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Ich bin nicht Stiller.

KINO | Interview • Trailer • Behind the Scenes ★ Ab 30. Oktober ist die Verfilmung von Max Frischs Romanklassiker „Stiller“ in den deutschen Kinos zu sehen. Ein Interview mit Regisseur Stefan Haupt.

Regisseur Stefan Haupt (Zwingli, Der Kreis) verfilmte mit Stiller jenen Roman, der für seinen Autor Max Frisch 1954 den Durchbruch bedeutete und der zum Klassiker wurde. Die Buchverfilmung läuft nun ab Donnerstag, 30. Oktober 2025, bundesweit an. Regisseur Haupt verzeichnet zusammen mit Alex Buresch (Kundschafter des Friedens) auch für das Drehbuch verantwortlich.

Die Besetzung versammelt Namen wie Albrecht Schuch (Im Westen nichts Neues, Schachnovelle), Paula Beer (Stella. Ein Leben, Roter Himmel), Max Simonischek (Die Nachbarn von oben), Marie Leuenberger (Bis wir tot sind oder frei), Stefan Kurt (Sisi & Ich) und Sven Schelker (Der vermessene Mensch). Im INTERVIEW [siehe unten] erzählt Regisseur Stefan Haupt von den Dreharbeiten und seinem eigenen Verhältnis zu Max Frischs Roman.

STILLER – die Handlung: Bei einer Zugreise durch die Schweiz wird der US-Amerikaner James Larkin White (Albrecht Schuch) an der Grenze festgenommen. Der Vorwurf: Er sei der vor sieben Jahren verschwundene Bildhauer Anatol Stiller (Sven Schelker), der wegen seiner Verwicklung in eine dubiose politische Affäre gesucht wird. White bestreitet seine Schuld und beharrt darauf, nicht Stiller zu sein. Um ihn zu überführen, bittet die Staatsanwaltschaft Stillers Frau Julika (Paula Beer) um Hilfe. Aber auch sie vermag ihn nicht eindeutig zu identifizieren, in Erinnerungen wird aber mehr und mehr die Beziehung des Ehepaars offengelegt. Auch der Staatsanwalt (Max Simonischek) hat eine überraschende Verbindung zu dem Verschwundenen. Was ist damals genau passiert und wer ist Stiller wirklich?


Buchcover 1954

„Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung (wie ich finde) ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“

Max Frischs Roman Stiller erschien 1954 im Suhrkamp-Verlag, er wurde bis heute millionenfach verkauft und in 34 Sprachen übersetzt. Stiller war für Max Frisch der Durchbruch als Romanschriftsteller und wurde mit renommierten Literaturpreisen wie dem Großen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung oder dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Ebenso wurde der Roman in die in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Max Frisch (1911-1991) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, neben Stiller sind vor allem seine Werke Homo Faber und Mein Name sei Gantenbein bekannt.

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„Sie schreiben dem Suhrkamp Verlag, dann sagt der Suhrkamp Verlag ‚nein‘ und dann kommen sie wieder zu mir. Dann sag ich ‚ja‘ und dann können Sie das machen.“

– Interview mit „Stiller“-Regisseur Stefan Haupt

© Studiocanal GmbH

Regisseur Stefan Haupt (rechts) mit Albrecht Schuch und Paula Beer, bei der Film-Premiere beim 42. Filmfest München. Foto: © Kurt Krieger | Filmfest München

► Herr Haupt, wie kamen Sie dazu, „Stiller“ zu adaptierten?

