INTERVIEW ★ Die Friedberger Autorin Heidemarie Brosche und die Augsburger Illustratorin Juliane Filep haben ein Jugendbuch zum Thema Analphabetismus veröffentlicht.
Seit langem setzt sich die Friedberger Autorin ► Heidemarie Brosche für Leseförderung bei Kindern und Jugendlichen ein (➳ Gastbeitrag: Für Kinder, die sich mit dem Lesen nicht so leicht tun). Die ehemalige Hauptschullehrerin hat mit der Augsburger Illustratorin und Grafikerin ► Juliane Filep ein Jugendbuch über Analphabetismus konzeptiert und verfasst. Das Buch Das muss doch nicht so bleiben (Hase und Igel Verlag) ist in verschiedenen Schwierigkeitsgraden erhältlich.
Die zusätzlich erhältliche Buch-Variante x-light baut die Lesehürden noch einmal deutlich ab. Die Inhalte pro Seite sind jedoch identisch mit der Ausgabe light, beide können parallel in einer Klasse gelesen werden und sind auch für die Förderschule geeignet. Zum Buch ist im selben Verlag Begleitmaterial für Lehrer erhältlich. Heidemarie Brosche ist dieses Jahr mit ► zwei Vorträgen auf der Buchmesse Leipzig vertreten.
Heidemarie Brosche und Juliane Filep – beide sind Mütter von jeweils drei Kindern – sprachen mit auxlitera über ihr Buch, die Geschichte seiner Entstehung und ihre Ziele und Wünsche:
»Mut machen und Scham nehmen«
Heidemarie Brosche und Juliane Filep im Gespräch über ihr Buch, Leseförderung und Analphabetismus
► Im Herbst 24 ist Ihr erstes gemeinsames Werk, das Jugendbuch Das muss doch nicht so bleiben erschienen. Wie kam es dazu?
⦿ Juliane Filep: Ich hatte an einem Online-Vortrag von Heidi teilgenommen. Was mir dabei ganz besonders gefiel, war die wertschätzende Art, mit der Heidi über Kinder sprach. Da besuchte ich sie in ihrem Heimatort in Friedberg und zeigte ihr mein Portfolio. Heidi schlug vor, dass ich ihr ein paar Buchthemen, die mich interessieren, schicken könnte.
⦿ Heidemarie Brosche: Eine dieser Ideen traf bei mir voll ins Schwarze: Analphabetismus. Mir ist ja seit langem die Leseförderung der Menschen ein Herzensanliegen, die sich in der Schule mit dem Lesen sehr schwertun und – wenn es richtig schlecht läuft – als funktionale Analphabeten ins Leben entlassen werden. Das sind übrigens Menschen, die zwar ein bisschen lesen und schreiben können, aber so schlecht, dass sie nicht wirklich am normalen Leben in unserer Gesellschaft teilhaben können.
⦿ Juliane Filep: In Deutschland ist die Analphabetismusrate immer noch viel zu hoch. Ich halte es für essentiell, dass die Gesellschaft und Politik gemeinsam daran arbeiten, diese Herausforderungen zu bewältigen, indem sie gezielte Bildungsangebote schaffen und allen Menschen die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten zu verbessern. Lesen zu lernen und lesen zu können ist so wichtig – nicht nur als persönliche Kompetenz, sondern als Schlüssel zur Chancengleichheit und gesellschaftlichen Teilhabe. Schon vorher hatte ich mich in meiner Arbeit mit diesem Thema beschäftigt und fand es toll, in Heidi eine Gleichgesinnte zu finden. Als Mutter von drei Kindern im Schulalter weiß ich aber auch, wie herausfordernd das Lesenlernen ist.
Heidemarie Brosche:
Das muss doch nicht so bleiben.
Illustriert von Juliane Filep
Hase und Igel Verlag
Sina plagt ein ungutes Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht mit Tom. Dabei ist er eigentlich genau so, wie man sich den Freund seiner Mutter wünscht. Doch immer wieder verhält er sich seltsam, hat aus heiterem Himmel Kopfschmerzen und behauptet noch dazu, kein Handy zu brauchen. In ihrem neuen Mitschüler findet Sina einen Vertrauten, mit dem sie Toms Geheimnis nach und nach auf die Spur kommt: Er kann nicht richtig lesen und schreiben. Wie geht es jemandem wie Tom in unserer Gesellschaft? Mit welchen Problemen und Vorurteilen hat er zu kämpfen? Durch ihre Gespräche mit Sinan versteht Sina Toms Situation immer besser. Dabei lernt sie auch viel über die Kultur von Sinans Familie und darüber, wie man sich mit Respekt begegnet.
👁️ ► LESEPROBE [hase-und-igel.de • pdf]
► Wie ging es weiter?
⦿ Heidemarie Brosche: Ich hatte schon öfter mit dem Hase und Igel Verlag zusammengearbeitet. Er bietet Bücher als Klassenlektüren an, die es als light- und xlight-Versionen gibt, also leicht und besonders leicht zu lesen sind, was sie natürlich wunderbar geeignet für unser Projekt macht. Tatsächlich stieß ich dort sofort auf Interesse, und ich war begeistert, dass auch von Lektoratsseite aus die Wichtigkeit des Themas gleich erkannt wurde.
► Wie haben Sie für dieses Buch recherchiert?
