Ferdinand Schmalz, Ingeborg-Bachmann-Preis-Träger 2017, lässt am Staatstheater Augsburg die Nibelungensage in neuer Sprache leuchten. Das Augsburger Produktionsteam setzt bei »hildensaga. ein königinnendrama« auf ein alternatives Ende des Stücks.
Mit der erst 2022 uraufgeführten Überschreibung der Nibelungensage machte der österreichische Autor Ferdinand Schmalz aus der althergebrachten »Heldensaga« die zeitgemäß feministische hildensaga. ein königinnendram. Mit einer fulminanten Neuinszenierung in der Regie von Axel Sichrovsky eröffnet das Staatstheater Augsburg die Spielzeit 2024/25 am Samstag, 21. September 2024, auf der brechtbühne. Im Kontrast zur Original-Fassung entwickelt das Augsburger Produktionsteam eine andere Fantasie für das Finale und setzt so eigene Akzente für eines der derzeit meistgespielten Dramen.
Mit seiner zugleich direkten und poetischen Sprache beleuchtete der 1985 geborene Autor Ferdinand Schmalz als Auftragsarbeit für die Wormser Festspiele den Mythos Nibelungensage für die Gegenwart, indem er die bestehenden Machtverhältnisse in Frage stellte. Die beiden Hilden, Kriemhild und Brünhild werden in Schmalz‘ Zugriff zu Verbündeten, die sich in einer von Männern dominierten Welt zur Wehr setzen. Der bis dato historisch belastete Stoff rund um das germanische Nationalepos erlebt seither eine Renaissance.
Für Regisseur Axel Sichrovsky, der auch als Schauspieler bekannt ist, ist neben der besonderen thematischen Relevanz vor allem die Struktur des Stücks eine reizvolle Herausforderung: »Für mich ist die ›hildensaga‹ eine mit unglaublicher sprachlicher Wucht daherkommende Gesellschaftskritik im Mantel des Epos. Das Stück beginnt als Komödie und endet als Tragödie. Mich interessiert hier, was nach der finalen Revolution geschieht: wie kann es nach einem solchen Gewaltausbruch weitergehen?« Dass ihm das Verhältnis der Geschlechter als Stoff für die Bühne liegt, zeigte Sichrovsky bereits mit David Mamets Oleanna – ein Machtspiel, seiner letzten Arbeit für das Staatstheater Augsburg.
Schräge Bühne,
Kostüme zwischen Haute-Couture und Pussy-Riot
In einem raumgreifenden, buchstäblich schrägen Bühnenbild (Irene Ip), ausgestattet mit Kostümen, die sowohl an Haute-Couture als auch an Pussy-Riot denken lassen (Tutia Schaad), erzählen die elf Darstellenden von den ganz großen Gefühlen, von Lug und Trug, Liebe, Macht, Eitelkeit, Gewalt und Selbstermächtigung. Mit körperlicher Präzision (Choreografie: Jasmin Avissar) zu mittelalterlich anmutendem Heavy-Metal (Live-Musik: Stefan Leibold) entstehen eindrückliche und emotionale Bilder (Video: Stefan Korsinsky, Licht: Dominik Scharbow), die in einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit patriarchalen Machtstrukturen münden (Fassung: Sabeth Braun & Axel Sichrovsky).
Die beiden Titelrollen werden von den langjährigen Staatstheater-Schauspielerinnen Katja Sieder (brünhild) und Jenny Langner (kriemhild) übernommen (siehe Foto). Auch die weiteren Rollen sind mit Ute Fiedler, Elif Esmen und Natalie Hünig (drei nornen), Gerald Fiedler (wotan), Paul Langemann (siegfried), Thomas Prazak (gunther), Sebastian Müller-Stahl (hagen) sowie Kai Windhövel (gernot) und Patrick Rupar (giselher) hochkarätig besetzt. Elf der 18 Mitglieder des Schauspiel-Ensembles am Staatstheater Augsburg sind so direkt in dieser ersten großen Produktion der Saison auf der Bühne zu erleben. ⟴ pm • auxlit
DIE HANDLUNG
Die hildensaga beginnt mit einer Vorschau – Schmalz stellt das Aufeinandertreffen von Brünhild und Kriemhild, den Königinnenstreit aus dem Nibelungenlied, an den Anfang seines Stückes. Doch dann greifen drei Nornen ein und berichten, dass die Geschichte früher beginnen und geändert werden muss. Zeitsprung zurück: Siegfried kommt nach Island, wo Brünhild Königin ist und gemeinsam mit ihrem Vater Wotan lebt. Siegfried und Brünhild verlieben sich und verbringen eine Nacht miteinander. Die Nornen warnen Brünhild vor ihrem Schicksal mit Siegfried. Als er tatsächlich zögert bei ihr zu bleiben, schickt Brünhild ihn fort.
Wotan beschließt, dass jeder Mann, der Brünhild zur Frau will, gegen sie antreten muss und getötet wird, falls sie ihn besiegt. Ein Jahr später: König Gunther von Burgund kommt mit seinen beiden Brüdern Gernot und Giselher, seinem Gefolgsmann Hagen von Tronje und Siegfried nach Island, um Brünhild zur Frau zu nehmen. Durch eine List siegt Siegfried heimlich für Gunther über Brünhild und sie nehmen sie mit an den Hof in Worms. Es kommt zur Doppelhochzeit: Siegfried heiratet Gunthers Schwester Kriemhild, Gunther heiratet Brünhild. In der Hochzeitsnacht verweigert Brünhild den ehelichen Sex mit Gunther und hängt ihn an der Wand auf. Wieder täuschen Gunther und Siegfried Brünhild, damit Gunther »die Ehe vollziehen« kann. Am nächsten Tag treffen Brünhild und Kriemhild aufeinander und Kriemhild solidarisiert sich mit Brünhild. Gemeinsam planen sie Rache.
Alle Aufführungstermine finden Sie im ► auxlitera-Veranstaltungskalender oder auf www.staatstheater-augsburg.de
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