Bei einem Treffen mit dem Produzenten Peter Reichenbach von C-Films sprachen wir darüber, dass man unsere Weltliteratur aus der Versenkung holen müsste, da heute viel weniger gelesen wird. Er fände Max Frisch sei doch hier eigentlich ganz vorne mit dabei. Da habe ich ihm gesagt, dass das mein Lieblingsautor ist und ich
praktisch alles von ihm gelesen habe. Zunächst schlug er den Roman „Mein Name sei Gantenbein“ vor, aber ich sagte sofort: „Stiller“! Ich dirigierte früher einmal einen Chor. Da machten wir ein experimentelles Konzert mit einem Ausschnitt aus „Stiller“, die Höhlengeschichte. Damals überlegte ich, wie ich an die Rechte dafür gelangen könnte? Dann traf ich Max Frisch zufällig während einer Demonstration auf der Straße und sprach ihn direkt darauf an. Er antwortete: „Sie schreiben dem Suhrkamp Verlag, dann sagt der Suhrkamp Verlag ‚nein‘ und dann kommen Sie wieder zu mir. Dann sag ich ‚ja‘ und dann können sie das machen.“ Da war ich dann bei ihm zu Hause und bekam die Erlaubnis von ihm direkt.

Das war vielleicht ein Jahr vor seinem Tod. Er war schon sehr krank. Ein unvergessliches Erlebnis. Diesen Film machen zu dürfen, war für mich eine großartige Geschichte. Es gab in der Vergangenheit schon einige Anläufe, Stiller zu verfilmen. Soweit ich weiß hatte sich Anthony Quinn jahrelang die Rechte optioniert, aber es kam nicht dazu. Max Frisch wollte einmal, dass Luchino Visconti den Stoff verfilmt, was auch nicht klappte. Auch Wim Wenders war einmal in Zürich und hatte kurzzeitiges Interesse daran. Ich bin wahnsinnig froh, dass das alles nie geklappt hat, und wir das jetzt gemacht haben.


► Wie sind Sie an die Projektausarbeitung herangegangen?

Es gab zwei Themen, die in die Projektarbeit einflossen. Zum einen enthält der Roman die unglaublichen Geschichten, die White im Gefängnis erzählt. Das ist aber sehr literarisch. Es ist beinahe unmöglich, das im Film zu erzählen. Uns war rasch klar, dass wir keinen literarischen Film mit langen Erzählpassagen machen wollten und somit mussten wir viele dieser Passagen streichen.

Zum anderen kamen Fragen zur aktuellen Genderthematik auf. Könnte Stiller nicht eine Frau sein oder homosexuell? Das wollte ich aber nicht. Es hätte hier einfach nicht gepasst. Männer und Frauen sind gleichwertig, aber sie sind nicht gleich. Das wäre dann nicht dieselbe Geschichte. Dennoch sollte das Augenmerk nicht nur auf Stiller liegen. Es war uns sehr wichtig, die Rollen der beiden Frauen Julika und Sibylle weiter auszubauen, sodass es ein Stück weit auch ein Quartett ist, das den Film trägt und nicht Stiller allein. Ich fand das sehr spannend.

Am Set von „Stiller“ in Davos, Schweiz: (von links) Produzent Philipp Worm (Walker+Worm), Regisseur Stefan Haupt, Paula Beer als Julika, Albrecht Schuch als White/Stiller, Produzentin Anne Walser (C-FILMS AG) und Joseph M’Barek (STUDIOCanal) | Foto: © Studiocanal GmbH / Aliocha Merker


► Wie war Ihre Herangehensweise, die Geschichte in die Gegenwart zu übertragen?

Der maßgebliche Gedanke war natürlich, wie wollen wir den Roman in einen Film umwandeln? Diese Grundgeschichte, dass einer sieben Jahre lang verschollen ist, plötzlich mit einem neuen Namen zurückkommt und es nicht sofort aufgeklärt werden kann. Heutzutage wäre das viel schwieriger. Da wird einfach ein DNA-Test gemacht. Insofern war uns klar, dass wir in der vorgegebenen Zeit bleiben müssen. Grundsätzlich wollten wir uns am Roman orientieren, uns aber auch Freiheiten herausnehmen. Ich dachte: ‚Wenn wir es schaffen, die Quintessenz des Romans so herauszuarbeiten, damit sie auch heute noch Relevanz hat, dann bin ich überglücklich‘. So gingen wir in die 1940/1950er Jahre zurück, ohne einen historischen Film zu planen. Der zeitliche Rahmen sollte einfach mitfließen, während wir uns auf die Geschichte konzentrieren, die den größtmöglichen Raum einnimmt.


