellt. »Das heißt, der Schein trügt. Und Erinnerungen sind ein echtes Problem. Die treten dir eines Nachts die Tür ein und behaupten, sie gehörten zu dir.« Das Misstrauen gegenüber den eigenen Erinnerungen – wo vermischen sich die eigenen Erinnerungen mit dem Hörensagen und dem, was man im Lauf der Jahre, nachdem man von der eigenen Adoption erfahren hat, über das Thema gelesen hat? – ist ein durchgängiges Thema des Buches. Oder vielmehr die Reflexion darüber, wie das autobiografische Erinnern immer durch Projektionen und Erzählungen – von anderen, aber auch von einem selbst – geformt und umgeformt wird. »Assoziationsketten – die man sich womöglich nur deshalb irgendwie zusammenreimt, weil es am Ende ein Buch sein soll.«

»[Hier sind Belege nötig!]«

Subjektivität ist nie fertig, sondern immer ein Prozess mit offenem Ausgang – das ruft uns der Erzähler auch dadurch immer wieder in Erinnerung, dass er seinem eigenen Text immer wieder mit seinen eigenen Lektoratsanmerkungen ins Wort fällt: »[hier sind Belege nötig!]« Und weil dieser Prozess erst mit dem Tod zum Ende kommt, ist der Begriff der Identität irreführend: »Identität, im Singular, wird niemals abschließend erlangt. Identitäten, im Plural, sind die Mittel des Werdens.« Diese Sätze sind in mehrfacher Hinsicht eine Schlüsselstelle des Buches. Inhaltlich, aber auch weil sie ein Zitat sind – einnes von viele Zitaten aus literarischen und wissenschaftlichen Texten zu den Themenkomplexen Kindheit, Adoption und Autobiografie, mit denen Dobler seine persönliche Geschichte in einem Netz von gesellschaftlichen Bezügen verortet.

Dialoge, Fakten, Reflexionen, Stuart Hall

Der Text wird dadurch aber keineswegs überfrachtet. Vielmehr macht ihn das Mosaik aus Dialogszenen, Fakteninformationen und Reflexionen auch formal abwechslungsreich und ästhetisch reizvoller als eine linear erzählte autobiografische Saga. Entscheidend ist aber auch, von wem das oben genannte Zitat zum Thema Identität stammt – nämlich von Stuart Hall. Der »in Jamaika aufgewachsene und seit 1951 in England wirkende Kulturtheoretiker« war ein Vordenker dessen, was man heute als Postkolonialismus bezeichnet. Allerdings stand Hall immer für ein Denken, in dem Kategorien wie Hautfarbe und Ethnizität nicht als unhintergehbare biologische Tatsachen postuliert, sondern konsequent als soziale Konstruktionen gedacht wurden. Das ermöglichte den Postcolonial Studies in den 1990ern noch die politische Vision einer Gesellschaft, in der diese Kategorien immer unwichtiger werden und gerade die Mischung und Überlagerung von kulturellen Identitäten – damals nannte man es gerne Hybridität – den Weg zur Überwindung von Rassismen weisen konnte.

Im heutigen Postkolonialismus finden sich dagegen ja leider wieder gehäuft stumpfe Wir-gegen-die-Kategorien, in denen plötzlich alle als ›nicht-weiß‹ markierten Positionen zu einem historisch-politisch undifferenzierten Globalen Süden zusammengefasst werden. Und weil man gar nicht mehr verstehen will, wie Othering funktioniert und soziale Ausschlüsse eben nicht nur über die Pigmentierung der Haut erzeugt werden, kann diese Spielart postkolonialer Theorie dann z.B. auch den Antisemitismus als sogenanntes ›inner-weißes‹ Problem bagatellisieren.

»Ein halber Deutscher, die andere Hälfte persisch«

Da war nicht nur Stuart Hall in den 1990ern schon weiter, sondern auch Leute wie Jamal Tuschick, ein Autorenkollege des Protagonisten. Der erzählt ihm Ende der 1990er, dass er »zurzeit damit beschäftigt sei, eine Anthologie mit Texten von deutsch schreibenden, aber nicht reindeutschen Autor:innen zusammenzustellen.« Tuschicks Anthologie Morgen Land war damals Teil einer Bewegung, (post-) migrantische Positionen im deutschen Literatur- und Kulturbetrieb sichtbar zu machen. Wegweisend war dafür Feridun Zaimoğlus Buch Kanak Sprak. Seine trotzige Aneignung des rassistischen K-Wortes als Eigenbezeichnung spielte dann auch eine Rolle bei der Gründung der Gruppe Kanak Attak (1998).

