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Kosmos, Werte und Natur.

Wenige wissen über den Augsburg-Bezug des Künstlers HAP Grieshaber. Ein wunderbarer Kunstband begleitet die aktuelle Grieshaber-Ausstellung in Wiesbaden und portraitiert den berühmten schwäbischen Druckgrafiker als Künstler, der sich für Natur, Mensch und Gerechtigkeit engagierte.

Er ist sicherlich Deutschlands bekanntester Holzschneider: HAP Grieshaber (1909 – 1981). Wenig bekannt ist, dass der in Oberschwaben geborene Künstler einen familiären Augsburg-Bezug hat. Grieshaber väterliche Vorfahren – diese Recherche ist auf der Webseite des Jüdisch Historischen Vereins Augsburg nachzulesen – stammen nämlich aus Kriegshaber. Der Augsburger Stadtteil wurde bis weit ins 19. Jahrhundert hinein oft als Grieshaber geschrieben.

Eine Ausstellung im Museum Wiesbaden, noch zu sehen bis 21. Januar 2024, nimmt Grieshabers persönlichen Werdegang und Sozialisierung als »engagierter Künstler « in den Blick. Begleitend ist ein wunderbar gestalteter Kunstband erschienen, der die thematische Perspektive der Ausstellung aufgreift. HAP Grieshaber. Form | Sprache (Hirmer) kommt als faszinierende Steifbroschur mit offener Fadenheftung und Siebdruck daher und steigt bereits in dieser Aufmachung in einen ästhetischen Dialog mit dem Sujet des Holzschnitts ein, der für den Künstler und Holzschneider formgebend war. Im Vorwort des Buches beschreibt Museumsdirektor Dr. Andreas Henning Grieshabers soziales Engagement: Grieshaber »überführte die althergebrachte Holzdrucktechnik auf das Großformat und debattierte mit ihm und durch ihn die bewegenden Themen der Menschheit: Gemeinschaft, Natur, Engagement und Gerechtigkeit.«

Mit seinem Themenspektrum, das den menschlichen Kosmos rund um Umwelt, Glaube und soziales Miteinander umfasste, sprach Grieshaber engagiert und provokant gesellschaftlich relevante Fragen seiner Zeit an. Seine wichtigen Forderungen und Leitgedanken, etwa zu Umweltschutz und politischer Ungleichheit, behalten bis heute Gültigkeit und wirken weiter.

Das im Hirmer Verlag erschienene Buch wurde wunderbar gestaltet von Frank Bernhard Übler (Leipzig), die offene Buchbindung und herrlich haptischer Karton beherbergen über 150 Seiten Gardapat 13 Kiara Papier, und auch die Schriftart Mohol (in Basic Sans) tut ihr übriges für einen mehr als gelungenen ästhetischen Gesamtauftritt des Buches – wobei die Typographie in Moosgrün auch gerne das Farbenspiel der im Buch abgebildeteten Grieshaber-Drucke aufnimmt.

Krieg und Frieden, Tod und Leben, Religion und Lyrik

Die Kuratorin der Wiesbadener Ausstellung und Co-Herausgeberin des Kunstbandes Jana Dennhard begleitet in ihrem Beitrag Gestern, heute, morgen. Kontext Grieshaber jene Drucke, die insbesondere Grieshaber Beschäftigung mit Natur, Kosmos, menschlicher Fluchterfahrung und Religion zeigen. Bei Herbst (1950) werden Grafik und Druckstock gegenüberliegend gezeigt Herbst (1950). Die Bilderwelten zu den Jahreszeiten, zu Eros und eine einer stillende Mutter bilden die Zyklik des Lebens ab. Auch eine Flüchtlingsfamilie (1948) ist Motiv. Dazu treten Illustrationen zu Paul Konrad Kurz‚ (1927 – 2005) Gedichtsband Die Liebe ist ein Hemd ist aus Feuer (1981) – immer trat Grieshaber als Illustrator von Lyrikbänden hervor.

Religion findet ihren Spiegel in Drucken vom Bau der Marienkirche in Reutlingen (1933), von Kriegsweihnacht und Kruzifix. Daneben treten Grieshabers Kinderbuchillustrationen wie hier für Johannes Poethen. Aber auch sein eigenes Metier, das des Druckers, bildet Grieshaber ab. Dazu Ausstellungsplakate für Willi Baumeister (1947) und Otto Ritschl (1948), politisch engagierte Plakate (Demokratie, Recht auf Arbeit & Recht auf Kultur, Demokratie, Kulturkomitee für ausländische Arbeitnehmer, Solidarität mit Erdbebenopfern) aber auch Flugblätter. Grieshabers Welt reichte weit über den damaligen, durchaus engen bundesrepublikanischen Kulturkreis hinaus, wir sehen ein Triptychon namens Afrikanische Passion oder Chout oder ein Kongo-Triptychon. In harter Fügung steht die Hippieblume (1970) dem Der Panzer (1971) gegenüber.

Kustode Roman Zieglgänsberger zeichnet in seinem Beitrag HAP Grieshaber und Hanna Bekker vom Rath die Beziehung des Malers zur der Mäzenin und Kunsthändlerin nach, die Grieshaber erst 1952/53 kennenlernte und die ihn ihr ständiges Portfolio aufnahm. Zu sehen ist im Band hier auch ein »Malbrief« Grieshabers an an Hanna Bekker vom Rath.

»… und was man will, das es da ist, das lässt man stehen.«

»So lange I HAVE A DREAM des ermordeten Martin Luther King der Jugend ein Protest, solange sein Präsens nicht ins Praeteritum sich verflüchtigt, ist Hoffnung. Welt-unbrauchbare Flucht aus Existenzangst in ferne Häresien lässt uns für die Zukunft nicht mündiger werden«, schreibt HAP Grieshaber in Der Engel der Geschichte 9 (1968). Grieshaber habe sich nicht, wie es Jörg Daur, stellvertretender Direktor des Museums Wiesbaden und Mitherausgeber, in seinem Beitrag über den schwäbischen Künstler schreibt, als politischer Künstler im Dienste einer Partei oder Ideologie verstanden, gleichwohl aber als engagierter Streiter für eine gerechte Welt, vorwärtsgewandt und im Dienste der Schwachen und Entrechteten. Grieshabers schöpferischer Drang und Wille zeigte sich auch beeindruckend in seiner belgischen Kriegsgefangenschaft – hier druckte er kleine Hefte anhand von Druckstöcken aus ausrangierten Holzkistem – gezeigt auf den Seiten 120 und 121 des Buchs.

Kustode Peter Forster zeichnet schließlich in HAP Grieshaber. Ein gemeinsames »Zeichen-Büchlein« die Verbundenheit Grieshabers zu dem Maler und Grafiker Gustav Wolf (1887 – 1947) nach. ~ [msc/auxlit]

LESEPROBE mit Abbildungen [hirmerverlag.de]

Die Ausstellung HAP Grieshaber. Form | Sprache ist noch bis 21. Januar 2024 im Museum Wiesbaden zu sehen.


Jörg Daur und Jana Dennhard (Hrsg., Museum Wiesbaden): HAP Grieshaber. Form/Sprache.
116 Abbildungen in Farbe
Steifbroschur mit offener Fadenheftung und Siebdruck, 152 Seiten
Format: 24 x 29 cm
Hirmer Premium, 2023
ISBN: 978-3-7774-4216-7


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