Die Augsburger Autorin Franziska Gänsler liest auf dem PROSANOVA Literaturfestival 2023. Anna-Lena Maatz, Augsburger Mitorganisatorin des Festivals und Referentin für Kultur der AStA an der Uni Augsburg, hat sie interviewt: »Ewig Sommer« – ein literarischer Spaziergang, der bereits zum vom 23. bis 25. Juni in Hildesheim statt findenden Literaturfestival 2023 mitnimmt.
Was ist »gute« und »schlechte« Literatur? Wer macht diese (möglich)? Was passiert, wenn wir die Worte als Orte begreifen, die wir begehen können? Gibt es ein Danach der »Schlechten Wörter«? Mit diesen Fragen setzen sich Autor*innen und Künstler*innen im Rahmen der diesjährigen Ausgabe des ► PROSANOVA Festivals für junge Gegenwartsliteratur in Hildesheim (von Freitag, 23., bis Sonntag, 25. Juli) auseinander. Auch die Augsburger Autorin Franziska Gänsler ist zu Gast.
In ihrem Debütroman Ewig Sommer (Kein & Aber) erzählt Franziska Gänsler von der gegenwärtigen Klimakatastrophe: Mit präzisen Beschreibungen und einer bildgewaltigen Sprache sind die Szenen Dystopie und Hoffnung zugleich, erlauben sich mehrdeutig zu sein. Innerhalb eines literarischen Spaziergangs holt sie die brennenden Wälder und den Rauch aus Bad Heim nach Hildesheim.
► Ein Gastbeitrag mit Interview von Anna-Lena Maatz.
Ein Text kann Begegnung sein.
Ein Interview mit der Augsburger Autorin Franziska Gänsler.
– von Anna-Lena Maatz
► Das diesjährige Motto des PROSANOVA lautet »Schlechte Wörter«. Was verstehen Sie selbst unter »guter« und »schlechter« Literatur? Ist eine Einteilung in diese absoluten Kategorien überhaupt möglich?
Franziska Gänsler: Die Einteilung ist recht intuitiv, aber für mich ist schlechte Literatur inzwischen, wenn ich merke, dass ein*e Schreibende*r stark um sich kreist und unnötig etwas reproduziert. Kürzlich habe ich ein Buch gelesen, das ich eigentlich sehr gut fand, das aber auch stark mit Ekelaspekten gespielt hat. Ich hatte das Gefühl, dass das aus literarischer Sicht unnötig und nur provokant war, und das macht einen Text dann schlechter, finde ich. Wenn ich Entscheidungen nicht auf der Textebene begründet sehe. Oder, wenn die Sprache faul und oberflächlich benutzt wird, das stört mich auch.
► Inwiefern können Texte Orte der Begegnung darstellen?
Mich macht es immer sehr froh, wenn ich beim Lesen den Gedanken und Beobachtungen einer klugen Person folge und mich dadurch entweder verstanden und aufgehoben fühle oder etwas Neues in mir ausgelöst wird. Ich finde also, ein Text kann eine Begegnung zwischen Autor*in und Leser*in sein, aber auch immer mit sich selbst.
► In Ihrem Roman sind die Figuren kammerspielartig um das sonst unbewohnte Hotel »Bad Heim« konzentriert. Welche Funktion kann dem Hotel als Ort der (Nicht-) Begegnung zugeschrieben werden?
Ich mag an Hotels diese zeitliche Komponente, dass die meisten Menschen, die dort sind, auch wieder abreisen, dass dem Aufenthalt eine gewisse Erwartung vorausgeht, dass man dann genau damit spielen kann, wie Erwartetes sich erfüllt, oder eben nicht, wie Menschen sich neu begegnen oder voneinander entfernen. Ich finde z.B. in der Serie White Lotus funktioniert genau das extrem gut.
