Interview mit der Leiterin der Duden-Redaktion: Der neue Duden erscheint in der 29. Auflage mit 3.000 neuen Wörtern und bildet das Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung mit Stand 2024 ab.
Lieblingsmensch, Sprachmodell, Triggerwarnung, ChatGPT, Kochbox, nerdig, prompten: Im August 2024 erschien das Standardwerk 📘 Duden – Die deutsche Rechtschreibung in der 29. Auflage (Duden) ► Anzeige – umfassend bearbeitet und erweitert. »Im Wortschatz hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan – wir haben 3000 Wörter neu aufgenommen«, so die Leiterin der Dudenredaktion, Dr. Kathrin Kunkel-Razum (► Interview siehen unten). Der neue Rechtschreibduden ist mit diesen 3000 Neuaufnahmen und insgesamt 151 000 Stichwörtern so umfangreich wie noch nie. Außerdem enthält er bereits alle ab Sommer 2024 gültigen amtlichen Rechtschreibregelungen.
Der neue Duden ist dabei auch ein Spiegel der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Sprachtrends. Mit rund 3000 neu aufgenommenen Wörtern – wie beispielsweise Balkonkraftwerk, Beitrittsperspektive, Dürresommer, Granola, Hyaluron, Ladeschale und Vorkrisenniveau – trägt der Band den jüngsten Entwicklungen im Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache Rechnung.
Awareness, Intimbehaarung und Coronawörter
Laut Duden-Redaktion sei der deutsche Wortschatz in den vergangenen Jahren vor allem in den Bereichen Technik, Klima/Umwelt, Gesundheit/Ernährung und Politik/Wirtschaft gewachsen. Aufgenommen wurden Bezeichnungen wie Awareness, Bucketlist, Erzählcafé, Extremwetterereignis, Gemüsekiste, Gojibeere, Handyticket, Intimbehaarung, Lieblingsmensch, meinungsstark, Onsen-Ei oder Sprachmodell.
Neben der Coronapandemie fanden auch die wirtschaftlichen und politischen Krisen der letzten Jahre Eingang ins Wörterbuch. Exemplarisch hierfür sind neue Begriffe wie Antigenschnelltest, Entlastungspaket, Flugabwehrsystem, Gasmangellage, Russlandsanktion oder Zwei-Prozent-Ziel. Der Stichwortteil enthält jetzt rund 151.000 Einträge mit sämtlichen Schreibvarianten, die nach dem gültigen Amtlichen Regelwerk zulässig sind. ⟴ pm / auxlit
Interview mit Dr. Kathrin Kunkel-Razum
Leiterin der Dudenredaktion
► Warum erscheint jetzt ein neuer Duden?
Dr. Kathrin Kunkel-Razum: Im Wortschatz hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan – wir haben 3000 Wörter neu aufgenommen. Der Hauptgrund für das Erscheinen im Sommer 2024 sind aber die rechtschreiblichen Änderungen, die der Rat für deutsche Rechtschreibung in den vergangenen Jahren erarbeitet und auf seiner letzten Sitzung der 3. Amtsperiode (Dezember 2023) verabschiedet hat. Inzwischen haben die verantwortlichen Stellen der sieben im Rat vertretenen Länder der Neufassung des Amtlichen Regelwerks und des Amtlichen Wörterverzeichnisses zugestimmt und damit können diese Änderungen auch in Wörterbüchern umgesetzt werden. Für Schule und Verwaltung sind die neuen rechtschreiblichen Änderungen verbindlich und der neue Duden enthält alle nun gültigen Schreibweisen.
► Spannend sind ja auch immer die neuen Wörter. Welche neuen Wörter haben es in den Duden geschafft?
Zu den neuen Wörtern im Duden gehören Astronautennahrung, Blühstreifen, ChatGPT, Deutschland-Ticket, Erzählcafé, Flüssiggasterminal, Gedankenkarussell, Hitzewallung, Impfnachweis, Jännerloch, Klimagerechtigkeit, Lichtverschmutzung, Mietenstopp, Neurodiversität, Onsen-Ei, Pflichtfeld, Quasimonopol, Regenbogenfahne, Schwiegerfamilie, Triggerwarnung, Ukrainekrieg, Vogelschiss, Wechselunterricht, X-Account, Yogini, Zweinutzungshuhn.
