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Träumerisch skizzieren

Ein neuer Bildband erlaubt Einblick in die Skizzenbücher eines Zeichner-Poeten: Sempé. – Von 👴 Martin Schmidt

»Mit nichts als seinen stillen Augen«, so zitiert der französischer Schriftsteller Patrick Modiano im Vorwort den Dichter Verlaine, um Sempés Schaffen zu beschreiben – und bemerkt, dass Sempés Strich bei Vereinfachung sich nicht verstärkt, sondern leichter wird, fast verfliege. Der Zeichner und Ilustrator Sempé selbst ist ein Poet, ein Bilderdichter. Dass seinen zarten, oft spontan und leicht hingezauberten Zeichnungen lange Studien und Ideensammlungen vorausgehen, zeigt nun der Bildband Träumen und Zeichnen. Aus den Skizzenbüchern (Diogenes).

Der Sammlung vorangestellt sind zwei Doppelseiten aus einem Zeichenheft aus Sempés Jugend. In weichstem Strich und zartester Zeichentinte, unkoloriert, folgen dann Vorstufen und Entwürfe, Studienreihen einzelner Figuren – aber auch von von Menschen unbelebten Szenen, dazu Gockel, Hennen und, natürlich, zahlreiche Katzen. Aber auch Studien für das Cover von Ausgaben des New Yorker (1982, 1983) sind zu bestaunen.

New York, Paris, Melancholie

Buchcover © Diogenes Verlag

Manche Skizzen erstarren im Unfertigen, Abgebrochenen, Sempé erprobt Raumanordnungen, Perspektiven, Kompositionen, die Abbildungen sind briefmarkengroß bis seitenfüllend, ab und zu gib es kleine Texteinflechtungen. Die Bilder sind in grobe Kapitel gefasst – Saint-Tropez, New York, Paris, Idées,…. In der Sammlung Saint-Tropez befinden sich für Sempé fast unübliche, mondäne Frauenportraits und karikierende Touristen-Darstellungen.

In der New York Sammlung geht es in den Central Park oder zum Museum of Modern Art. Die US-Szenen sind Milieuskizzen, zeichnerische Notate von Westen, gestreiften Unterhemden, Lockenwickler auf dem Kopf und Stadtszenen. »Ich mag die Franzosen sehr: Sie sehen Frauen als menschliche Wesen«, heißt es unter einer Zeichnung als Zitat.

In den Paris-Bildern geschieht eine Rückkehr zur Ruhe, zum Introvertierten. Die Zeichnungen lassen Leere zu, die geliebten Fahrradfahrer werden Motive. In der Sammlung Idées ist das Konvolut an Zeichnungen versehen mit eingestreuten Zitaten, Figurenrede und längeren Texten – darunter die Idee für eine Kindergeschichte, Reflektionen oder (nur als Text) notierte Einfälle für Zeichnungen, wie zum Beispiel:

Ein Wald.
Man fällt alle Bäume.
Baut große wohnhäuser hin.
In jedem Fenster ein kleiner Baum.


Eine wunderbare Überraschung findet sich in diesem Kapitel: die Eintragung von Jacques Tatis persönlicher Telefonnummer 256-06-07. Ein Fundstück, das Sempés Arbeit nochmals kontextualisiert und Referenzen aufblitzen lässt – gerne wäre man einem Gespräch zwischen den beiden Bild-Dichtern, der eine dichterischer Zeichner, der andere poetische Filmmacher, beigewohnt. Zur Nummer notiert, nicht erkenntlich, ob es Widmung Tatis oder eine Zeile Sempés über Tati ist: Der Mann der ich bin, blickt voller Melancholie auf den Mann, der ich sein sollte. ~ Martin Schmidt


JEAN-JACQUES SEMPÉ

Jean-Jacques Sempé, geboren 1932 in Bordeaux, lebte in Paris. Die Karikaturen in Paris Match und in L’Express waren nur erste Schritte zum Höhepunkt beim New Yorker, für den er ab 1978 arbeitete.

Mit René Goscinny, Patrick Modiano und Patrick Süskind schuf er so legendäre Figuren wie Der kleine Nick, Catherine, die kleine Tänzerin und Herr Sommer. Jean-Jacques Sempé starb im Sommer 2022 in Paris.

– Foto: Jean-Jacques Sempé, 2016 • Foto: CC BY-SA 4.0 | Olivier Meyer | via ► Wikipedia Commons

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Sempé: Träumen und zeichnen. Aus den Skizzenbüchern.
Aus dem Französischen von Friederike Kohl. Mit einem Vorwort von Patrick Modiano.
Hardcover, 240 Seiten
Format 22 × 28 × 2,5 cm
ISBN 978-3-257-02186-8


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