👁️ Impressionen vom PROSANOVA-Literaturfestival 2017 • Fotos: Ella Fiebig
► Das Phänomen der Entfremdung erlangt aufgrund neuer ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklungen und einem aufkommenden Gefühl von Kontrollverlust und Machtlosigkeit erneut Relevanz. Inwiefern setzt sich der Roman auf der Figurenebene mit der Thematik der Selbst- und Weltentfremdung auseinander?
Bei Ewig Sommer [Franzika Gänslers Debüt-Roman – Anm. d. Red] geht es auf der Figurenebene vor allem um das kognitive Dissoziieren, also, dass Menschen um etwas wissen können, aber trotzdem nicht unbedingt darauf reagieren. Iris sieht den brennenden Wald durch das Fenster, aber wenn sie Berichte im Fernsehen dazu sieht, die alles in größeren Kontext einbetten, kann sie das nicht zu sich selbst in Bezug setzen. Sie hofft weiter, dass das Hotel irgendwann wieder den Betrieb aufnehmen wird. Und auch Dori kann ihre Situation beschreiben, aber ist dann doch emotional so stark verwickelt, dass sie nicht unbedingt so entscheidet, wie sie es vielleicht einer befreundeten Person raten würde.
► Ada Lumins Gedicht Kreise zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Es wird als literarische Dokumentation eines früheren Bad Heims beschrieben. Dem gegenüber stehen die ständig präsenten Nachrichten über die aktuelle Krisensituation des Ortes durch moderne Medienkanäle. In welcher Beziehung stehen diese Formen des Dokumentarischen und was sagt diese Gegenüberstellung über das Dokumentarische der Gegenwart aus?
Eigentlich glaube ich, dass die Formen des Dokumentarischen da nicht direkt in Beziehung stehen, weil sie nicht dieselbe Realität beschreiben. Der Kurort, der in den Gedichten beschrieben wird, existiert ja durch die Brände einfach nicht mehr. Baby sieht ja aber in den Bränden z.B. auch eine gewisse Dramatik, die ihr gefällt und auch der Text selbst beschreibt die Szenen des Klimakollapses ja literarisch und nicht dokumentarisch. Vielleicht ist das der Versuch, etwas auf anderer Ebene zu durchdringen, vielleicht um es dann verstehen zu können, vielleicht auch, um es besser zu ertragen und irgendwie handlungsfähig zu bleiben.
► Welche Symbolik kommt dem roten Ahorn zu? Muss dieser verbrennen, damit die Protagonistin das Vergangene neu reflektieren kann?
Der rote Ahorn ist ein Bild für das Vergangene aber auch ein Bild für Iris‘ Hoffnung, dass das Hotel von den Bränden nicht berührt werden wird. Sie untersucht ihn jeden Tag auf Anzeichen der Schädigung und versucht ihn ja auch noch zu retten, als die Feuer schon sehr nah sind. Der musste verbrennen, weil ich Iris diese Illusion nehmen wollte.
– Text & Interview: Anna-Lena Maatz
FRANZISKA GÄNSLER
Hat in Berlin, Wien und Augsburg Kunst und Anglistik studiert. 2020 stand sie auf der Shortlist des Blogbuster Preises und war Finalistin des Open Mike. Ewig Sommer ist ihr Debütroman, er wurde für mehrere Preise nominiert und erscheint im Herbst 2023 auf Französisch.
Ein Gastbeitrag für auxlitera von 👩 ANNA-LENA MAATZ
Aufgewachsen im Allgäu, studiert seit 2020 Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Augsburg. Neben dem Studium schreibt sie für das Online-Magazin ► Schauinsblau und ist Referentin für Kultur des AStA an der Universität Augsburg. Sie ist Teil des ► PROSANOVA 23 Teams und dort im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig.
Das PROSANOVA Literaturfestival findet von Freitag, 23., bis Sonntag, 25. Juni 2023, in Hildesheim statt.
► Infos, Programm und Tickets: www.prosanova.net
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