Die KKK-Entwicklung: Krise, Krieg und Kochen
► Ist Ihnen bei der Auswahl der Neuaufnahmen etwas besonders aufgefallen?
Wie jedes Mal, wenn wir uns über die Listen mit neuen Wörtern beugen, ziehen die vergangenen Jahre noch einmal an mir vorbei. Seien es Fußballspieler/-innen, deren Namen häufig in der Zeitung stehen (und die wir nicht aufnehmen), oder seien es wichtige politische bzw. gesellschaftliche Ereignisse. Wir sehen die Jahre sozusagen im Zeitraffer, kondensiert in Excellisten. Intensiv haben wir noch einmal über den Coronawortschatz diskutiert. In die Auflage von 2020 sind die ersten Coronawörter eingegangen, wir wussten damals nicht genau, welche sich wirklich etablieren würden. Jetzt sehen wir das deutlicher.Ansonsten könnte man die Entwicklung vielleicht mit KKK beschreiben: Krise, Krieg und Kochen. Wir finden viele Wörter, die mit den Krisen und den Kriegen in Deutschland, Europa und der Welt verbunden sind. Wir sehen aber auch, dass beispielsweise das Kochen als (Freizeit)-beschäftigung offenbar einen hohen Stellenwert erreicht hat, und so finden sich nun auch der Sushireis und das Onsen-Ei im Duden.
► Wie wählen Sie neue Wörter aus?
Wir analysieren mithilfe computerlinguistischer Methoden, welche Wörter seit der letzten Auflage, also seit dem Sommer 2020, neu in unsere digitale Textsammlung (Dudenkorpus) eingezogen sind bzw. dort viel häufiger auftreten als früher. Diese werden in einer Excelliste mit ca. 15 000 Einträgen dargestellt und nach der Häufigkeit sortiert. Diese Liste schauen wir uns dann in der Redaktion sehr genau an und wählen daraus die 3000 Neueinträge aus. Für alle Aufnahmekandidaten gilt: Die Wörter dürfen keine »Eintagsfliegen« sein, müssen also über einen längeren Zeitraum nachgewiesen werden, sollen nicht nur von einem Menschen, Autor oder Autorin benutzt werden und über verschiedene Textsorten verteilt sein.
► Welche Wörter wurden aus dieser Auflage gestrichen und warum?
Zunächst einmal haben wir eine ganze Reihe von Schreibvarianten gestrichen, die nach der Neufassung des Amtlichen Regelwerks nicht mehr zulässig sind. Dazu gehören u. a. Tunfisch und Spagetti. Weitere Streichungen betreffen bestimmte morphologische Varianten von Stichwörtern, die nur noch selten vorkommen, z. B. Gesetzauslegung statt Gesetzesauslegung. Aber es wurden auch einige Stichwörter gestrichen, z. T. weil die Gegenstände/Sachverhalte, die sie benennen, nicht mehr existieren oder gebräuchlich sind, oder weil die Wörter selbst veraltet sind und neue dafür gefunden wurden. In diese Gruppe gehören zum Beispiel der Frigidär (Kühlschrank), das Juckergeschirr (ein bestimmtes Pferdegeschirr) und der Rationalisator (DDR; Angestellter, der mit Rationalisierungsaufgaben betraut ist).
► Welches sind Ihre Lieblingswörter aus den Neuaufnahmen?
Diese Frage ist immer schwer zu beantworten, es gibt so viele schöne, originelle, wichtige Wörter. Diesmal mag ich besonders Mocktail, Mitarbeitende, Plauderlaune, Quetschie und Badi. Am Herzen liegt mir natürlich auch ein Rückkehrer, der Hackenporsche.
»Wir können die Verantwortung für einen Text nicht an die KI abgeben«
► KI-unterstützte Sprachtools haben im vergangenen Jahr Einzug gehalten in Schule, Beruf und Privatleben und scheinen ein neues Zeitalter im Umgang mit Sprache und bei der Abfassung von Texten einzuläuten. Welche Bedeutung sollte Rechtschreibung künftig in der Schule noch haben? Schließlich können Computer- und Handyprogramme Fehler selbst korrigieren und es gibt spezielle Prüfprogramme, die einen Text Korrektur lesen. Die Kultusministerkonferenz hat bereits vor einiger Zeit den Fehlerquotienten bei der Bewertung der Rechtschreibkompetenz abgeschafft, betont aber, dass die Vermittlung von Rechtschreib- und Zeichensetzungskompetenz weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Note bleiben soll.