► Der Film ist in Zürich und Umgebung entstanden. Was ist das Besondere an den Drehorten?

Ich bin in Zürich geboren und aufgewachsen, praktisch alle meine Filme haben große Nähe zu Zürich. Max Frisch ist ungefähr einen Kilometer entfernt von mir aufgewachsen. Es gibt gemeinsame Erlebnisse zu den verschiedenen Orten. In einem seiner Tagebücher beschreibt Max Frisch eine kindliche Mutprobe am Hornbach. Das habe ich mit meinen Brüdern auch gemacht. Dann beschreibt er Spaziergänge über den Pfannenstiel, der Hügel auf der einen Seeseite. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Heimat, mit der Schweiz und teilweise auch mit dieser Enge. In seinem Fall war es schon fast eine Hassliebe. Das ist bei mir nicht ganz so, ein bisschen weniger Hass, mehr Liebe.

Die Szenen am Seeufer sind in Seefeld gedreht, wo ich aufwuchs. Julikas ‚Pariser‘ Tanzschule ist eine Ballettschule in Zürich. Auch im Lindenhof, in dem die Filmhochzeit stattfindet, habe ich mit meiner Frau den Aperitif nach unserer Hochzeit getrunken. Die Maskenballszene und auch die Hotellobby des Filmhotels wurden in der Villa Tobler (Theater an der Winkelwiese) in Zürich gedreht. Es war großartig, an diesem Ort zu drehen, wo ich 35 Jahre zuvor Schauspielunterricht nahm. Dann das Sanatorium im Berghotel Schatzalp, oberhalb von Davos. Es ist mittlerweile als Drehort ziemlich bekannt.

Es gibt also sehr viele Drehorte im Film, an denen man Zürich erkennt. Ich finde es toll, aus dieser Welt zu erzählen. Ich war mal in New York und Los Angeles. Da kommt einem viel aus Filmen bekannt vor. Es ist schon bezeichnend, wie vertraut uns die amerikanische Realität ist. Ich wollte aus meiner Welt genauso erzählen, was großen Spaß machte.

Whites Anwalt Bohnenblust (Stefan Kurt) befragt Julika (Paula Beer) im Auto | Foto: © Studiocanal GmbH / Marc Reimann

► Beschreiben Sie ein wenig die Zusammenarbeit mit den Schauspielern!

Albrecht Schuch wurde sehr früh als Wunschkandidat für die Hauptrolle des James Larkin White besetzt. Wir hatten vorab lange Gespräche zum Drehbuch und zu seiner Rolle. Was die Figur durchlebt und welche Entwicklung sie macht? Was ist anders bei White? Was waren die Knackpunkte bei Stiller sieben Jahre zuvor? Albrecht gab sehr wertvolle Vorschläge. Mit Paula Beer war das ganz ähnlich. Bei beiden spürte ich die Drehbucherfahrung. Sie stellten hilfreiche Fragen aus ihrem Blickwinkel heraus. Was ist denn mit Julika? Weshalb lässt sie sich jetzt wieder auf ihn ein, obwohl sie doch so tief verletzt wurde?

Ich hatte großes Interesse, sie am Prozess zu beteiligen. Albrecht ist sehr auf seine Rollen konzentriert und arbeitet stetig daran. Das ist manchmal verwirrend. An
Tagen, an denen er eine bissigere Rolle zu spielen hatte, kam er bereits in dieser Stimmung ans Set. Es dauerte etwas, dies zu verstehen. Ich habe noch nie einen Schauspieler kennengelernt, der sich so mit dem Dialog beschäftigt, sich in die Geschichte so hineindenkt. Das war beeindruckend.


► Und Sven Schelker als Stiller?

Mit Sven Schelker arbeitete ich bereits bei meinem Film Der Kreis (2014) zusammen, seine erste große Filmrolle. Wir blieben in Kontakt. Die Idee einer Doppelbesetzung fanden wir alle sehr spannend. Wir wollten, dass es in den ersten Rückblenden einen anderen Stiller gibt, der White zwar ähnelt, es aber nicht ist. Sven und Albrecht besitzen sehr viele Ähnlichkeiten. Das ist der Hammer.

