Der neue Roman von Marcus Bernard Hartmann hat die Geschichte Dillingens in seinem Mittelpunkt. Aber auch, kritisch, die Covid19-Pandemie. Das Auffinden der verschollenen Gebeine des einst im mittelalterlichen Dillingen waltenden Augsburger Bischofs wird zum aufregenden Ereignis inmitten der im Schrecken erstarrten Stadt.
Der Autor, Pianist und Komponist Marcus Bernard Hartmann legt seinen zweiten Dillingen-Roman vor. Die Gebeine des Truchsess lautet der Titel des im Selbstverlag veröffentlichten Buchs. Die Geschichte und der Alltag der schwäbischen Kleinstadt als romaneske Inspiration ist ein literarisches Projekt des vielseitig begabten Künstlers, der eine zeitlang auch in Augsburg lebte.

Das Buch führt zurück in die Geschichte, aber auch zurück in den gleichfalls historischen Lockdown zu Beginn der 2020er Jahre. Die Welt steht still. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat ein Verhängnis allein den Alltag der Menschen global zum Stillstand gebracht. In Städten mit Millionen Einwohnern herrscht eine Stille, die dem Verschwinden des Menschen gleichkommt. Als Journalist beobachtet Malthus Horatio, wie die Fatalität der Corona-Pandemie das Leben einer Kleinstadt – Dillingen an der Donau – verändert.
In dieser Zeit der verordneten Abkehr vom gesellschaftlichen Dasein belebt die Entdeckung eines rätselhaften Umstands Horatios monotonen Alltag: Das Auffinden der verschollenen Gebeine einer geschichtlichen Persönlichkeit wird zum aufregenden Ereignis inmitten der im Schrecken erstarrten Stadt. Es handelt sich um das Gebein von Otto Truchsess von Waldenburg (1514 – 1573), Bischof von Augsburg und Gründer der einstigen Universität Dillingen (1549/1551)
Jens Spahn, Hexengäßchen und altes Gebein
Das Kunststück, das Hartmann in seinem Buch gelingt, ist das einer Überblendtechnik von Historienforschung und Corona-Diskurs; bei letzterem kann der Protagonist den getroffenen Maßnahmen nicht vollumfänglich zu stimmen. Hartmann verflicht aufblitzendes Lokalkolorit – die Dillinger Pizzeria Sole Mio, das King’s Road Pub, ein Gesprächsfetzen über eine Schlägerei in Lauingen, das Dillinger Hexengäßchen – mit feinsinnigem Kunst- und Polit-Diskurs. In harter Fügung steht dabei der ehemalige Augsburger Bischof Otto Truchesess von Waldenburg neben dem einstigen Gesundheitminister Jens Spahn. Öffentliche Verbotsschilder der Corona-Zeit stehen neben in gotischer Schrift abgebildeten Zitaten aus lateinischen Schriften. Fiktive Zeitungsartikel finden sich neben historischen Dokumenten und einem Zitat des zum Zeitpunkt der Handlung amtierenden Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mit einer harten Lockdown-Kritik.

mit freundlicher Genehmigung der Studienbibliothek und des Stadtarchivs Dillingen
Die historische Detailliertheit der Truchsess-Recherche durch den Protagonisten Malthus Horatio im direkten Wechsel mit oft überaus ausgeprägten Phasen des Corona-Diskurs‘ kann beim Lesen irritieren, den Roman aber eben dadurch zu einem völlig eigenen Leseerlebnis machen. Die kontrastreiche Fügung der Topoi entreißt das Buch eben jenem Eindruck, der heuer, 2023, sich doch schnell einstellen kann: dass der Roman fast zu zeitgebunden, dated wirkt. Zu gern hat man heute die akute Corona-Pandemie und seine Maßnahmen in der Vergangenheit zurückgelassen und wähnt die Jahre 2020/21 als weit zurück liegend (wenn man nicht gerade Gastronomiebetreiber, Konzertveranstalter oder, eben, Long-Covid-Erkrankter ist).
Spannend also wird es sein, wie Leserschaften Hartmanns Buch in zehn oder 20 Jahren beurteilen, will sagen: erleben würden. Wie spannend wird das Thema Corona dann noch sein? Wie relevant der historische Einschnitt der Corona-Maßnahmen? Wie gelassen oder wie geladen der Diskurs über jenes, was da früher geschah? Wieviel Dillingen und wieviel Corona würde im Buch wahrgenommen? Wieviel 2020/2021er-Politik und wieviel Truchsess’sche Knochen?
Weiter noch: Wie gelungen ist die Überblendung von Corona und regionalgeschichtlichem Roman? Diese und all die vorhergehenden Fragen machen das Buch von Marcus Bernard Hartmann, oder besser vielleicht: die Aura des Buches, zu einem funkelndem Vexierspiel. Die gute, reife Sprache Hartmanns, die spannende Truchsess-Historie und – woran es vielen Büchern im Selbstverlag oftmals eklatant mangelt – ein spürbar gutes Lektorat und ein professionell-angenehmer Drucksatz machen Die Gebeine des Truchsess zu einem angenehmen wie bereichernden Leseerlebnis. Auch ohne sich der geäußerten Corona-Maßnahmen-Kritik anschließen zu müssen. Oder in Dillingen an der Donau zu leben.
Die Gebeine des Truchsess ist Hartmanns zweiter Dillingen-Roman. Bereits 2018 ließ der Autor seinen Protagonisten Malthus Horatio in Die Beichte des Henricus Faber in Dillingen ermitteln. ~ [msc]
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Marcus Bernard Hartmann: Die Gebeine des Truchsess
Taschenbuch, 180 Seiten
Selbstverlag, April 2023
Erhältlich gegen Vorkasse € 15,00 zzgl. Versandkosten € 3,00
Marcus Bernard Hartmann
Ziegelstraße 30
89407 Dillingen a. d. Donau
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MARCUS BERNARD HARTMANN
1963 in der Schweiz (Tessin) geboren. Schriftsteller, Musiker und Komponist. Sein Lebenslauf führte ihn über Biel, München und Augsburg 2008 nach Dillingen an der Donau. Am Hermann-Hesse-Museum Montagnola (Schweiz) ist Hartmann regelmäßig Referent.
► www.mbh-art.de
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