Als Tuschick erfährt, sein Freund sei »übrigens auch nur ein halber Deutscher, die andere Hälfte persisch«, lädt er diesen sofort zu einem Beitrag für das Buch ein. Als der Adoptierte abwehrt, er gehöre doch da nicht dazu, »da geht’s doch um was anderes«, kontert Tuschick: »Nein, Mann! Du bist doch das beste Beispiel, dass diese Blut-und-Boden-Denke totaler Quatsch ist. Du bist ein Kanake, der kein Kanake ist! Und deshalb gehörst du dazu, weißt du, was ich mein?«

Mit seinen klugen Denkanstößen zu solchen Fragen ist Ein Sohn von zwei Müttern ein politischer Roman zu aktuellen Debatten, den man mit großem Erkenntnisgewinn lesen kann, zum Beispiel auch im Kontext mit Mithu Sanyals 2021 erschienenem Roman Identitti (von Dobler auch im Verzeichnis seiner Quellen aufgeführt), der ebenfalls um Fragen von Identität und Authentizität kreist.

Kunstvoll-lakonischer Stil

Aber auch wenn man Ein Sohn von zwei Müttern als Familiengeschichte betrachtet – was er angesichts seines Themas ja geradezu zwangsläufig ist – ist er ein intellektuell wie emotional überzeugendes Werk über ein geradezu universelles Thema, denn: »Viele behaupteten, alles im Griff zu haben – alle wussten, dass niemand die Sache mit der Mutter im Griff hatte.« Die Passagen, in denen Franz Dobler der Lebenswelt seiner Mama in ihren eigenen Worten ein literarisches Denkmal setzt, »hier im Buch, in dem seine Adoptivmutter die Mama war, neben der er sich nie eine zweite Mama hätte vorstellen können«, kann man getrost einschlägigen Meisterwerken wie Erich Hackls Dieses Buch gehört meiner Mutter oder Oskar Maria Grafs Das Leben meiner Mutter an die Seite stellen.

Und diejenigen, die Doblers so charakteristischen kunstvoll-lakonischen Stil lieben, der sowohl seine Kriminalromane wie seine feuilletonistischen Arbeiten prägt, kommen bei diesem Sprachkunstwerk ohnehin auf ihre Kosten. »Vor diesem Hintergrund war es wohl berechtigt, die Welt zuerst als Ansammlung von Sprachproblemen zu betrachten«, und wie sehr unser aller so genannte Identitäten Stückwerk und Bastelei sein mögen: Dieses Buch ist jedenfalls ein echter Dobler und fügt dem Werk seines Autors eine überraschende und bereichernde neue Facette hinzu. ~ Gerald Fiebig

Der Rezensent: Gerald Fiebig (geb. 1973) lebt in Augsburg und ist u.a. als Audiokünstler und Autor tätig. Als jüngste Buchpublikation erschien 2023 der Gedichtband »Schrei mit dem Wind« von Carl E. Ricé, der er als Herausgeber betreute. Bücher von Franz Dobler rezensierte Fiebig bereits für die Zeitschriften Zeitriss, a-guide und satt.org.


LESEPROBE [book2look.de | Tropen Verlag]

Franz Dobler liest am Samstag, 16. März (19 Uhr), in Augsburg aus seinem neuen Roman. Der Autor ist Gast beim AZ-Literaturabend mit Literarischem Salon in der Stadtbücherei Augsburg.

𝗧𝗜𝗖𝗞𝗘𝗧-𝗞𝗟𝗜𝗖𝗞 [reservix.de | Werbung]


Franz Dobler: Ein Sohn von zwei Müttern.
Roman.
Gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten
Stuttgart: Tropen 2024.

📖 ISBN: 978-3608504224
💻 ISBN: 978-3-608-12253-4


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