Gastbeitrag ★ Augsburg bereitet sich auf das Friedensfest vor. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, schreibt, was ihm Antikriegs-Lyrik bedeutet. Ein Artikel aus der neuen April-Ausgabe von »Politik und Kultur«, zu lesen hier auf auxlitera. Die neue Ausgabe der Zeitschrift des Kulturrats ist im Bahnhofsbuchhandel und online erhältlich.
Es gibt einige Bücher, die begleiten Menschen durchs ganze Leben. Für mich ist eines dieser Bücher der Sammelband Gedichte gegen den Krieg, herausgegeben von Kurt Fassmann. Das Buch wurde in meinem Geburtsjahr 1961 bei Kindler verlegt, hat aber seine große Verbreitung in meiner Generation durch einen Nachdruck im Verlag Zweitausendeins Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts erlebt. Viele meiner Freunde hatten, wie ich, dieses Buch.
Wenn ich das Buch heute zur Hand nehme, kann ich an der aufgeplatzten Bindung erkennen, welche Gedichte mich damals besonders gefesselt hatten. Marie Luise Kaschnitz, Rafael Alberti, natürlich Walter Bauer, einer meiner Lieblings-Lyriker, aber auch Henri Kréa, immer Erich Kästner, Wolfgang Borchert und der einmalige Bertolt Brecht. Sie waren Rüstzeug in meiner Jugend, Wegweiser. Sie sind jetzt wieder mein Beistand, wenn ich die Beschwörungen der letzten Wochen und den Aufrüstungstaumel in unserem Land versuche einzuordnen.
Politik & Kultur erscheint seit 2002 und wird herausgegeben von Olaf Zimmermann und Theo Geißler. Die Zeitung des Deutschen Kulturrates informiert zehnmal im Jahr zu aktuellen kulturpolitischen Fragestellungen und widmet sich zusätzlich in jeder Ausgabe einem Thema ausführlich. Dabei richtet sich Politik & Kultur an kulturpolitisch Interessierte, Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Kultureinrichtungen und Behörden, Mandatsträgerinnen und -träger in den Parlamenten und anderen mehr.
🛒 Politik & Kultur ist erhältlich in Bahnhofsbuchhandlungen, an großen Kiosken und auf Flughäfen. Die Zeitung des Deutschen Kulturrates ist auch im ► Abo und ► online beziehbar.
★ Inhalte der Aprilausgabe: Schwerpunkt: Münzen • Mehr als Geld; Länderumfrage: Kulturetats und Honoraruntergrenzen • Neuer Vorstand des Deutschen Kulturrates stellt sich vor
In meiner Jugend war der Zweite Weltkrieg noch nah. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es Kriegsversehrte, am Körper und am Geist. Der Pfarrer, der mich konfirmierte, hatte eine Hand aus dunklem, abgegriffenem Leder. Wir schauderten immer.
1981/82 habe ich Zivildienst abgeleistet, wie eigentlich fast jeder, den ich kannte. Jetzt hat sich die Welt gedreht, immer neue »Schicksals tage« bestimmen die Politik. Aufrüstung für den Frieden ist die einhellige Devise, Hunderte Milliarden Euro zusätzlich werden wir in den nächsten Jahren in unsere Armee stecken.
Früher, als ich noch am Niederrhein wohnte, bin ich oft an der Waffenfabrik Rheinmetall in Düsseldorf vorbeigefahren. Wie kann hier jemand freiwillig arbeiten, Waffen bauen, entsetzlich, habe ich mich damals gefragt. Heute fragen mich Freunde, ob ich denn auch Rheinmetall Aktien gekauft hätte. Die gehen im wahrsten Wortsinn durch die Decke.
Ja, die Bedrohung ist real, aber ist unsere Reaktion darauf auch immer vernünftig? Ist eine fast grenzenlose Aufrüstung der einzige Ausweg, der uns bleibt? Hat die Geschichte uns keine anderen Wege gelehrt? Ich habe keine Antworten, aber ich suche sie. In dem alten Gedichtband finde ich zurzeit mehr Hinweise als in allen Kommentaren in den aktuellen Medien zusammen.
Einer der besten Wegweiser für mich ist Bertolt Brecht: »Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen. Als ob die alten nicht gelanget hätten: Ich bitt euch, habt mit euch selbst Erbarmen!« ~ Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats & Mitherausgeber von »Politik und Kultur«
✍️ Gastbeitrag von Olaf Zimmermann,
Geschäftsführer des ➳ Deutschen Kulturrates und Mit-Herausgeber von ➳ Politik & Kultur, im Original publiziert in Politik und Kultur, Ausgabe April 2025 (Artikel-Originaltitel: »Erbarmen!»). Auf auxlitera veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Kulturrats.
► www.olaf-zimmermann.de
Der Deutsche Kulturrat e.V. ist der Spitzenverband der Bundeskulturverbände. Er ist der Ansprechpartner der Politik und Verwaltung des Bundes, der Länder und der Europäischen Union in allen die einzelnen Sparten (Sektionen) des Deutschen Kulturrates übergreifenden kulturpolitischen Angelegenheiten. Er repräsentiert die verschiedenen künstlerischen Sparten und die unterschiedlichen Bereiche des kulturellen Lebens. Unter seinem Dach haben sich zurzeit neun spartenspezifische Sektionen zusammengeschlossen. Über 280 Bundeskulturverbände und bundesweit tätige Organisationen haben sich diesen neun Sektionen angeschlossen.
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