Andererseits hat eine ► Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) aus dem Jahr 2022 die sprachlichen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern am Ende der 9. Jahrgangsstufe als »in hohem Maße besorgniserregend« eingeordnet. 22 Prozent der Schülerinnen und Schüler besaßen nicht die für einen Mittleren Schulabschluss nötigen orthografischen Kenntnisse.
Was sagt die Dudenredaktion dazu? Wofür braucht es Rechtschreibkenntnisse?
Dr. Kathrin Kunkel-Razum: Es ist nicht egal, wie wir schreiben. Orthografische Fehler schwächen einen Text und stören oftmals den Lesefluss. Enthält ein Text viele Fehler, ist er schnell missverständlich. Das gilt für Aufsätze, Bewerbungen, Präsentationen, E-Mails genauso wie für Social-Media-Beiträge oder private Chatnachrichten. Orthografische Fähigkeiten sind ein relevanter Faktor für gesellschaftliche Teilhabe.
Wenn Inhalt und formale Aspekte wie Stil und eine korrekte Schreibung Hand in Hand gehen, können wir gut miteinander kommunizieren. Deshalb sollte das Grundwissen sicher sitzen. Das muss in der Schule weiterhin intensiv vermittelt werden. Ohne Frage, Schreibprogramme sind inspirierend und arbeitserleichternd. Aber um diese Hilfsmittel zielführend einzusetzen, braucht es zunächst die persönlichen Basiskompetenzen. KI ist ein prima Partner für Routinearbeiten, aber wir können die Verantwortung für einen Text nicht an die KI abgeben. Am Ende stehen wir selbst vor der Aufgabe, mitzu denken und die Unterstützung der KI klug zu nutzen. Dafür brauchen wir Lese- und Rechtschreibkompetenzen. Wir dürfen nicht vergessen: Sprache und Rechtschreibung sind ein bedeutender Teil unserer Identität. Diskussionen rund um das Gendern oder um die Rechtschreibreform lassen immer wieder erkennen, wie emotional wir die eigene Sprache betrachten und wie sehr wir uns über sie definieren. Deshalb wird es auch in Zukunft wichtig sein, unsere Sprache sicher zu beherrschen. ⟴ Interview: pm / ed. auxlit • Kursivsetzungen: auxlit
DUDEN. Die deutsche Rechtschreibung
29. Auflage 2024
Hrsg.: Duden
Auf rund 150 Seiten dokumentiert der neue Duden alle ab Sommer 2024 gültigen Rechtschreibregeln. Vom Wörterverzeichnis aus wird immer wieder darauf verwiesen, um zu erklären, auf welcher Regel eine bestimmte Schreibung fußt. Außerdem gibt es Hinweise zur formalen Gestaltung von Texten und E-Mails und zur Korrektur von Texten.
Neben der Anpassung von Rechtschreibregeln, besonders im Bereich der Anglizismen (gefakt bzw. gefaked, Last-minute-Angebot bzw. Last-Minute-Angebot), wurde das Kapitel Zeichensetzung durch den Rat für deutsche Rechtschreibung vollständig neu strukturiert und vereinfacht. Eine wichtige Regeländerung betrifft die Infinitivgruppen (erweiterter Infinitiv), die nun verbindlich durch ein Komma abgetrennt werden. Der neue Duden gibt hier die nötige Orientierung und dokumentiert alle nun gültigen Regelungen zu Interpunktion und Rechtschreibung.
Sind für ein Wort mehrere Schreibvarianten zulässig, bietet der neue Duden gelb unterlegte Dudenempfehlungen an. Diese verhelfen Wörterbuchnutzerinnen und -nutzern ganz praxisnah zu schnellen, unkomplizierten Entscheidungen. Die Empfehlungen der Dudenredaktion gründen vor allem auf der Häufigkeit des Vorkommens, also dem tatsächlichen Gebrauch im Sprachalltag. Überarbeitet wurden auch die alphabetisch angeordneten Regeln zur Rechtschreibung und Zeichensetzung. ~ verlagstext
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