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Eine wichtige Nominierung.

Gastbeitrag ★ Esther Dischereits »Ein Haufen Dollarscheine«, erschienen im Augsburger MaroVerlag, war für die Preise der Leipziger Buchmesse nominiert. Gerald Fiebig über das Buch und seine Bedeutung für die Debatte um deutsche Erinnerungskultur.

Am Donnerstag, 27. März, wurden die Preise der Leipziger Buchmesse 2025 verliehen. Nominiert in der Kategorie Belletristik war auch ein Titel aus einem Augsburger Verlag: Ein Haufen Dollarscheine von Esther Dischereit, erschienen bei Maro.

Esther Dischereit, geboren 1952 in Hessen, gilt seit ihrem Debüt Joëmis Tisch (1988) als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der zweiten Generation der Shoah-Überlebenden in Deutschland. Ein Haufen Dollarscheine greift Motive ihrer eigenen Familiengeschichte auf: Während die Haupt-Erzählerin des kaleidoskopartig gebrochenen Romans, die Tante, nach 1945 geboren ist, überlebten ihre 14 Jahre ältere Schwester und ihre Mutter den Genozid der Nazis an den Jüdinnen:Juden versteckt, in der Illegalität.

Die spezifische Art von Trauma, die daraus resultiert, ist nur eine der vielen Arten, wie das präzedenzlose Vernichtungsprogramm der Deutschen in dieser und zahllosen jüdischen Familien weltweit fortwirkt. Das Fehlen ganzer Familienzweige durch die Ermordung und die Verstreuung auf mehrere Kontinente sind weitere. Die titelgebenden Dollarscheine beispielsweise schickte der Großvater der Tante ihr während ihrer Kinder von seinem Zufluchtsort in den USA.

So weit, so naheliegend. Was den Roman neben den hohen literarischen Qualitäten seiner präzisen, nüchternen und doch sinnlichen Sprache so lesenswert macht, sind aber gerade seine Schlaglichter auf weniger oft behandelte Aspekte, die in ihrer Schäbigkeit nicht für die hochtönende Sonntagsrhetorik der deutschen »Erinnerungskultur« taugen, weil sie deren Ansprüche auf »Nie wieder« als hohl und verlogen dastehen lassen: nichtjüdische Nachkommen, die sich das Erbe der Verfolgten unter den Nagel reißen; Banken, deren Geschäftsbedingungen den Nachfahren noch Jahrzehnte nach dem Ende der NS-Diktatur den Zugang zu den Vermögenswerten ihrer Vorfahren verwehren; deutsche Friedhofsverwaltungen, die jüdische Gräber »einfach so« beseitigen und damit die Nachkommen der Orte zum Gedenken berauben.

Gerade die alltägliche Gegenwart dieser Widrig- und Widerwärtigkeiten im Leben von Jüdinnen und Juden im postnazistischen Deutschland zeigt, dass die Vorstellung eines »Schlussstrichs« unter die Shoah nur dem Hirn von Täternachfahren entspringen kann – weil nur sie überhaupt den Luxus genießen, nicht ständig an die von ihren Vorfahren begangenen Verbrechen erinnert zu werden.

Es ist zutiefst beschämend und bezeichnend und für die deutschen Zustände, dass Esther Dischereit für ihren hervorragenden Roman zehn Jahre lang einen Verlag suchen musste. Umso verdienstvoller ist es, dass sich der Augsburger MaroVerlag des Buches angenommen hat. Der Aufmerksamkeitsschub durch die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ist Buch und Verlag gleichermaßen zu gönnen.

Für Entdeckungen war der 1969 von Benno Käsmayr und Franz Bermeitinger gegründete und inzwischen von Benno und Sarah Käsmayr in zweiter Generation geführte Verlag ja schon immer gut. Die wohl bekannteste und bis heute in der Backlist nachwirkende war die von Charles Bukowski. Auch Jörg Fauser, dessen Biografie am Samstag, 5. April, in der Kulturwirtschaft Walden unter Beteiligung des Augsburger Autors Franz Dobler vorgestellt wird, publizierte seinen ersten Gedichtband bei Maro. ~ Gerald Fiebig

~ Ein Gastbeitrag von Gerald Fiebig. Der Augsburger Lyriker ist Mitglied der Augsburger Gruppe von Artists against Antisemitism.
– Foto: Herbert Hindringer


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