Der neue Gedichtband des Augsburger Lyrikers Stefan Heyer ist ein faszinierendes Rhizom aus Alltag, Kunst und Autobiografie. »Das Alphabet von Deleuze & Guattari«, so der Titel, über-setzt von A bis Z den Begriffsapparat des postmodernen Philosophen Gille Deleuzes und des Psychoanalytiker Félix Guttari. Eine Rezension von Gerald Fiebig.
✍️ Ein Gastbeitrag von ► Gerald Fiebig, Lyriker und Soundartist
Foto: Herbert Hindringer
Der Philosoph Gilles Deleuze (1925 – 1995) und der Psychoanalytiker Félix Guattari (1930 – 1992), eine der Premiummarken der postmodernen französischen Philosophie – als »D&G« sozusagen die glamourösen Dolce & Gabbana des Poststrukturalismus – sind auch bei Fans (wie mir) nicht gerade für ihre einfach zugänglichen Theorien bekannt. Einen Autor, der sich die Aufgabe stellt, ihren Begriffsapparat von A bis Z in Gedichte zu übersetzen, darf man daher wohl getrost als poeta doctus bezeichnen, als gelehrten Dichter.
Auf den Augsburger Lyriker Stefan Heyer trifft diese Beschreibung in ganz spezifischer Weise zu: Er widmete bereits seine Doktorarbeit Deleuze & Guattaris Kunstkonzept, die 2001 im Passagen Verlag erschien, dem französischen Denker-Dreamteam. Im selben Verlag folgten seine Gedichtbände Resonanzen/Korrespondenzen (2019) und der ausschließlich aus Sonetten bestehende Band Form und Struktur (2023). Bei epubli liegt von Stefan Heyer zudem der Gedichtband Schwarzer Kaffee auf der müden Zunge (2021) vor.
Bitterer Kaffee spielt auch in Heyers neuem Gedichtband 📘 Das Alphabet von Deleuze & Guattari (passagen verlag) Anzeige eine wiederkehrende Rolle, genauso wie Krokusse, Rosen und Giersch, wie Zigaretten, Küsse und Gewitter, wie Friedhöfe und flügellose Engel, wie die in Altötting gesegneten Kerzen der verstorbenen Großmutter oder »klirrendes bier im / rachen« – Bier, das der Großvater gerne auch schon vor vier trank.
Lakonische Sentenzen von trockenem Humor (»tiefkühltruhen werden als ruheraum / überschätzt«) finden sich ebenso wie Alltagsbeobachtungen, die im Einzelfall vor allem Augsburger:innen nachvollziehen können: »bacherlwarm der kuhsee; vollkommen / ungeeignet für die gewünschte abkühlung«. Na, allerdings! (Darum habe ich Anfang der 2000er am Ufer des Kuhsees auch weite Teile von Deleuzes & Guattaris Wälzer Tausend Plateaus gelesen, statt zu schwimmen. Wenig später begegnete mir dann übrigens der Autore Stefan Heyer erstmals mit seinem Versuch über John Cage in dem Suhrkamp-/Mille-Plateaux-Sammelband Soundcultures von 2003.)
Sie merken schon: Heyer schreibt vom ganz Konkreten, von den Sinnen her, und das in einer ganz eigenen Rhythmik, einer zwischen Hölderlin und Yoda oszillierenden Syntax, die auf assoziative Weise eine Quasi-Metrik erzeugt, die dann im Textverlauf immer atemloser wird, sich selbst aber immer weiter vorantreibt, programmatisch im Gedicht stot / tern, das: »krähen ziehen / ihre runden krähen ziehen«.
Assoziative Leuchtspuren und Fluchtlinien
Daher keine Sorge: Weder ein abgeschlossenes Philosophiestudium noch eine besondere Kenntnis des Werks von Deleuze und Guattari sind nötig, um diese kunstvollen Gedichte zu genießen. Zwar trägt jedes Gedicht als Titel einen Begriff von Deleuze und Guattari, sodass das Inhaltsverzeichnis einer alphabetischen Liste gleicht. Doch die assoziativen Linien, die innerhalb der Gedichte und vor allem zwischen ihnen gezogen werden, überwuchern diese hierarchische Ordnung – so wie das Rhizom, jenes Wurzelgeflecht, das im Denken von D&G einen so prominenten Platz einnimmt.
»Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muss mit jedem anderen Punkt verbunden werden« – dieses Postulat des dynamischen Duos beschreibt auch Stefan Heyers Poetik ganz treffend. Wie überhaupt einige der Gedanken aus Rhizom, der Einleitung zu ihrem Hauptwerk Tausend Plateaus, sich als Leitsätze der zeitgenössischen Lyrik lesen lassen: »Wenn wir zitieren, dann nur aus Liebe«, und das scheint mir auch bei Stefan Heyers Einbindung von Shakespeare, Celan, jiddischen Partisanenliedern, Christoph Schlingensiefs Kettensägenmassaker und Herman Melvilles Bartleby (um nur ein paar zu nennen) der Fall zu sein, ja sogar bei der spielerisch-respektlosen Kontamination von Rilkes weißem Elefanten mit Popkultur im Gedicht meer, das: »& hier und da ein weißer hai«.
Fazit: Dieser überaus vielseitige Gedichtband ist mit Nachdruck zu empfehlen. Man kann sich seinen assoziativen Leuchtspuren und Fluchtlinien überlassen ganz im Sinne seiner beiden »Titelhelden«: »Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt. […] In einem Buch gibt’s nichts zu verstehen, aber viel, dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann.« Und zwar gilt auch hier: »am / ende ist doch alles am ende. auch die letzte / zigarette ist irgendwann aufgeraucht.« Aber »das glück liegt in den spielhallen herum«, immerhin, und »die fremden sprachen singen dir ein abschiedslied.«
⟴ Eine Rezension für auxlitera von Gerald Fiebig
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