⦿ Heidemarie Brosche: Ich habe via Internet viele Interviews gelesen und etliche Filmbeiträge angesehen, in denen funktionale Analphabeten über ihr Leben und ihre Probleme berichten. Weil ich auf keinen Fall Fehler machen wollte, habe ich mich auch noch an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. gewandt. Die Geschäftsführerin Dr. Nicole Pöppel hat sich sehr viel Zeit für mich genommen und alle meine Fragen beantwortet, sodass ich die nötige Sicherheit fürs Schreiben bekam. Adrian Eppel, ebenfalls vom Bundesverband, hat am Ende das ganze Buch gegengelesen, mich auf ein paar Kleinigkeiten hingewiesen und mein Herz mit dem Satz erfreut: »Diese Geschichte ist spannend geschrieben, voller Empathie und trifft genau das Anliegen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V., nämlich Vorurteilen entgegenzuwirken und die Erfahrungen von Betroffenen anhand von Alltagsbeispielen greifbar zu machen.« Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich über diese Rückmeldung war.
► Geht es im Buch ausschließlich um das Thema Analphabetismus?
⦿ Heidemarie Brosche: Nein, das steht zwar im Vordergrund, aber Sina, die weibliche Hauptfigur, findet im Laufe der Geschichte auch noch einen Vertrauten in ihrem neuen Mitschüler. Durch ihre Gespräche mit ihm lernt sie etwas über die Kultur seiner Familie und darüber, wie man sich mit Respekt begegnet.
► Wie sind Sie bei der Illustration der Geschichte vorgegangen?
⦿ Juliane Filep: Um die Brücke zwischen einem schwierigen Thema und einem pädagogischen Mittel zu schlagen, habe ich mich für Vektorillustrationen entschieden. Dieser Stil ermöglicht es, klare und prägnante Bilder zu schaffen, die ohne unnötigen Schnickschnack auskommen. Die poppigen Farben und comicartige Typografie habe ich bewusst gewählt, um die Aufmerksamkeit der Zielgruppe zu gewinnen.
Außerdem finde ich es wichtig, dass Illustrationen den Text begleiten, anstatt ihn zu wiederholen. Man kann Lesende ruhig fordern, auch wenn sie noch nicht ganz so erfahren im Lesen sind. Besonders erfreulich war deshalb die Zusammenarbeit mit dem Verlag, der offen für meine Vorschläge war – sogar wenn diese über den ursprünglichen Inhalt hinausgingen. Das hat mich total motiviert. Durch diese kreative Freiheit war dieser Prozess des Illustrierens für mich eine sehr bereichernde Erfahrung.
► Was erhoffen Sie sich von dem Buch?
⦿ Heidemarie Brosche: Zum einen, dass die Lesenden sich in die Situation von funktionalen Analphabeten besser hineinversetzen können und überhaupt erst mal ein Bewusstsein dafür bekommen, unter welchem Druck diese tagein, tagaus stehen und mit welchen Vorurteilen sie zu kämpfen haben. Vielleicht lesen es auch Schüler*innen, bei denen es zu Hause jemanden gibt, der oder die betroffen ist. Hier kann das Buch Mut machen und Scham nehmen, denn die Buchlektüre zeigt, dass es viele funktionale Analphabeten gibt, und vermittelt somit das tröstliche Gefühl »Du bist nicht allein!«.
Zum anderen wünsche ich mir, dass die Gespräche zwischen Sina und ihrem Freund, der wirklich nur ein guter Freund ist, auch bei den Lesenden Interesse und Verständnis gegenüber anderen Kulturen wecken. Schließlich und vor allem hoffe ich, dass viele, viele Schülerinnen und Schüler das Buch gerne lesen werden.
⦿ Juliane Filep: Ich hoffe, dass dieses Buch nicht nur das Bewusstsein für das Thema Analphabetismus schärft. In einer Zeit, in der digitale Medien dominieren, finde ich es wichtig, den Wert des analogen Lesens zu schätzen und gerade Leseanfängern den Zugang zu gedruckten Büchern zu ermöglichen. Nicht nur, um Ihre Lesefähigkeit zu entwickeln, sondern auch, um gute Geschichten zu erleben. Langsam, bewusst und ganz ohne Ablenkung. Gerne auch mit Wasserflecken drauf aus dem Freibad 😀. Ich bin jedenfalls sehr stolz darauf, Teil dieses wichtigen Projekts zu sein. ⟴ auxlit • hb • jf • msc
HEIDEMARIE BROSCHE
geb. in Neuburg/Donau, war viele Jahre Hauptschullehrerin und schreibt seit gut 30 Jahren erfolgreich Kinder-, Jugend- und Sachbücher. Das Thema Wertschätzung liegt ihr besonders am Herzen. Häufig richtet sie sich mit ihren Büchern auch an Kinder und Jugendliche, die nicht so gerne lesen. Für ihr Engagement in den Bereichen Leseförderung und Bildungsgerechtigkeit wurde sie 2020 mit dem Volkacher Taler der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Heidemarie Brosche hält gerne Autorenlesungen, bei denen die Schüler aktiv miteinbezogen werden – online und in Präsenz.
► www.h-brosche.de
JULIANE FILEP
Hat an der Universität der Künste in Berlin Illustration studiert. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich häufig mit gesellschaftlichen Themen wie Fragen der Nachhaltigkeit und sozialen Gerechtigkeit. Das Lesen als eine von vielen Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie ist ihr dabei besonders wichtig. Diesen Aspekt verpackt sie auch für Kinder in zeitgemäße und farbenfrohe Illustrationen.
► www.filep.de
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