James Larkin White (Albrecht Schuch) und Julika (Paula Beer) in Zürich | Foto: © Studiocanal GmbH


► Welche Vision hatten Sie für die visuelle Umsetzung?

Ich lernte den Kameramann Michael Hammon vor ein paar Jahren während eines Seminars kennen. Wir haben uns gut verstanden und ich wollte unbedingt einmal mit ihm zusammenarbeiten. Die Chance ergab sich bereits bei Zwingli (2019), da es auch eine deutsche Kooperation war. Bei Stiller gab ich ihm viele kreative Freiheiten. Michael ist ein Profi, der gute Einfälle hat und ein Auge für Bilder, das ich in diesem Ausmaß nicht besitze.

Er sagte zu Beginn, dass er am liebsten den ganzen Film in schwarz-weiß drehen möchte. Das würde auch zum Drehbuch gut passen und zu Max Frisch. Da entstand der Gedanke, wir könnten auch zwischen der Farbgebung springen und schwarz-weiß für die Rückblenden verwenden. Irgendwie fand ich es aber gefährlich plump, alle Rückblenden schwarz-weiß und die Gegenwartszenen farbig zu machen und überlegte, ob es da nicht noch etwas gäbe… Daraus entstand die Idee des warmen Retro-Looks, der für die schönen Erinnerungen steht, z.B. wenn sie sich verlieben.


► Warum ist „Stiller“ ein Film, der auch für das Publikum von heute auf der Kinoleinwand funktioniert?

Ich glaube, es gibt zwei ganz zentrale Aspekte, die hochaktuell sind, heute wie vor 70 Jahren. Die Frage der Identität und wie man sich wünscht, nicht daran festgemacht zu werden, so zu sein, wie uns andere sehen oder sehen möchten. „Ich bin nicht der, den ihr meint zu kennen.“ „Lasst mir die Freiheit, mich zu ändern.“ „Ich bin nicht Stiller.“ oder irgendwann heißt es: „Ich bin nicht euer Stiller.“ In einem Beziehungsgefüge oder einer Familie hat man irgendwann einen Platz eingenommen und der ist so fixiert, dass wir einander keine Freiheit mehr lassen, uns zu verändern und plötzlich vielleicht ganz anders zu werden.

Daran gekoppelt ist aber auch der Wunsch, sich selbst verändern zu wollen, um festzustellen, wie schwierig es ist. Man ist oft in seinen eigenen Strukturen gefangen. Ich kann jemand anderes sein wollen. Ich kann mir den Namen White geben, also „weißes Blatt“, aber ich nehme die Vergangenheit dennoch immer mit. Ich bin das ja immer noch. Kann ich damit leben? Oder, kann ich damit leben, dass Veränderungen nur millimeterweise passieren? Mit dem ganzen Selfie-Kult heutzutage, diese ganze Selbstdarstellung im Social Media – wir sehen da tausend glückliche Gesichter und alle sind total gut drauf – aber, was ist mit der anderen Hälfte? Das postet man ja nicht. Daher finde ich diese ganze Identitätsfrage hochaktuell.

Julika (Paula Beer) steht Modell |  Foto: © Studiocanal GmbH / Marc Reimann

Als zweites finde ich auch die Beziehungsfrage sehr aktuell. Überall werden neue Beziehungsformen propagiert. Vieles ist zur Normalität geworden: polyamouröse Beziehungen, Trennungen, Dreiecksbeziehungen, in denen sich alle gut verstehen etc. Aber ich finde, es wird teilweise verschwiegen, dass, wenn man sich da richtig hineinbegibt, es zeitweise verdammt schwierig sein kann. Und dass Trennung schwierig sein kann und Zusammensein auch. Und die Frage, die der Roman und der Film stellen, ist, ob es überhaupt nach sieben Jahren ganz heftigen emotionalen Verletzungen möglich ist, wieder zusammenzufinden und sich neu zu sehen, sich neu zu vertrauen, sich nochmals einzulassen, oder ist es nicht möglich?

© Studiocanal GmbH ⟴ pm • auxlit


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