Alke Stachlers neuer Gedichtband zeigt, dass das Genre Body Horror auch eine überzeugende lyrische Antwort auf die ökologische Dauerkrise sein kann. Eine Rezension von Gerald Fiebig
✍️ Ein Gastbeitrag von ► Gerald Fiebig, Lyriker und Soundartist
Foto: Herbert Hindringer
Die Augsburger Lyrikerin Alke Stachler legt mit doch das ende war hell [► parasitenpresse] ihren dritten Gedichtband nach dünner ort (2016) und geliebtes biest (2019) vor. Im letzten Gedicht von geliebtes biest steht die Zeile: »mit dem ganzen körper lernen, dass die welt endet«. Sie könnte programmatisch auch über aber das ende war hell stehen. Ökologische und psychische Krisenerfahrungen werden in den Bildern des neuen Bandes aufeinander bezogen und am eigenen Leib erfahren – oft als Schmerz (»abzählreime, walgesänge, synkopen, alles, was allen wehtat«) oder Erschöpfung (»doch etwas in mir war schwer, wog tonnen / abertonnen / fiel durch mich hindurch wie durch ein loch / und ich war nichts, war schwarz / ich horchte nach innen und da war nichts mehr«), aber bisweilen auch als erotische Anziehung: »dich ansehen wie etwas, das man nicht nicht ansehen kann / wie beim berühren des schwindenden körpers der erde«.
Diese Spannung zwischen dem lyrischen Subjekt (das nicht anders kann, als ein menschliches zu sein) und der durch menschliches Handeln zerstörten Natur ist strukturbildend für das ganze Buch. Das Subjekt sehnt sich nach Anverwandlung an die Natur (»ich sprach zum sich zurückziehenden horizont / du darfst traurig sein / der sich zurückziehende horizont sprach zu mir / du darfst traurig sein«) und weiß zugleich, dass solche Zwiegespräche Wunschtraum bleiben müssen, weil die Vermenschlichung der Natur stets an ihrer grundsätzlichen Andersartigkeit scheitern muss: »fremdheit war in allem, unter unter uns«. Auch der umgekehrte Weg des eigenen Tier- und damit Natur-Werdens (»ich möchte dazu noch etwas fauchen, libelle / bin immer auf der haut / das wort frühling klingt wie der name eines fabeltiers«) kann nur im Selbstwiderspruch enden. Vergeblich bleibt das »hoffen / dass einem etwas die beichte abnimmt / sich entschuldigen beim moor, beim hornissenfühler« für die Zerstörung, für die das lyrische Subjekt als Mitglied der Spezies Mensch mit verantwortlich ist: »welche entschuldigung ist perfekt / keine«.
»etwas blumenhaftes, extraterrestrischer gesang«
Die Auflösung der Grenze zwischen Subjekt und Natur kann nicht gelingen: »ich fühlte mich wie jemand anderes oder etwas, pfingstrosen / die mit den löwenköpfen […] etwas steckte im hals / ein satz, der etwas anderem entsprang als dem mund«. Der Schluss, den Alke Stachlers Gedichte daraus ziehen: Sie weiten jene Grunderfahrung der Moderne (nicht zuletzt auch der modernen Lyrik, man denke an Rimbauds Axiom »Ich ist ein anderer«), dass das menschliche Subjekt weder mit sich selbst noch mit seiner Umwelt identisch sein kann, konsequent in kosmische Dimensionen aus: »etwas sank innerhalb des körpers nach unten / ab / als würde ein wesen da wohnen, sich wehren«, und dieses Wesen wäre dann kein kein Bestandteil der irdischen Natur mehr, sondern »etwas blumenhaftes, extraterrestrischer gesang«.
Der Körper wird zu einem Ort, der von nicht nur außermenschlichen, sondern möglicherweise gar außerirdischen Präsenzen heimgesucht wird, die durchaus bedrohlich sein können: »ich habe angst, mich selbst böse zu finden«. Womöglich sind wir Menschen – vielleicht füreinander, auf jeden Fall aber für all jene Spezies, die sich den Planeten mit uns teilen müssen – die Agenten eines »kosmischen Grauens«, das man im Werk des klassischen Horrorautors H.P. Lovecraft ausgemacht hat. (Den Erfinder von Cthulhu und anderen interstellaren Anti-Göttern erwähnt Stachler, wie auch neuere Horror– und Science-Fiction-Literatur und -Filme bzw. -Serien, im Anhang explizit als Einfluss auf die Gedichte des Bandes.) Schon in ihren ersten Büchern zeigte sich Alke Stachler als Meisterin der produktiven Anverwandlung von mythischen und märchenhaften Bildwelten. Indem sie nun erstmals so explizit popkulturelle Darstellungsformen des »ganz anderen« in ihren Gedichten produktiv macht, entwickelt Stachler diese intertextuelle Poetik konsequent weiter.
Poetische Bilder von einer bitteren Schönheit
Die (wachsende?) Präsenz einer unsagbar fremden Wesenheit im eigenen Körper (»ich hatte nicht das herz / es nicht zu sagen«), in der eigenen Psyche, wird dabei zum Ende des Buches hin immer häufiger auftretende grammatikalische Seltsamkeiten markiert: »ich war fertig damit, meinen eigenen namen zu hören / und mich umzudrehen«. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese Weirdness jeweils als Anglizismus (»I didn’t have the heart«, »I was done«): Das Englische spielt also auf formaler Ebene die Rolle des ganz anderen, das durch die Oberfläche des deutschen Textes hindurchscheint und sich am Ende Bahn bricht (wie das Alien im gleichnamigen Film aus dem Körper seines Wirts), wenn der letzte Satz des Buches, komplett in Englisch, den deutschsprachigen Titel des Buches vollständig dementiert: »we then cut to black«.
Zeitgenössisches Nature Writing versucht die Kluft zwischen Mensch und Natur durch ein erhöhtes Maß an schreibender Aufmerksamkeit für den nichtmenschlichen Gegenstand zu verkleinern. Die Hoffnung, auf der dieses Projekt gründet, ist trügerisch und immer stark vom Kitsch bedroht. Alke Stachler versagt sich diese Hoffnung von Vornherein. Sie akzeptiert die irreduzible Andersartigkeit und Entfremdung von Mensch und Natur als Ausgangspunkt und treibt sie poetisch auf die Spitze. Für diese mutige Entscheidung werden die Dichterin und wir, ihre Leser:innen, belohnt mit Erkenntnisgewinn über uns selbst (sind wir nicht alle ein bisschen Cthulhu?) und poetischen Bildern von einer bitteren Schönheit, die auch eine Art unsentimentalen Trost über die conditio (in-) humana am beginnenden Ende des Anthropozäns bereithält: »pusten, bis es nicht mehr wehtut / pusten, damit es nicht mehr wahr ist / also ohne ende«, denn »man will ja nicht, dass andere so enden wie man selbst / oder will man das etwa«. ⟴ Gerald Fiebig
📖 Alke Stachler: doch das ende war hell. Gedichte. Köln: ► parasitenpresse 2025. Kartoniert, 70 Seiten, 12,- €.
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