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Die Poesie ostet und eicht

Gastbeitrag ★ Drei Augsburger Stimmen der Gegenwartslyrik fanden im Brechthaus zusammen. Ein Nachbericht von Serkan Erol über die Lesung von Gerald Fiebig, Jürgen J. Jäcklin und Martyn Schmidt.



✍️ Ein Gastbeitrag von Serkan Erol, Organisator des Lyrikstammtischs Augsburg, #eduero2020

Alle Sitzplätze sind besetzt. Jürgen J. Jäcklin eröffnet die poetische Matinee im Brechthaus. Seine Stimme wirkt brüchig, fast tastend, als müsse sie sich den Weg durch die Texte erst bahnen. Inhaltlich kreisen diese um die Sprachlosigkeit der Abhängigkeit, um Alkohol als existenzielles Symptom. Jäcklin gibt den Süchtigen keine Erklärung, sondern eine Stimme. Ein leises, tröstendes Herbstgedicht beschließt seinen Beitrag.

Nach einer persönlichen Anmoderation übernimmt Martyn Schmidt. Der Spoken-Word-Poet verbindet Stimme, Rhythmus und Gitarre zu einer performativen Lyrik, die weniger gelesen als körperlich erzeugt wird. Beim Zupfen der Saiten entstehen »Kristalle aus Gestern«, Silben werden geklopft, gedehnt, wiederholt. Die Sprache hallt aus sich selbst heraus, Endungen lösen sich rhythmisch auf (»-denn, -den, -den«) und entfalten einen eigentümlichen Sog. Schmidt schreibt der Poesie eine beinahe magische Kraft zu: »die Poesie ostet und eicht«.

In Aalen liegt am Meer, einer bewussten Reminiszenz an Ingeborg Bachmanns Böhmen liegt am Meer, verbinden sich Wehmut und Heimatsehnsucht. Der Vers »mein Vater trägt mich im Mund wie Schlehe« bleibt als dunkles Bild im Raum zurück. Mit seiner Übersetzung von Dylan ThomasFern Hill schließt Schmidt und rückt den walisischen Dichter überraschend nahe an die Tradition des Spoken Word.

Vom Erblinden und grauen Vögeln

Dylan Thomas bildet zugleich den Übergang zum dritten Teil der Lesung. Gerald Fiebig liest als Nachlassverwalter und langjähriger Weggefährte des vor zwei Jahren verstorbenen Dichters Carl E. Ricé dessen Gedicht ferner hill. Es folgen Texte über das Erblinden, über graue Vögel, schließlich der »Weg nach Emmaus«. Für einen Moment verwandelt sich der Raum in eine säkularisierte Predigt: poetisch, tröstend, offen für das Wunder ohne Heilsversprechen.

Als literarische Wettervorhersage zum schneeangekündigten Tag trägt Fiebig Passagen aus seinem Sonnettenkranz weiß vor. Darin blitzt auch eine medienhistorische Reflexion auf: die frühe Kinokunst, als Vorführer noch Teil der Aufführung waren. Die ironische These, dass im Stummfilm – also ohne Sprache – alles einfacher gewesen sei, verweist zurück auf den Abend selbst. Sprachspielerischer Witz, etwa im Gendern von »die Fuß, diffus bleibt«, steht neben Jäcklins düsterer Ernsthaftigkeit und Schmidts musikalischer Sprachperformanz. Die Lesung erweist sich als vielstimmiges Panorama zeitgenössischer Lyrik. Das Publikum verlässt die Matinee konzentriert, angeregt – und mit einem nachdenklichen Lächeln. ~ Serkan Erol

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